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Inklusion

Barrieren sind noch allgegenwärtig

„Wegen der paar Rollstuhlfahrer so ein Aufwand!“ Das ist ein Satz, den Eckart Bohn noch zu oft hört. Und der ehrenamtliche Behindertenbeauftragte des Landkreises weiß: Wer so etwas sagt, der denkt auch so. Trotzdem sieht die Zwischen-bilanz, die der Sozialdemokrat für seine Arbeit in den Jahren seit 2017 zieht, recht positiv aus: „Es bewegt sich etwas – unübersehbar“, sagt er. Auch wenn es „erst der Anfang ist“.

Stillstand: Einmal mehr sind die Bahnsteige in Asperg derzeit für Menschen mit eingeschränkter Mobilität wegen des defekten Aufzugs faktisch unzugänglich. Archivbild: Holm Wolschendorf
Stillstand: Einmal mehr sind die Bahnsteige in Asperg derzeit für Menschen mit eingeschränkter Mobilität wegen des defekten Aufzugs faktisch unzugänglich. Archivbild: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. Inklusion fängt mit Umdenken an. Neben baulichen Barrieren sei es vor allem die Gleichgültigkeit für die Belange und Rechte einer vermeintlichen Randgruppe, die Inklusion verhindere, sagte Bohn jetzt, als er seine Arbeit beim Runden Tisch für und mit Menschen mit Behinderung bilanzierte. Er wolle dazu beitragen, dass „Gleichberechtigung zur Selbstverständlichkeit und Inklusion in der Gesamtgesellschaft gelebt wird“.

Voraussetzung für Inklusion bleibe jedoch Barrierefreiheit. Die indessen sei nicht zum Nulltarif zu haben – weshalb allzu oft nichts oder zu wenig für die Beseitigung physischer Hindernisse getan werde. Ein typisches Beispiel ist die erschwerte oder fehlende Zugänglichkeit öffentlicher Verkehrsmittel für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Ein Punkt, in dem Bohn aber konkrete Hoffnungen hat: Das Personenbeförderungsgesetz schreibt vor, den ÖPNV bis zum Jahr 2022 barrierefrei auszubauen. Deshalb lag hier auch der Schwerpunkt der Tätigkeit Bohns in den vergangenen beiden Jahren.

Kernaussage des Gesetzes: Mit Jahresbeginn 2022 müssen alle ÖPNV-Haltestellen barrierefrei sein – nicht nur sogenannte Schwerpunkt-Haltestellen. Bohn hat den Kreistag und die Rathäuser darauf aufmerksam gemacht, was damit auf sie zukommt – eine Aktualisierung des kreisweiten Nahverkehrsplans noch in diesem Jahr ist da die leichteste Aufgabe. Die erfreuliche Nachricht: Bietigheim-Bissingen, Ludwigsburg und Ditzingen haben reagiert und bereits Stufenpläne erarbeitet, um die vorhandenen Barrieren termingerecht bis 2020 abzubauen.

Dagegen aber stehen zwei schlechte Nachrichten. Die erste: Die Förderpraxis des Landes für den barrierefreien Umbau der Haltestellen betrachtet Bohn als „Verhinderungsinstrument“, insbesondere in kleineren Gemeinden werde die Sache nicht zügig genug vorankommen. Und zweitens: Der Termin 2022 gilt nicht für S- und Regionalbahnen, die Deutsche Bahn ist aus der Regelung des Personenbeförderungsgesetzes explizit ausgenommen. Das bedeutet: Auch, wer 2022 tatsächlich vor der eigenen Haustür barrierefrei in den Bus ein- und am Ziel auch wieder aussteigen kann, kommt nicht unbedingt weiter, wenn er in die S-Bahn umsteigen muss. Bohn und die anderen Behindertenbeauftragten in der Region Stuttgart sind deshalb auf die Bahn-Tochter DB Netze zugegangen – und haben sich eine ernüchternde Antwort abgeholt. Einziger Lichtblick: Der Bahnhof Ludwigsburg soll – mit drei weiteren Bahnhöfen in der Region – in erster Priorität komplett barrierefrei ausgebaut werden und damit auch die zu den Zügen passenden Bahnsteige erhalten. Wann es so weit sein wird, bleibt indessen offen.

Immerhin hat Ludwigsburg Aufzüge – im Gegensatz beispielsweise zu den Bahnhöfen in Besigheim, Kirchheim und Sachsenheim. Das führt dazu, dass ein mobilitätseingeschränkter Besigheimer sein Städtle nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln verlassen kann – es gibt keinen für seine Zwecke tauglichen Ersatzbus. „Ein Skandal“, sagt Bohn. Doch auch in Bahnhöfen, die Aufzüge haben, können die Bahnsteige für Behinderte unzugänglich sein: Allzu oft fallen die Aufzüge schließlich aus, häufig wegen Vandalismus, aber auch wegen technischer Schäden. Und Reparaturen lassen nicht selten monatelang auf sich warten – laut VVS-Homepage stehen derzeit Aufzüge in Asperg und Kornwestheim „bis auf Weiteres“ still. Solche Ausfälle, sagt Bohn, seien für die Betroffenen oft viel gravierender – schließlich können sie sich vielfach nicht einfach kurzfristig darauf einstellen.

Doch Barrieren sind nicht immer physisch. Einen Schwerpunkt legt Bohn daher aktuell auch auf eine „barrierefreie Kommunikation“: Ämter und Behörden sollen sich einer einfachen und verständlichen Sprache befleißigen.

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