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Hartz IV

Bedürftige leiden stärker unter Corona

Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass die Zahl der Hartz-IV-Haushalte im Kreis und die Ausgaben des Jobcenters massiv gestiegen sind – und neue Berufsgruppen jetzt Hilfe brauchen.

Der Arbeitsmarkt ist auch im Kreis Ludwigsburg ins Trudeln geraten: Soloselbstständige und Menschen, bei denen das Kurzarbeitergeld nicht reicht, sind jetzt vermehrt auf Hartz IV angewiesen. Foto: Felix Kästle/dpa
Der Arbeitsmarkt ist auch im Kreis Ludwigsburg ins Trudeln geraten: Soloselbstständige und Menschen, bei denen das Kurzarbeitergeld nicht reicht, sind jetzt vermehrt auf Hartz IV angewiesen. Foto: Felix Kästle/dpa
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Kreis Ludwigsburg. Die Coronakrise trifft arme Menschen offenbar besonders hart. Die Tafeln bieten derzeit nur ein reduziertes Angebot an, kostenloses Essen für den Nachwuchs in den Kitas fällt größtenteils flach, Obst und Gemüse ist teurer geworden und Hygieneartikel müssen vom Hartz-IV-Regelsatz bezahlt werden. „Es sind in den vergangenen Wochen zwar Schutzschirme aufgespannt worden“, sagte der Ludwigsburger Grünen-Kreisrat Uwe Stoll am Montag im Sozialausschuss des Kreistages, „Menschen, die Leistungen vom Jobcenter bekommen, sind allerdings vergessen worden.“ Seine Partei fordert deshalb, den Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger zu erhöhen.

Das ist aber Sache des Gesetzgebers, so die Leiterin des Ludwigsburger Jobcenters, Kathrin Falke, gestern im Ausschuss. Ihre Behörde bekommt die Pandemie derzeit ebenfalls mit voller Wucht zu spüren. Im April haben fast 100 Bedarfsgemeinschaften mehr als vor einem Jahr Arbeitslosengeld II (im Volksmund Hartz IV) beantragt. Dazu haben sich deutlich weniger Haushalte vom Bezug abgemeldet. Die Konsequenz laut Falke: ein Plus von 336 Hartz-IV-Haushalten im Kreis Ludwigsburg im Vergleich zu 2019.

Besonders betroffen sind Kleinunternehmer wie Gastronomen und Friseure oder Künstler sowie Menschen, die mit ihrem Kurzarbeitergeld nicht über die Runden kommen. „Allein Selbstständige stellten zwischen dem 18. März und Ende April 222 Anträge auf Arbeitslosengeld II“, sagte die Leiterin, „2019 waren es zusammen etwa 66 Anträge.“ Für den Freien Wähler Werner Nafz aus Hemmingen schwächt das Virus auch Berufsgruppen, die früher nicht im Traum gedacht hätten, einmal auf Hartz IV angewiesen zu sein. „Und wir stehen erst am Anfang der Entwicklung“, so Nafz.

Für die SPD ist es nach Angaben des Bietigheim-Bissinger Kreisrats Thomas Reusch-Frey „ein besonderes Anliegen“, dass die Betroffenen ihre Bezüge zügig bekommen. Das sei laut des Jobcenters in den vergangenen Wochen gewährleistet worden, so Falke. „Die Bewilligung hatte zunächst Vorrang vor der Vermittlung“, sagte sie im Ausschuss. Jetzt würden ihre Mitarbeiter allerdings auch wieder verstärkt daran arbeiten, Menschen in Lohn und Brot zu bekommen.

Dabei kooperiert das .Jobcenter mit Bildungsträgern und freien Wohlfahrtspflegern, die jedoch ihren Präsenzbetrieb rund zwei Monate lang aufgeben mussten. Bei 21 von 23 Projekten habe es laut Falke dennoch Alternativangebote per Telefon oder Videokonferenzen gegeben.

Fest steht schon jetzt, dass auf den Bund und den Kreis zusätzliche Ausgaben zukommen. „Valide Aussagen zu den Kosten sind derzeit aber noch nicht möglich“, so Falke, „dazu ist der Zeitraum zu kurz.“ Bei den Aufwendungen für Unterkünfte und Heizung bilanzierte sie im April ein Plus von fast sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Beim Arbeitslosengeld II steht eine Steigerung von mehr als vier Prozent, im März waren es 3,5 Prozent. Sie werden die Einsparungen aufzehren, die das Jobcenter zu Jahresbeginn registriert hatte.

„Wir haben keine einfache Zeit hinter uns“, räumte Falke gestern ein. Sie betonte aber auch, dass ihr Team die Herausforderungen gut gemeistert habe.

Kreis springt Eingliederungshilfe bei

Der Kreis Ludwigsburg hat vor, die Einrichtungen und Dienste der Eingliederungshilfe, die durch die Pandemie in Schieflage geraten sind, finanziell zu unterstützen. Das hat der Sozialausschuss gestern Nachmittag dem Kreistag empfohlen, der im Juli wieder zusammenkommen soll. Im Raum stehen mehr als 870.000 Euro.

Das Geld soll etwa an Werkstätten für behinderte Menschen und den Förder- und Betreuungsbereich, Fahrdienste, besondere Wohnformen oder Integrationshelfer in Kitas und Schulen sowie Schulbegleiter gehen. Der Sozialdezernent Heiner Pfrommer im Ausschuss: „Während einerseits Dienstleistungen zum Teil oder gänzlich nicht erbracht werden können, entstehen an anderen Stellen erhöhte Bedarfe.“

Er machte zudem klar, dass es sich bei behinderten Menschen um eine besondere Risikogruppe handelt und stationäre und ambulante Träger gleichermaßen vor großen Herausforderungen stehen. Was die genaue Ausgestaltung der Weiterfinanzierung angehe, befinde sich das Landratsamt zudem im Austausch mit der Politik und den kommunalen Spitzenverbänden.

Der Pleidelsheimer Bürgermeister Ralf Trettner (CDU) dankte den freien Trägern gestern und sagte: „Sie haben anstrengende Monate hinter sich.“ Der Freie Wähler Werner Nafz aus Hemmingen attestierte ihnen „Kreativität, Fantasie und eine pragmatische Vorgehensweise“.

Für die Grünen ist es nach eigenen Angaben wichtig, dass die Einrichtungen und Dienste der Eingliederungshilfe „nicht kaputtgespart werden“. Die FDP lobte sie für einen guten Job. Und der Bietigheim-Bissinger Sozialdemokrat Thomas Reusch-Frey betonte: „Der Kreis Ludwigsburg muss ein guter und verlässlicher Partner sein.“ (phs)

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