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„Bergführerin“ für junge Familien

Ursula Weprich arbeitet seit mehr als vier Jahrzehnten als Hebamme – 68-Jährige ist bis im Dezember ausgebucht

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Eigentlich ist Ursula Weprich seit zwei Jahren in Rente. Ihren Hebammenkoffer hat sie aber noch nicht endgültig weggeräumt. Foto: Holm Wolschendorf
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freiberg. Mehr als vier Jahrzehnte ist Ursula Weprich als Hebamme tätig, seit 16 Jahren arbeitet sie ausschließlich selbstständig. Wie viele Schwangere, Wöchnerinnen und Neugeborene sie schon betreut hat, vermag sie nicht annähernd zu sagen.

Eigentlich ist sie seit 2016 in Rente, mit einer riesigen Überraschungsparty auf dem Freiberger Marktplatz wurde Ursula Weprich vor knapp zwei Jahren von ehemaligen Patientinnen verabschiedet. Acht Wochen waren sie und ihr Mann dann mit dem Wohnmobil unterwegs und genossen die neue Freiheit. Doch nach der Rückkehr merkte die frischgebackene Rentnerin, dass ihr etwas fehlt. „Ich habe dann zunächst Kolleginnen vertreten und bin so wieder ins Berufsleben hineingeschlittert“, erzählt die 68-Jährige schmunzelnd. Nicht nur ihr fehlte die Arbeit, sondern ihr Wegfall als Hebamme im Neckartal verschärfte den Versorgungsengpass. Und so freuen sich Kolleginnen und Schwangere, dass Ursula Weprich ihren Hebammenkoffer doch noch nicht endgültig weggeräumt hat.

„Heutzutage ist es so, dass Frauen sich bereits kurz nach Feststellung ihrer Schwangerschaft eine Hebamme suchen müssen“, erzählt Ursula Weprich, die bis Dezember ausgebucht ist. Wenn sie eine Frau neu annimmt, findet zunächst ein Kennlerntreffen statt. Ab der 36. Woche bietet sie geburtsvorbereitende Akupunktur an. Die Frauen melden sich dann nach der Geburt.

„Bis zur Auflösung der Frauenklinik am Zuckerberg habe ich dort 25 Jahre gearbeitet, davon die letzten sechs Jahre nebenher freiberuflich“, erzählt sie, dass sie so den Frauen die komplette Hebammenbetreuung anbieten konnte. Als die Frauenklinik 2002 geschlossen wurde, arbeitete Weprich ausschließlich selbstständig. Das bedeutete Vor- und Nachsorge, aber keine Geburten mehr. Denn die mittlerweile extrem hohen Versicherungspolicen für Hausgeburten sind für selbstständige Hebammen nicht bezahlbar. Ob Stellenbesetzung in Kliniken oder Versicherung, mit ihren Kolleginnen hat Ursula Weprich schon öfter für bessere Arbeitsbedingungen demonstriert. „Es ist mühselig, aber ein bisschen hat sich politisch schon bewegt“, so ihre Einschätzung.

Durchschnittlich zwei bis drei Tage bleiben die Wöchnerinnen in der Klinik, am Tag nach der Entlassung kommt dann zum ersten Mal die Hebamme ins Haus. Die Krankenkasse zahlt bis zu 14 Hausbesuche. Bei Problemen, wie etwa Brustentzündung, ist Weprich jederzeit telefonisch erreichbar. Entwicklungs- und Gewichtskontrolle, Nabelpflege, Baden und Wickeln sind einige Tätigkeiten rund um das Neugeborene. Zur Wochenbettpflege gehören Stillberatung, Kontrolle der Gebärmutterrückbildung, Nahtpflege und Anleitung zur Wochenbettgymnastik. Und natürlich ist es wichtig, mit viel Einfühlungsvermögen auf die individuellen Bedürfnisse der Frauen einzugehen, ihnen zuzuhören und Ängste zu nehmen. „Ich möchte die Urkraft der Frau wecken und das Selbstbewusstsein der Eltern stärken. Ich unterstütze sie, eine Familie zu werden“, erklärt die Hebamme, die sich als eine Art Bergführerin für junge Familien sieht. Eine Uhr trägt sie nicht. „Ich komme nicht zum Kaffee trinken, auch wenn der mir oft angeboten wird. Aber ich bleibe solange, bis ich das Gefühl habe, die Frau ist zufrieden“, so Weprich, die es toll findet, immer wieder in andere Häuser und Kulturen zu kommen. Auch wenn es manchmal mit der Sprache hapere, komme sie zurecht, erzählt die aus Siebenbürgen stammende Hebamme, die Deutsch, Rumänisch, Englisch und etwas Französisch spricht.

„Die jungen Familien sind sehr dankbar für die Unterstützung und geben uns Hebammen sehr viel“, freut sich Ursula Weprich, die im Juni neun Frauen betreut. Seit kurzem ist sie dienstlich öfter mit dem Pedelec im Neckartal unterwegs, auch wegen der zunehmend schlechter werdenden Parkplatzsituation. Wie lange sie den geliebten Beruf ausüben will, weiß die zweifache Großmutter noch nicht. „Eine Tante von mir war bis zum Alter von 88 Jahren als Hebamme tätig, aber das finde ich etwas lang“, erzählt sie schmunzelnd. Und selbst wenn sie früher als ihre Tante die Hebammentasche endgültig an den Nagel hängen sollte, kann Weprich noch viele Wöchnerinnen und Babys betreuen.