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Stiftungsfest

Brücken statt Mauern bauen

Beim 34. Stiftungsfest des Pädagogisch-Kulturellen Centrums hat der jüdisch-christliche Dialog im Mittelpunkt der Festrede des Rabbiners Jehoschua Ahrens gestanden. Auch in den Grußworten wurden Dialog und Toleranz als Säulen der Gesellschaft hervorgehoben.

In seiner Festrede im PKC weist Rabbiner Jehoschua Ahrens auf die Neuentwicklung des jüdisch-christlichen Dialogs hin. Foto: Ramona Theiss
In seiner Festrede im PKC weist Rabbiner Jehoschua Ahrens auf die Neuentwicklung des jüdisch-christlichen Dialogs hin. Foto: Ramona Theiss

Freudental. Seit Abschluss der Sanierungsarbeiten an der ehemaligen Synagoge im Jahr 1985 feiert das Pädagogisch-Kulturelle Centrum Freudental (PKC) jährlich das Stiftungsfest, das gestern mit rund 140 geladenen Gästen stattfand und vom Duo Dosonidos musikalisch umrahmt wurde. „Wir wollen erinnern, dass jüdisches Leben über 200 Jahre in Freudental zu Hause war“, nannte der Vorsitzende Herbert Pötzsch „Erinnern“ als Aufgabe des PKC.

Denn die Erinnerungen an Normalität und Gewalt aufrecht zu erhalten, sei die Grundlage für die Gestaltung der Zukunft. Die Zeit des Nationalsozialismus mit der „industriellen Vernichtung von Millionen Menschen war der Tiefpunkt der deutschen Geschichte“, sagte Pötzsch. „Wie kann man diese zwölf Jahre als Vogelschiss in der deutschen Geschichte bezeichnen?“ ist die Äußerung des AfD-Politikers Alexander Gauland für Pötzsch wie für alle anderen Festbesucher unfassbar. Pötzsch appellierte, auch mit Menschen, die andere Meinungen vertreten, den Dialog zu suchen. Mit dem Bau von Mauern habe es noch nie geklappt, man müsse wie der Festredner, Rabbiner Jehoschua Ahrens, Brücken bauen.

Auch Landrat Dr. Rainer Haas mahnte in seinem Grußwort, man müsse auch „in unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft immer wieder neu lernen, für andere Denk- und Lebensweisen offen zu sein.“ Er hofft, dass sich Europa partnerschaftlich und frei weiterentwickeln möge – wichtig sei ein Europa des Miteinanders statt eines der Partikularinteressen und Nationalstarken. Wie schnell aus Populismus übertriebener Nationalismus und dann Antisemitismus werde, erlebe man gerade bei einigen Mitgliedsstaaten. Haas zeigte sich dankbar, mit dem PKC im Landkreis „eine Heimstätte für Dialog und Toleranz“ zu haben. Ein wichtiger Bestandteil der pädagogischen Arbeit seien die Schulpartnerschaften mit dem Partnerlandkreis Oberes Galiläa. Es sei wesentlich für das Zusammenleben, dass die Menschen über religiöse Grenzen hinweg miteinander im Gespräch blieben, so Haas. Und das sei auch der Kern des Bildungsauftrags im PKC.

Rabbiner Jehoschua Ahrens zeigte in der Stiftungsrede die Neuentwicklung des jüdisch-christlichen Dialogs am Beispiel der Erklärung „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun“. Er selbst ist einer der Initiatoren und Erstunterzeichner dieser bahnbrechenden Erklärung, die von 25 orthodoxen Rabbinern unterzeichnet wurde und mittlerweile über 100 orthodoxe Rabbiner als Unterstützer hat. Es sei eine Antwort auf das 50-Jahr-Jubiläum von „Nostra aetate“, mit der das Zweite Vatikanische Konzil 1965 der Judenmission eine klare Absage erteilte und den Dialog befürwortete. „Einen Dialog auf Augenhöhe gibt es erst, wenn man den anderen theologisch anerkennt und ihn nicht mehr dazu bringen will, den eigenen Heilsweg anzunehmen“, sagte der Rabbiner, dass mit der jüdisch-orthodoxen Erklärung die positiven Veränderungen der christlichen Kirche in Bezug auf Juden anerkannt würden. Wie der Titel ausdrücke, sehe man den Dialog als Gottes Wille und nehme diese moralische Herausforderung an. „Wenn wir als orthodoxe Juden an Gottes Wirken in der Geschichte glauben, muss sein Wille sein, dass es das Christentum gibt“, erkennen die Juden mit ihrer Erklärung Christen als Partner an.

„Wir lehnen den Dialog als Kuschelkurs ab, aber es gibt mehr, was uns verbindet, als trennt“, sagte Ahrens, der Mitglied der orthodoxen Rabbinerkonferenz und Beauftragter für interreligiösen Dialog ist. Es bedeute nicht, dass Jeder ein bisschen von sich aufgebe oder auf seiner Position beharre, aber Christen und Juden seien Brüder. Man sei sich der Grenzen bewusst, aber glaube daran, dass Gott viele Boten zur Offenbarung seiner Wahrheit nutze. „Juden bleiben Juden, Christen bleiben Christen, Muslime bleiben Muslime, aber alle werden erkennen, dass Gottes Wort von Jerusalem ausgeht“, meinte Ahrens.

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