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Ausstellung

Buntes Jahrmarkttreiben im Museum

Wasen abgesagt, Wies’n gestrichen. Die großen und kleinen Volksfeste fielen in diesem Jahr der Corona-pandemie zum Opfer und mit ihnen die Schausteller. Dennoch widmet ihnen das Gerlinger Stadtmuseum eine Sonderausstellung, die heute um 18 Uhr eröffnet wird.

Zwischen Schiffschaukel und Boxauto: Leiterin Christina Vollmer nimmt die Besucher im Gerlinger Stadtmuseum in der Sonderausstellung mit auf einen Jahrmarktbummel. Fotos: Holm Wolschendorf
Zwischen Schiffschaukel und Boxauto: Leiterin Christina Vollmer nimmt die Besucher im Gerlinger Stadtmuseum in der Sonderausstellung mit auf einen Jahrmarktbummel. Foto: Holm Wolschendorf
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Gerlingen. Landauf, landab blieben die Zapfhähne trocken – in Gerlingen dagegen heißt es: „O’zapft is!“. Bürgermeister Dirk Oestringer soll den Hammer schwingen und ein Fass anstechen, die Stadtkapelle aufspielen, so der Plan zur Eröffnung der neuen Ausstellung im Stadtmuseum. Vor dem Gebäude soll zudem das ganze Wochenende über ein Stand mit Süßigkeiten stehen und den Duft von gebrannten Mandeln, Magenbrot und Zuckerwatte verbreiten – schließlich ist Kirmes immer auch ein Genuss für Gaumen und Nase.

Museumsleiterin Christina Vollmer ist wegen ihrer beiden Töchter auf das Thema gestoßen. Mit ihnen gehört der Besuch des Wasens oder des Frühlingsfestes zum Pflichtprogramm, Kettenkarussell inklusive. Für die Kulturwissenschaftlerin war das der Anstoß, sich dem Thema mit seinem bunten Treiben historisch zu nähern. Im Herbst 2019 stand die Idee, im Frühjahr das Konzept, die Vorbereitungen waren in vollem Gange – und dann kam Covid mit voller Breitseite. „Das war nicht abzusehen, dass gerade die Schausteller in eine existenzielle Krise gestürzt werden“, sagt Vollmer. Aber auch diesem Kapitel ist eine Schautafel gewidmet.

Die großen Feste in Süddeutschland sind noch gar nicht so alt, informiert die Ausstellung. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind sie entstanden. Einerseits sollten die Feste Vergnügen bereiten und andererseits im neu sortierten Deutschland in der Gemeinschaft Identität stiften, um ein neues Nationalgefühl zu entwickeln. Schnell wurden daraus Massenveranstaltungen. Davor blieb die höfische Gesellschaft mit ihrem Engagement, dem sie ausgiebig frönte, unter sich.

Mit jährlich normalerweise 6,4 Millionen Besuchern ist das Münchner Oktoberfest weltweit das größte Volksfest. In Deutschland rangiert der Cannstatter Wasen mit vier Millionen Besuchern auf Rang fünf. Dabei wurde und wird das „fahrende Volk“ oft argwöhnisch beobachtet, obwohl sie für Spaß und Abwechslung im Alltag sorgen. „Die meisten Schaustellerbetriebe sind große Familienbetriebe, die über Generationen gewachsen sind, und wo jeder mit anpackt“, klärt die Ausstellung auf. Während der Festsaison ist man meist unter sich, fährt von Kirmes zu Kirmes, trifft dort auf andere Schausteller. Es ist eine Berufsgruppe, in die man als Außenstehender keinen richtigen Einblick hat und das birgt viel Raum für Spekulationen. Dabei hat jede Schaustellerfamilie ihren festen Wohnsitz, an den sie am Ende der Saison zurückkehrt, und klare Strukturen. Die Wintermonate werden genutzt, um die nächste Saison vorzubereiten und um Fahrgeschäfte zu erneuern und zu reparieren. „Grundsätzlich sind Schausteller ganz ordentliche Menschen und das passt gar nicht zu dem Klischee der Romantik. Wir fragen uns dann auch immer, wo soll die Romantik sein und wo die Unordnung“, sagt Mark Roschmann, der Vorsitzende des Schaustellerverbands.

Ihm sind auch die meisten Ausstellungsobjekte zu verdanken. Etwa das Karussellpferd aus dem 19. Jahrhundert, das Boxauto aus den frühen 1970ern, zwei Generationen an Kettenkarussellsitzen. Die Schiffschaukel stammt aber aus dem Depot des Museums. Schieß- und Losbude sind im früheren Klassenzimmer nachempfunden. Roschmanns Vorfahren, Familie Rebmann aus Gerlingen, stehen im Mittelpunkt. Sein Urgroßvater Paul Rebmann verkaufte sein Haus und schaffte einen Wohnwagen, eine Zugmaschine, eine Schießbude sowie ein Kettenkarussell an. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Fahrgeschäfte hinzu. Seine Nachkommen tun es ihm in vierter Generation bis heute gleich. Sie gehörten unter anderem zu den ersten, die ins Autoscooter-Geschäft einstiegen. Die Ausstellung im Stadtmuseum wirft außerdem einen Blick auf die Gerlinger Festlestraditionen.

Info: Die Ausstellung „Über das kleine Glück – Jahrmärkte und Riesenrummel“ läuft bis 28. März. Geöffnet ist in der Weilimdorfer Straße 9-11 sonntags von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr sowie dienstags von 15 bis 18.30 Uhr. Führungen sind möglich. Anmeldung erforderlich unter stadtmuseum@gerlingen.de.

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