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Interview
„Das Auto wird weiter eine große Rolle spielen“: Der neue Stuttgarter Regionaldirektor Alexander Lahl im Interview

„Mein Anspruch ist es, dass das Gemeinschaftsverständnis innerhalb der Region noch an Kraft gewinnt und wächst“: Der neue Stuttgarter Regionaldirektor Alexander Lahl, der seit rund zwei Wochen im Amt ist. Foto: Holm Wolschendorf
„Mein Anspruch ist es, dass das Gemeinschaftsverständnis innerhalb der Region noch an Kraft gewinnt und wächst“: Der neue Stuttgarter Regionaldirektor Alexander Lahl, der seit rund zwei Wochen im Amt ist. Foto: Holm Wolschendorf
An diesem Mittwoch wird der neue Regionaldirektor Alexander Lahl, 51, vereidigt. Sein Verband Region Stuttgart, dem 179 Kommunen, fünf Landkreise und die Landeshauptstadt angehören, steht vor großen Herausforderungen: Mobilitätswende, Transformation der Arbeitswelt und jetzt auch noch Krieg in Europa. Ein Gespräch über Hilfsbereitschaft, Wohlstand und Teamplayer.
Stuttgart/Kreis Ludwigsburg.

Herr Lahl, wie verfolgen Sie die Bilder, die uns aus der Ukraine erreichen?

Sie machen mich fassungslos. Ich hätte nie erwartet, dass in Europa, vor der eigenen Haustür, ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg ausbrechen kann. Das ist eine Katastrophe. Gleichzeitig stelle ich aber auch eine Welle der Hilfsbereitschaft fest. Ehrenamtliche Kräfte engagieren sich in ihrer Freizeit und fahren Hilfsgüter an die Grenze zur Ukraine. Menschen organisieren Demonstrationen und nehmen Flüchtlinge bei sich zu Hause auf. Der gesellschaftliche Zusammenhalt in der Region ist groß.

Wie kann die Region den Menschen helfen, die jetzt vor der russischen Invasion fliehen?

Wir werden uns in der Regionalversammlung am heutigen Mittwoch klar gegen diesen Krieg positionieren und ein Ende der Waffenhandlungen fordern. Die Ukraine kann sich der Solidarität des Verbandes Region Stuttgart sicher sein. Wir haben aber keine konkreten Instrumente, um den Menschen zu helfen. Dafür sind unsere 179 Städte und Gemeinden sowie das Land Baden-Württemberg Ansprechpartner. Dort wird das Thema mit extrem hohem Engagement angegangen.

Müssen wir uns die Frage gefallen lassen, ob eine humane Flüchtlingspolitik nur für europäische Schutzsuchende gilt und nicht für Syrer oder Afghanen?

Ich nehme gerade auch eine andere emotionale Betroffenheit wahr. Ich halte es aber für wichtig, dass wir keine Unterscheidung machen zwischen Schutzbedürftigen, egal welcher Herkunft, welchen Alters, welchen Geschlechts oder welcher Religion. So ist es auch im Grundgesetz festgeschrieben. Ein Großteil der Gesellschaft sieht das meines Erachtens genauso.

Sie sind im Dezember mit vier Stimmen Vorsprung zum neuen Regionaldirektor gewählt worden. Ist die Regionalversammlung in der Frage, wer sie anführen soll, gespalten?

Ich bin seit meinem Start am 15. März herzlich in der Geschäftsstelle und in den Ausschüssen aufgenommen worden. In den Fraktionen sitzen Demokratinnen und Demokraten, die wissen, wie man mit Wahlen umzugehen hat. Von Spaltung kann nicht die Rede sein.

Subsumieren Sie auch die AfD unter Demokraten?

Die AfD ist demokratisch in die Regionalversammlung gewählt. Ob sie demokratisch ist oder nicht, darüber gibt es immer wieder Diskussionen.

Warum hat sich ein Theologe um die Stelle als Regionaldirektor beworben?

Ich habe fast 25 Jahre in verschiedenen Führungs- und Managementpositionen gearbeitet, und zwar immer an der Schnittstelle zwischen Politik und Verwaltung. In den vergangenen sechseinhalb Jahren haben sich zudem für mich als Geschäftsführer von drei gemeinnützigen GmbHs mit 80 Standorten in drei Bundesländern enge Kontakte zu Kommunen ergeben. Themen wie Fachkräftegewinnung, Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder Transformation der Arbeitswelt waren wesentliche Themen, die mich beschäftigt haben – und die auch in der Region gelöst werden müssen.

Der Verbandsvorsitzende Thomas Bopp lag mit Ihrer Vorgängerin Nicola Schelling über Kreuz. Was erwarten Sie jetzt von ihm?

Wir hatten schon vor meinem Amtsantritt sehr gute und vertrauensvolle Gespräche, das hat sich fortgesetzt, seit ich im Dienst bin. Mein Eindruck ist, dass der Verbandsvorsitzende ein Teamplayer ist. Ich halte es für positiv, dass wir in der Region zwei Köpfe an der Spitze haben, die miteinander etwas bewegen wollen.

Ende Mai entscheiden in Mundelsheim die Bürger darüber, ob ein regionaler Gewerbeschwerpunkt an der A81 entwickelt werden soll. Vor zweieinhalb Jahren gaben die Menschen in Schwieberdingen grünes Licht für ein ähnliches Projekt. In Dettingen im Kreis Esslingen stoppten sie einen geplanten Hochtechnologie-Standort. Warum sind solche Vorhaben keine Selbstläufer mehr?

Die Menschen sind sensibler, mündiger und kritischer geworden – und sie achten sehr genau darauf, was in ihrer nächsten Umgebung geschieht. Sie wollen zum Beispiel wissen, was es für Umweltfolgen oder verkehrliche Auswirkungen für sie hat, wenn ein Gewerbegebiet ausgewiesen werden soll.

Wie wollen Sie die Bürger überzeugen?

Wir müssen als Verband Region Stuttgart lernen, dass die klassischen Antworten wie Arbeitsplätze oder Wohlstand allein nicht mehr ausreichen. Darüber hinaus ist es wichtig, die Menschen mitzunehmen und im Idealfall zu gewinnen. Nur Wissen schafft Verständnis und Kommunikation ebnet Wege. Wir müssen neue Kommunikationsformate konzipieren, die auch dezentral ausgerichtet sind.

Warum braucht die Region weitere Gewerbegebiete?

Wir brauchen Gewerbegebiete, um den Transformationsprozess der Wirtschaft zu unterstützen. Ich denke an Brennstoffzellen- oder Wasserstofftechnologien, die innovativ und nachhaltig sind. Ich hoffe, dass schon der Bürgerentscheid über die Brennstoffzellen-Fabrik von Cellcentric in Weilheim am 24. April positiv für die Region Stuttgart ausgehen wird. Das wäre ein wichtiges Signal für die gesamte Region und ihre Zukunftsfähigkeit.

Die Region wollte auch ein Zentrum für künstliche Intelligenz ansiedeln, verlor aber gegen Heilbronn. Haben Stuttgart und die umliegenden Landkreise an Strahlkraft verloren?

Das sehe ich nicht so. Ich glaube, dass unsere Strahlkraft noch größer wird. Wir bedauern es natürlich sehr, dass wir nicht den Zuschlag bekommen haben. Aus der Bewerbung hat sich aber ein Schub entwickelt. Wir haben frühzeitig eine Genossenschaft gegründet, die jetzt weiterarbeitet und künstliche Intelligenz in der Fläche verankert. Wir sind hier sehr gut mit den Regionen Karlsruhe und Neckar-Alb unterwegs.

Der Ex-OB Fritz Kuhn hat einmal gesagt, dass Stuttgart von „extrem eigensinnigen Städten“ umgeben sei. Braucht es ein stärkeres regionales Bewusstsein?

Eigensinnigkeit ist zunächst mal keine schlechte Voraussetzung. Jede Kommune will sich, so gut es geht, entwickeln. Dass bei einer Entscheidung der Region, die auch mal zugunsten einer anderen Stadt oder Gemeinde ausfallen kann, nicht gleich eine La-Ola-Welle gestartet wird, kann ich verstehen. Mein Anspruch für die kommenden acht Jahre ist aber, dass das Gemeinschaftsverständnis innerhalb der Region noch an Kraft gewinnt und wächst.

Sie wohnen mit Ihrer Familie in Nürtingen. Mit welchem Verkehrsmittel fahren Sie an Ihren neuen Arbeitsplatz in der Stuttgarter City?

Ich laufe morgens zum Bahnhof, auch wenn ich den Bus nehmen könnte. Ich mag es, gerade bei schönem Wetter zu Fuß zu gehen. Dann steige ich in den Zug, der mich direkt zum Hauptbahnhof bringt. Ich genieße das, weil ich die vergangenen Jahre, beruflich bedingt, viel Zeit auf der Straße verbracht habe.

Die Arbeit der Region bekommen die Bürger vor allem beim ÖPNV zu spüren. Wie ist die Lage bei der coronageplagten S-Bahn?

Bis 2019 ging die Kurve der Fahrgastzahlen stetig nach oben. Im Vergleich dazu befinden wir uns aktuell wieder bei rund 80 Prozent. Der VVS und die Region arbeiten daran, dass die Zahlen weiter kontinuierlich steigen werden.

Wann sind Sie bei 100 Prozent?

Das ist schwer vorherzusagen. Wir planen gerade eine Kampagne, um die Fahrgäste nach Corona zurückzugewinnen. Dazu kommt das von der Bundesregierung propagierte Nahverkehrsticket für neun Euro pro Monat. Wir werden uns genau anschauen, welche Konsequenzen das auf die Fahrgastzahlen haben wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir schon bald wieder gute Bilanzen vorlegen werden.

Was halten Sie vom Neun-Euro-Ticket für 90 Tage?

Die Bundesregierung hat eine Tür geöffnet, die neue Perspektiven, aber sicherlich auch Diskussionen bringen wird.

Die Region investiert in den kommenden Jahren weit mehr als 100 Millionen Euro in die S-Bahn. Lohnt sich das überhaupt noch, denn Entwicklungen wie Homeoffice oder Online-Shopping werden nicht mehr verschwinden?

Der Ausbau des ÖPNV ist ein ganz wesentlicher Schlüssel, um die Mobilitätswende zu schaffen und die Klimaschutzziele zu erreichen. Der Verband Region Stuttgart hat sich auf die Fahnen geschrieben, diese Wende mitzugestalten und Klimaneutralität herzustellen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir diesen Weg weitergehen müssen.

In den vergangenen Jahren sind die Ticketpreise bis auf eine Ausnahme immer gestiegen. Wie lässt sich dieser Automatismus durchbrechen?

Ein Stück weit ist das nachvollziehbar, wenn man sich die Inflation oder die Energiepreise anschaut. Wir wollen möglichst vielen Bürgern die Möglichkeit geben, den ÖPNV zu nutzen, ein gutes Tarifsystem gehört sicherlich dazu.

Im Kreis Ludwigsburg nimmt die geplante Stadtbahn Fahrt auf. Wie blickt die Region auf dieses Vorhaben?

Der Ausbau des ÖPNV ist aus meiner Sicht immer positiv zu bewerten. Wir werden ausloten, inwiefern eine Schnittstelle zur Schusterbahn machbar ist. Daraus würden gute Mehrwerte für alle entstehen.

Welche Rolle spielt das Auto künftig noch?

Je urbaner es in der Region ist, desto vielfältiger ist das Mobilitätsangebot. Ich glaube, dass es auch im ländlichen Bereich zunehmend unterschiedliche familiäre Mobilitätskonzepte geben wird. Es wird nicht mehr nur heißen: Auto zu fahren oder den ÖPNV zu nutzen. Ich gehe von einem Mobilitätsmix aus, der zum Beispiel mit E-Bikes oder E-Rollern ausdifferenziert wird. Das Auto wird weiterhin eine große Rolle spielen, allerdings rücken alternative Antriebstechniken in den Fokus.

Sehen Sie noch Chancen für den Bau des Nord-Ost-Rings zwischen Kornwestheim und Fellbach?

Der Nord-Ost-Ring ist in der Regionalverkehrsplanung fest verankert. Ich spüre einen starken Willen einer Mehrheit in der Regionalversammlung, dass dieses Projekt umgesetzt wird. Mir ist aber auch bewusst, dass der Ball im Feld des Landes und Bundes liegt. Ich hatte mit den Entscheidungsträgern dort noch nicht die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen. Deshalb kann ich derzeit nicht einschätzen, ob der Nord-Ost-Ring realisierbar ist oder nicht.