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Hausärzte

„Das Virus ist schneller als wir“

Wer derzeit bei der Hausarztpraxis Dr. Dieter Böhm in Marbach anruft, landet auf dem Anrufbeantworter: „Die Praxis ist von 23. März bis 5. April von den Behörden geschlossen worden“, heißt es. In der Praxis gab es einen Coronafall. Im Umgang damit stieß Dr. Dieter Böhm auf einige Hürden. Er warnt: „Das Virus ist schneller als wir.“

Ein Zettel an der Praxistür weist darauf hin, dass die Praxis geschlossen ist.Foto: Holm Wolschendorf
Ein Zettel an der Praxistür weist darauf hin, dass die Praxis geschlossen ist. Foto: Holm Wolschendorf

Marbach. Was war passiert? Ein bis dato rüstiger Rentner kam in die Praxis, klagte über Fieber und Kopfschmerzen. Er hatte keine Kontakte zu Coronakranken – zumindest wusste er von keinen – und war in keinem Risikogebiet. Nach eigenen Aussagen hatte er sich um einen Test bemüht, war aber abgewiesen worden. Zu Recht, wie ein Sprecher des Landratsamts Ludwigsburg auf Anfrage unserer Zeitung sagt. Ein Test auf Verdacht sei sinnlos. „Der Test ist erst dann aussagekräftig, wenn die Symptome auftreten.“

Da das Fieber partout nicht sank, verordnete der Marbacher Arzt dem Mann per Telefon Antibiotika und bat den Patienten, nicht mehr in die Praxis zu kommen. Es half nichts, das Fieber blieb hoch, so dass Böhm den Mann schließlich in der Klinik anmeldete – zu diesem Zeitpunkt nicht mit dem Verdacht einer Coronaerkrankung. Die Benachrichtigung, dass sein Patient positiv auf Corona getestet worden war, kam nicht wie gedacht vom Gesundheitsamt, sondern zufällig von der Ehefrau des Mannes. Böhm ist fassungslos über die mangelnde Information: „So kriegen wir die Infektionsketten nicht in den Griff.“ Denn Böhm und seine Mitarbeiterinnen hatten ja nichts von der Erkrankung gewusst, und so waren mit dem Mann bei seinem Besuch auch zeitgleich andere Patienten in der Praxis. „Eine unnötige potenzielle Ansteckungsgefahr“, so Böhm.

Der Arzt griff also selbst zum Telefon und meldete den Fall beim Gesundheitsamt mit der Frage, was denn nun zu tun sei, bekam aber keine befriedigende Antwort, wie er es vorsichtig formuliert. Es wurde gesagt, dass er eigentlich die Praxis zwei Wochen schließen müsste. Er könne aber weiter arbeiten, wenn er Schutzkleidung und Atemschutzmasken tragen würde – die er wie viele derzeit aber eben nicht zur Verfügung hat.

Der Vorschlag Böhms, ihn und seine Mitarbeiter zu testen, wurde abgeschmettert. Das sei nicht möglich. „Wir sind doch Multiplikatoren“, kann Böhm nur den Kopf schütteln. Er musste also schließen. Eine große Praxis ist somit zwei Wochen geschlossen, alle Patienten müssen entweder abwarten oder zu einer Vertretung gehen, „Da wird ohne Not eine ganze Praxis lahmgelegt. Wir haben Herzpatienten und andere instabile Patienten, die unsere Dienste brauchen“, gibt der 62-jährige Arzt zu bedenken.

„Wir brauchen Leute, die handeln“, betont er, der als früherer leitender Notarzt im Landkreis Ludwigsburg weiß, wovon er spricht. Ganz dringend müssten auch Arztpraxen, Pflegedienste und Pflegeheime mit Atemschutzmasken und Schutzanzügen ausgestattet werden. „Sonst kommen wir wie in Italien in die Triage, wo entschieden werden muss, wer am Leben bleiben darf und wer nicht“, wird Böhm drastisch.

In den oberen Politiketagen werde viel geredet, es komme aber unten nichts an. Zu viele verschiedene Institutionen seien zuständig: die Gemeinde, das Gesundheitsamt, die Ärztekammer, die Kassenärztliche Vereinigung – alle machten irgendetwas, nur nicht koordiniert. Böhm: „Seit Tagen wird gemeldet, es würden Milliarden ausgegeben, alle arbeiteten mit Hochdruck, die benötigten Mittel seien unterwegs. Das mag ja alles sein – aber es kommt eben definitiv nichts unten an.“

Böhm ist überzeugt davon, dass es Kommandostrukturen und eine straffere Organisation brauche, um der Krise Herr zu werden, Bundeswehr, Feuerwehren, THW und weitere Organisationen – sie alle seien dafür ausgebildet, schnell und konsequent zu reagieren. Sie müssten dafür sorgen, dass Hausarztpraxen und Pflegedienste und andere, die wichtig für die Struktur sind, mit Schutzausrüstung versorgt werden. Und zwar schnell. „Das Virus ist immer noch schneller als wir, also müssen wir noch wesentlich schneller werden“, sagt der Arzt.

Was letztendlich dazu geführt hat, warum der Arzt nicht informiert wurde, könne man nicht mehr nachvollziehen, aber „auch wir machen Fehler“, gibt ein Sprecher des Landratsamtes Ludwigsburg zu. Vielleicht habe sich die Klinik auf das Landratsamt verlassen oder umgekehrt. Zu dem erkrankten Mann habe ja aber offenbar Kontakt bestanden, so dass Maßnahmen besprochen werden konnten.

Zusammen mit der Ärzteschaft habe das Landratsamt alle Hausärzte in immer wieder angepassten Schreiben per Mail über die Vorgehensweise bei Kontakt mit positiv getesteten Patienten informiert. Vor allem in der letzten Information habe man darauf hingewiesen, dass eine Schließung der Praxis nicht zwangsläufig notwendig sei und man unter bestimmten Sicherheitsmaßnahmen weiter arbeiten könne. „Eine gewisse Holschuld der Kollegen würden wir in diesen schwierigen Zeiten schon voraussetzen“, sagt der Sprecher der Behörde. Der Arzt habe mit der Praxisschließung das größtmögliche Sicherheitsniveau umgesetzt. Wann Schutzausrüstung geliefert wird, könne man nicht sagen. „Wir selbst warten auf die vom Land Baden-Württemberg angekündigten Lieferungen.“

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