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Stadt plant zahlreiche Änderungen
Der Aufschrei der Markgröninger Schäferlauf-Traditionalisten

„Lasst den Festzug wieder durch die Ostergasse ziehen“: Schäferlauffreunde in Markgröningen sorgen sich um Gegenwart und Zukunft des ältesten schwäbischen Heimatfestes. Foto: Alfred Drossel
„Lasst den Festzug wieder durch die Ostergasse ziehen“: Schäferlauffreunde in Markgröningen sorgen sich um Gegenwart und Zukunft des ältesten schwäbischen Heimatfestes. Foto: Alfred Drossel
Mit dem Markgröninger Schäferlauf kehrt das älteste schwäbische Heimatfest Ende August nach zweijähriger Zwangspause zurück. Doch Einheimische fürchten, dass jetzt das Schäferlauf-Feeling in der Innenstadt für immer verloren gehen könnte. Will die Stadt mit den historischen Wurzeln des Festes brechen?

Markgröningen. Früher schmückte Margret David die Fassade ihrer Bartholomäus-Apotheke an der Markgröninger Ostergasse mit Birkengrün. Sie stellte Blumen auf und dekorierte die Schaufenster mit historischen Fotografien oder Utensilien des Schäferlaufs. „Heute hänge ich nur noch eine Stadtfahne heraus und mache mir keine Arbeit mehr mit dem Fensterschmuck“, sagt sie. Im gegenüberliegenden Schuhladen von Anneluise und Otto Ilg bringen die Inhaber ihre Enttäuschung auf gut Schwäbisch zum Ausdruck. „Der Schäferlauf ist lang net mehr so schön wie früher – leider, leider. Mir stellet auch nemme so viel ins Schaufenster. Für wen auch? Noch a paar Schäfle ond a Schäferkärrele.“

Bei David und den Ilgs schwingt eine Befürchtung mit: Dass aus dem ältesten schwäbischen Heimatfest, das im Jahr 1445 erstmals urkundlich erwähnt wurde, ein Straßenfest wie jedes andere werden könnte, und die Stadt mit den traditionellen Wurzeln des Schäferlaufs bricht. Hintergrund ist eine Entscheidung, die die Verwaltung vor etwa acht Wochen im Arbeitskreis Schäferlauf verkündet, einem Gremium, in dem Rathausmitarbeiter, Kommunalpolitiker und die Schäferlaufsprecher zusammenkommen.

Am Schäferlaufsamstag rücken zahlreiche Programmpunkte nach hinten

Der Kern: Fast alle Programmpunkte am Vormittag des Schäferlaufsamstags werden mehr oder weniger um ein bis zwei Stunden nach hinten verschoben. Der Spielmannszug soll die Markgröninger jetzt nicht mehr um 6 Uhr wecken, sondern erst um 8.30 Uhr. Der Landrat wird später abgeholt, die Turmmusik oder der Festzug zum Gottesdienst rücken ebenfalls nach hinten. Einer, der bei der Sitzung des Arbeitskreises dabei war, sagt: „Widerspruch war zwecklos.“ Später billigt auch der Gemeinderat die Marschroute der Verwaltung. „Sie ist damit demokratisch legitimiert“, sagt der Freie Wähler und stellvertretende Bürgermeister Rainer Gessler, der einer der wenigen war, der gegen die Änderungen stimmte.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Stadt Hand an den Schäferlauf legt, dem die Unesco vor vier Jahren den Kulturerbetitel verleiht. Das Fest beschert der hoch verschuldeten Kommune jedes Jahr Verluste in sechsstelliger Höhe. Bereits 2004 beschließt die Kommunalpolitik, Teile des viertägigen Programms in private Hände zu geben. Später werden der Krämermarkt, das Programm auf dem Stoppelfeld, das Festspiel oder die Route des Festzugs modifiziert – weg von der Ostergasse, die die Stadt für zu eng befindet, hin auf die Grabenstraße und die Esslinger Gasse.

Pferde und Kutschen könnten im Umzug ins Rutschen kommen

Das sorgt unter Altmarkgröningern nun für Kopfschütteln. „Die Ostergasse ist doch der Kern unserer historischen Altstadt“, sagt Ernst Erfle, seit Jahrzehnten Schlagzeuger des Musikvereins Stadtkapelle. Er findet, dass die neue Route durch die Esslinger Gasse ein viel größeres Risiko für die Sicherheit ist. Weil es hier abschüssig zugeht, wenig Fluchtwege und kaum Platz fürs Publikum zur Verfügung stehen. Der langjährige Festreiter Wolfgang Hörer, der den Umzug anführt, gibt Erfle recht. „Das ist ein gefährlicher Abschnitt. Pferde und Kutschen könnten auf dieser schiefen Ebene ins Rutschen geraten.“ Sein Ross hatte deswegen Beschwerden an den Fesseln. Den Spitzenbeamten im Markgröninger Rathaus ruft Hörer zu: „Lasst den Festzug wieder durch die Ostergasse ziehen, nicht mehr über die triste Grabenstraße und die steile Esslinger Gasse hinab.“

Dieses Jahr wird das aber nichts mehr werden. Das gilt auch für ein liebgewonnenes Ritual: die Abholung des Landrats, der als Nachfolger der Vögte fungiert. Erfles Frau Irmgard erinnert sich: „Wenn wir früher den Landrat am Bahnhof abholten und ihn in der Kutsche über die Bahnhofstraße und die Ostergasse zum Rathaus geleiteten, hatte das etwas von mittelalterlicher Stimmung – so im Morgenlicht mit Pfeifenklängen und Trommelschlägen.“ Und heute? Geht es mit dem Neu-Landrat Dietmar Allgaier, für den es zur Schäferlauf-Premiere kommt, nicht vom Schäfle-Rondell an der Bahnhofstraße, sondern vom Cap-Supermarkt auf den Marktplatz.

Der Musikverein will trotzdem um 6 Uhr zum Wecken aufmarschieren

Es wird aber wohl auch einen Akt zivilen Ungehorsams geben: Der Musikverein denkt offenbar nicht daran, zum Wecken erst um 8.30 Uhr aufzumarschieren. Er will das weiterhin um 6 Uhr tun – so wie vor 100 Jahren.

Margret David, Anneluise und Otto Ilg, Rainer Gessler, Wolfgang Hörer, Irmgard und Ernst Erfle sind sich einig: Der Schäferlauf müsse wieder auf ein stabiles Fundament gestellt werden, das seinen historischen Wurzeln gerecht wird. „Mit ständigen Änderungen wird das nichts“, sagt auch Helmut Hermann, Mitglied des Markgröninger Arbeitskreises Geschichtsforschung und Denkmalpflege. Er bemängelt zudem, dass die Umstellungen ohne Not und von oben herab verordnet worden seien. Die Schäferlauffreunde Hans-Joachim Wetzel und Veit Steinle fragen sich derweil: „Warum wurden die diesjährigen Änderungen nicht früher bekanntgemacht?“

Dresden hat die Unesco den Kulturerbetitel wieder weggenommen

Ein Ausweg könnte jetzt ein Runder Tisch sein, an dem Stadt, Mitwirkende und Vertreter der Schäferlaufgruppen zusammenkommen, und zwar öffentlich. Das wird aber erst nach dem Fest passieren, wie Bürgermeister Jens Hübner bereits hat durchblicken lassen. „Vielleicht liegen wir ja auch falsch“, sagt Gessler. „Aber die Stadtgesellschaft muss bei diesem Thema mitgenommen werden.“ Damit meint er auch Menschen wie Jürgen Rabsch, der am Marktplatz eine Versicherungsagentur führt. Er will den Schäferlaufsonntag boykottieren und lieber zu einem Jedermann-Rennen nach Stuttgart gehen, wo die Deutschland-Tour Station macht.

Was passieren kann, wenn man sein historisches Erbe nicht pflegt, hat die Stadt Dresden zu spüren bekommen. Das dortige Elbtal ist seit 2009 nicht mehr Teil des Weltkulturerbes. Weil die Kommune trotz Mahnungen den Bau der umstrittenen Waldschlösschenbrücke vorantrieb, erkannte die Unesco den Status wieder ab – eine Blamage.

Info

Der Markgröninger Schäferlauf findet in diesem Jahr vom 26. bis 29. August statt.

Zahlen und Fakten

100.000 Besucher sollen alljährlich auf den Markgröninger Schäferlauf kommen – Kenner winken jedoch ab und sagen, dass es schon lange nicht mehr so viele seien. Sie glauben, dass der Besucherschwund nur aufgehalten werden kann, wenn sich die Stadt wieder auf die altbewährten Abläufe besinnt. Die sucht unterdessen kurz vor dem Start offenbar noch Wasserträgerinnen und Wettläufer für das Spektakel auf dem Stoppelfeld.