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Wetter
Der Hagelflieger und das Unwetter in Mundelsheim und Oberstenfeld

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Besteht ein direkter Zusammenhang zwischen den Überschwemmungen in Mundelsheim und Oberstenfeld und den Hagelabwehrflügen, welche regelmäßig vor großen Gewittern in der Region gestartet werden, fragt sich unser Leser Kenan Kaya.

Mundelsheim/Oberstenfeld. „Der Hagelflieger hat das Unwetter noch verstärkt“, davon ist Kenan Kaya überzeugt. Seine Eltern wohnen in der Nähe des Mundelsheimer Tors und waren direkt von dem Starkregen am 19. Mai betroffen. Ein Augenzeuge hatte ihm berichtet, dass etwa ein bis zwei Stunden vorher der Hagelflieger geflogen sei, woraufhin Kaya recherchierte. Das Flugprotokoll bestätigte: um 17.45 Uhr über Ludwigsburg, um 17.50 Uhr über Marbach, dann wieder über Ludwigsburg und um 18.15 sowie um 18.20 Uhr über Bietigheim-Bissingen. Kaya beschäftigte sich weiter mit dem Thema und weiß inzwischen: „Durch den Hagelflieger wird der Hagel verhindert beziehungsweise werden die Hagelkörner geringer, aber man rechnet mit 20 Prozent mehr Wassermassen“, sagt er.

Manche würden sagen, der Hagelflieger bringe nichts, so hat er recherchiert. Der Meteorologe Jörg Kachelmann beispielsweise schießt beinahe jährlich gegen den Hagelflieger. Er erklärte vergangenes Jahr in der Stuttgarter Zeitung, dass das nur funktioniere, weil „viele Menschen gern an Hokuspokus glauben“. Vor vier Jahren ging er noch einen Schritt weiter und bezeichnete die, die das „sinnlose Tun“ bezahlen, als „Dorfdeppen“. Er argumentiert, dass die Flugzeuge nie dort seien, wo der Hagel sei. Und dass Großhagel ein und denselben Ort im Schnitt nur alle 20 Jahre treffe und man so in den hagelfreien Jahren immer behaupten könne, dass es an den Hagelfliegern läge.

Im Labor funktioniert die Methode

Die Landesregierung steht der Methode ebenfalls skeptisch gegenüber und gibt deshalb auch keine Zuschüsse aus Landesmitteln für die Finanzierung der Hagelflieger. Denn einen wissenschaftlichen Beweis für die Wirksamkeit der Wolkenbehandlung mit Chemikalien gibt es nicht. Im Labor funktioniert die Methode zwar. Aber da es beim echten Wetter niemals zwei identische Gewitterwolken gebe, lasse sich einfach nicht messen, welchen Schaden eine Wolke mit und ohne Behandlung angerichtet hätte.

Bei einem Großversuch, der von 1977 bis 1981 in der Schweiz lief, wurden 216 Gewitterwolken nach dem Zufallsprinzip geimpft oder nicht geimpft. Hinterher wurde festgestellt, dass kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen geimpfter und nicht geimpfter Gewitterzelle festzustellen sei.

Was tun die Hagelflieger überhaupt? Droht ein Gewitter, steigen die Hagelflieger auf, dringen ins Zentrum des Unwetters ein und verbrennen eine Silberjodidlösung, wie es im Fachjargon heißt. Dadurch entstehen Kondensationspartikel, die in den Wolken versprüht werden und dazu führen, dass sich keine großen, sondern viele kleine Hagelkörner bilden, die im Idealfall schmelzen, bevor sie überhaupt den Boden erreichen. Laut Landratsamt Rems-Murr trägt die Hagelabwehr, die es in der Region Stuttgart seit 1980 gibt, nachdem in den 70er Jahren schwere Hagelschläge zu Ernteausfällen geführt hatten, dazu bei, Ernteausfälle im Wein- und Obstbau und in der Landwirtschaft zu verringern, ebenso Schäden an Autos und Immobilien. Das Landratsamt Rems-Murr ist für die Hagelflieger in der Region zuständig. So habe sich etwa immer wieder auf Radarbildern gezeigt, dass geimpfte Gewitterzellen, die eigentlich viel Hagelpotenzial in sich getragen haben, nach dem Einsatz keinen Hagel verursacht hätten.

Hohes Starkregenpotenzial am 19. Mai

Für die Wirksamkeit wird gerne der 28. Juli 2013 angeführt, als in Reutlingen der schlimmste Hagelsturm wütete, den es je in Deutschland gegeben hat. Auf 1,4 bis 1,9 Milliarden Euro schätzten Versicherungen den Schaden. In Stuttgart, dem Rems-Murr-Kreis und dem Kreis Ludwigsburg, wo der Flieger im Einsatz war, verursachte das Unwetter hingegen keine Schäden. Aber aus dem Landratsamt Rems-Murr heißt es auch: „Durch die Hagelabwehr können nicht alle Hagelschäden verhindert werden.“

Speziell am 19. Mai hätten die Gewitterzellen an sich ein hohes Starkregenpotenzial gehabt, so die Experten aus dem Landratsamt. Die Luft war recht feucht, sie hatte somit einen hohen Gehalt an zur Niederschlagsbildung verfügbarem Wasser. Dazu war sie energiereich und es herrschte eine hohe Labilität. „Eine Gewitterzelle wird – grob gesagt – durch ihren Aufwind gefüttert. Dieser führt ihr die feuchte und warme Luft – ihren Treibstoff – zu, aus der sie sich selbst und letztlich der Niederschlag entwickelt“, so der Experte. Durch die Umgebungsbedingungen waren die Aufwinde an dem Tag sehr kräftig. Damit konnte rasch viel feuchte Luft umgesetzt werden, so dass letztlich viel Niederschlag in kurzer Zeit erzeugt wurde. Zudem verlagerten sich die Zellen nicht allzu schnell, was dann einem Ort ein bisschen länger den starken Niederschlag bringt. „Es gab dazu auch an einigen anderen Orten Wolkenbrüche, weil einfach die ‚Zutaten‘ generell gepasst hatten“, so die Antwort aus dem Landratsamt.

Finanzierung bis 2026 gesichert

Wenn der Hagelflieger ein bis zwei Stunden vor dem Starkregenereignis geflogen sei, dann habe das keine Auswirkung mehr. „In dieser Zeit hat sich die Luft schon längst verteilt. Die Luft, die dann vom Gewitter aufgenommen und umgesetzt wird, ist eine andere“, erklärt der Fachmann vom Landratsamt.

Wer letztendlich recht hat? Man weiß es nicht, vielleicht hat man auch einfach nur Glück oder Pech. Fakt ist, der Hagelflieger fliegt seit 42 Jahren und wird es auch bis 2026 weiter tun. So lange ist die Finanzierung gesichert (siehe Text unten).

Stichwort:

Zwei Hagelflieger für die Region Stuttgart sind am Flughafen Stuttgart stationiert. Die Kosten belaufen sich pro Flugzeug auf 150 000 Euro jährlich. An der Finanzierung beteiligen sich der Rems-Murr-Kreis, die Landkreise Ludwigsburg und Heilbronn, Kommunen wie Stuttgart und Esslingen, Obst- und Weinbauverbände, Weingüter sowie Unternehmen wie Mercedes-Benz. Der Autohersteller will seine Fahrzeuge, die unter freiem Himmel abgestellt sind, vor Hagel schützen. 2022 gab es bisher sechs Einsatztage mit zehn Flügen.