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Literatur

Der Mensch steht im Mittelpunkt

Die Schriftstellerin und Musiktherapeutin Ursula Jetter erhält das Bundesverdienstkreuz

Gratwanderungen, Konflikte und Absurditäten: Die Schriftstellerin Ursula Jetter an ihrem Schreibtisch im Keller. Foto: Holm Wolschendorf
Gratwanderungen, Konflikte und Absurditäten: Die Schriftstellerin Ursula Jetter an ihrem Schreibtisch im Keller. Foto: Holm Wolschendorf

Möglingen. Überall Antiquarisches, exotische Musikinstrumente und vor allem: Bücher. Das Haus von Ursula Jetter ist über die Jahrzehnte zu einer Festung des Wissens geworden, auf eine charmante Art chaotisch und doch wohlsortiert. „Warten Sie mal, das Buch liegt wohl doch im Keller“, sagt sie zu ihrem Besucher und steuert die Treppe zum Untergeschoss an, wo sie in einem großen Wohnraum mit altmodischen Schirmlampen etwa die Hälfte aller Ausgaben, also gut zwei Dutzend, ihrer Literaturzeitschrift „Exempla“ drapiert hat wie auf einem Verkaufstresen. Auf einem anderen Tisch liegen ihre eigenen Geschichten, Erzählungen und Essays wie „Grenzgänge, Niemandsland“, „Die Prozession aus Afrika“, „Minotaurus“ oder „Die Frau mit den Koffern“, insgesamt elf Bücher sind es. Ihre Schreibecke hat die Schriftstellerin und Musiktherapeutin im Wohnzimmer – mit Blick auf den Garten („Die Kraft der Natur ist wirklich erstaunlich!“), in dem das Grün viele Freiheiten erhält, eine prächtige Glyzinie vor dem Fenster in alle Richtungen sprießt.

Bewegungsfreiheit, auch im Geiste – das passt und gehört zu Ursula Jetter. Als Person mag die 78-Jährige bisweilen als streitbarer Geist gelten, gleichzeitig verfügt sie aber über einen geerdeten, herzlichen Sinn für Humor. Sie ist eine, die sehr wohl weiß, was sie über die Jahre alles gestemmt hat, beruflich wie privat, sich aber gleichwohl nicht wichtiger nimmt als nötig. „Es gab viele Härten und viele Siege“, sagt sie. „Ich bedauere nichts.“ An einem Tag im Mai lag dennoch ein Schreiben von hoher Stelle bei Ursula Jetter im Briefkasten, Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ließ mitteilen, dass für die Möglingerin hohe Ehren anstünden. Am kommenden Montag erhält sie für ihre Verdienste um das Gemeinwohl nun das Bundesverdienstkreuz, überreicht von Kunststaatssekretärin Petra Olschowski, Landrat Rainer Haas wird ebenfalls zu einem Grußwort erwartet. Was ihr das bedeutet? „Ach...“, seufzt Ursula Jetter und lacht amüsiert, um dann leise doch noch hinterherzuschieben: „Ein bisschen freue ich mich schon.“

Die Menschen sind ihr wichtig, im Leben wie in der Kunst. „Das ist mein Schwerpunkt – Ernst, Lust und volles Leben.“ Immer wieder basieren ihre Arbeiten vage auf real Erlebtem als Musiktherapeutin mit eigenem Therapiehaus in Winnenden, wo sie mit an Schizophrenie und Alkoholismus Erkrankten arbeitete. Sie kennt die menschlichen Abgründe, die für sie oft weniger belastend als vielmehr faszinierend waren.

Die Zeiten waren auch für Ursula Jetter nicht immer einfach. Zehn Jahre lang pflegte sie ihren kranken Mann, bevor sie vor 20 Jahren Witwe wurde, zog die Kinder – zwei Töchter, einen Sohn – groß, arbeitete, den ganzen Tag. Und abends? „Wenn man nicht weg kann, schreibt man eben.“ Bevorzugt über Gratwanderungen, Konflikte und Absurditäten. „Ich habe Innenreisen gemacht, weil richtige Reisen nie möglich waren.“ Geschrieben hat sie schon immer gerne, aber auch die anderen Künste begeisterten sie. 1940 in Bruchsal auf die Welt gekommen, entwickelt sie, geborene Dilger, im dortigen Schloss eine Schwäche für ebenjene repräsentative Architektur, aber auch für die Musik. Als Kind arbeitet sie bei Konzerten als Pagin, die ganze musikalische Palette habe sie kennengelernt, ganz nebenbei, schwärmt sie.

Mit 19 heiratet sie bereits, wird in den Jahren darauf Mutter und „emanzipierte Hausfrau“, wie sie sagt. Bis der Mann schwer erkrankt. Mit knapp 30 Jahren, als klar wird, dass sie die Familie wird ernähren müssen, beginnt sie ihren Studienmarathon, Musikpädagogik und Psychologie, wird Lehrerin und Musiktherapeutin. Dabei bildet sie die ersten Studenten der Fachhochschule für Musiktherapie in Heidelberg überhaupt aus und betreibt in diesem Bereich fachliche Pionierarbeit. Ende der 70er zieht die Familie von Bad Säckingen nach Möglingen.

Die Noten zu Robert Schumanns „Träumerei“ liegen aufgeschlagen auf dem Notenpult des Flügels in ihrem Möglinger Wohnzimmer. Früher, sagt sie, habe sie vier Stunden täglich gespielt, und zwar deutlich Schwierigeres. Aber die Prioritäten haben sich verschoben. Als „Lebensaufgabe“ bezeichnet Jetter heute das Arbeiten mit der Literatur, sei es das Schreiben oder das Herausgeben, ihr Wirken in der Schriftstellervereinigung PEN und die Schreibwerkstatt bei der Katholischen Erwachsenenbildung in Ludwigsburg.

1987 wird Ursula Jetter Mitherausgeberin der Exempla, die 1974 in Tübingen von Studenten gegründete Literaturzeitschrift, und rettet damit ihr Fortbestehen, im Jahr 2000 wird sie alleinige Herausgeberin. Die Cover werden häufig von regionalen Künstlern wie Margit Lehmann (Asperg) und Sigrid Artmann (Ludwigsburg) gestaltet, zu denen sie gute Kontakte pflegt. Die Zeitschrift sei wohl ihr größter Verdienst, sagt sie, allerdings sei sie auch oft daran verzweifelt, vor allem wegen der Finanzierung. „Es ist manchmal ein Drama mit den Sponsoren.“ 2002 hatte das Land Baden-Württemberg die Förderung von Literaturzeitschriften im Land eingestellt.

Ihr neuestes Werk wird in Kürze erscheinen: „Überleben“ befasst sich mit den Aufzeichnungen ihres Vaters aus dem sibirischen Gefangenenlager, in das er während des Zweiten Weltkriegs gebracht worden war. Immer und immer wieder hat sie darin gelesen, den richtigen Zugang, um daraus etwas zu entwickeln, die darin angelegten Themen literarisch zu erschließen, hat sie erst jetzt gefunden.

Was ihr noch fehle in ihrem literarischen Werk, sei ein großer Roman, sagt Jetter, und schüttelt den Kopf. „Das ist eine Lücke, aber ich trauere nicht.“ In ihrem Alter habe sie nicht mehr so viele Pläne, und planbar sei das Schreiben ohnehin nicht. Doch vielleicht mag gerade das doch noch ein wenig Hoffnung wecken: „Ich kann nur schreiben, wenn ich muss“, erklärt Jetter. „Da kommt plötzlich der Druck von innen, und dann muss es raus – das ist wie eine reife Frucht, die vom Baum fällt.“

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