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110 Jahre Friseur

Der Opa hat Haare noch für 15 Pfennig geschnitten

Gerhard Schneider betreibt in Bissingen einen der ältesten Friseursalons im Land. Vor 110 Jahren hat sein Großvater Friedrich das Geschäft in Brackenheim eröffnet. 1927 kamen die Schneiders nach Bissingen. Erwin Schneider hat den Salon bis 1985 geführt. Seither bringt Gerhard Schneider die Frisuren der Bissinger in Form. Ans Aufhören denkt er nicht.

Gerhard Schneider in seinem Herren-Friseursalon. Franz Gruber gehört zu den treuen Kunden.Foto: Alfred Drossel
Gerhard Schneider in seinem Herren-Friseursalon. Franz Gruber gehört zu den treuen Kunden. Foto: Alfred Drossel

bietigheim-bissingen. Der Barbier war der Rasierer, aber auch der Bader. Es wurde im vorigen Jahrhundert nämlich auch noch gebadet im Friseurgeschäft. Die Leute kamen zum Baden, zu Kompressen, zur Hautpflege und und natürlich zur Haarpflege. „In das Friseurgeschäft meines Großvaters kamen Kunden jeden Morgen zum Rasieren“, erzählt Gerhard Schneider. Arbeitslose bezahlten fünf Pfennig und Arbeitende zehn Pfennig für die Rasur. Der Männerhaarschnitt kostete damals 15 Pfennig.

In den 110 Jahren seit 1909 hat sich in der Welt so gut wie alles verändert. Eines aber nicht: Der Friseursalon Schneider ist immer noch in der Hand derselben Familie. „In all den Wirren der Zeit ist es unserer Familie stets gelungen, fachlich engagiert zu bleiben – bis heute“, stellt Gerhard Schneider nicht ohne Stolz fest. Friedrich Schneider hat sein Geschäft 1909 in Brackenheim gegründet. 1927 kam er zusammen mit seiner Frau Wilhelmine nach Bissingen, wo er in der Brückenstraße 4 den ersten Salon eröffnete. Später zog er in die Hauptstraße, die nach dem Zusammenschluss mit Bietigheim Jahnstraße heißt. Bevor der Sohn Erwin das Geschäft übernahm, wurde es von Wilhelmine Schneider geführt.

Damals hat es im Bissinger Flecken drei Friseure gegeben. Neben dem Salon Schneider, den von Georg Höfer und den von Hans Reichert. Auf der Bissinger Parzelle hat Friseur Neumann Haare geschnitten. Nach der Erfindung der Dauerwelle im Jahre 1906 haben sich Damensalons entwickelt. Bei Schneiders hat diese Aufgabe damals die heute über 90-jährige Ingeborg Schneider übernommen. Hinter dem Herrensalon wurde ein moderner Damensalon mit sechs Plätzen eingerichtet.

Gerhard Schneider, inzwischen 72 Jahre alt, hat das Geschäft nach seiner Meisterprüfung 1985 vom Vater übernommen. Eine Zeit lang standen Vater, Mutter und Sohn gemeinsam im Geschäft. Erwin Schneider hat sich 1998 zur Ruhe gesetzt. Seither steht Gerhard Schneider alleine im Herrensalon. Unterstützung hat er von einer Mitarbeiterin im Damensalon.

Friseure sind nicht nur Fachleute für schönes Haar, sondern auch Berater, Psychologen, Nachrichtenzentrale im Ort und Kenner der örtlichen Familiengeschichten. Früher mehr als heute, als noch keine Haarschneidetermine vereinbart wurden und die Wartebank immer gut besetzt war, bekam der Friseur so gut wie alles mit, was im Ort geschah. Zugleich ist der Friseur ein sozialer Beruf. Man geht schließlich auch hin, um zu erzählen, auszutauschen, um zu tratschen. Diese anspruchsvolle und spannende Kombination macht dem knitzen Schwaben Gerhard Schneider die Tage kurz und den Beruf zu einer Leidenschaft.

In den Sechzigerjahren kamen immer mehr Frauen in den Beruf. Heute ist aber wieder der Trend zu beobachten, dass viele junge Männer in diesen Beruf einsteigen. In den Großstädten entstehen an jeder Ecke durchgestylte Barbierstuben und elaborierte Hairstylingstudios. Sie heißen hair art, Haupt-Sache, Ponyclub oder Atelier – und sie sind längst zum Inbegriff von einem schicken urbanen Lifestyle avanciert.

Diese Entwicklung geht an Gerhard Schneider vorbei. Wer seinen Herrensalon betritt, macht einen Zeitsprung rückwärts. Was zählt, ist das Handwerk, die Kunst des Haarschneidens, das Gerhard Schneider aus dem Effeff beherrscht, und das von seinen Kunden, zu denen auch der Oberbürgermeister gehört, geschätzt wird.

Über der Spiegelwand reihen sich Urkunden aneinander. Das Hundertjährige wird dabei von der Handwerkskammer ganz besonders gewürdigt. Auf der Ablage vor den Spiegeln häufen sich Haarschneider, Kämme, Scheren, Bürsten und jede Menge Spraydosen, die so schnell bei der Hand sind. Auch Pferdebilder sind zu sehen; Gerhard Schneider findet bei seinen 17 Pferden im mit der Tochter und Enkelin betriebenen „Stall Wohlauf“ den täglichen Ausgleich.

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