Logo

Unterhaltung

Der passende Soundtrack zur Krise

Übungsstücke werden elektronisch versendet, auf Balkonen erklingt die „Ode an die Freude“ – Musiker im Kreis erfinderisch

Kreativ in der Krise: Das Hoba-Fäschd in Münchingen mit dem Musikverein von Jörg Di Marco (oben links) fällt 2020 aus. Dafür sind die Musiker dabei, wenn sonntags auf Balkonen Beethoven gespielt wird. Der Hemminger Daniel Eisenhardt verschickt Stücke
Kreativ in der Krise: Das Hoba-Fäschd in Münchingen mit dem Musikverein von Jörg Di Marco (oben links) fällt 2020 aus. Dafür sind die Musiker dabei, wenn sonntags auf Balkonen Beethoven gespielt wird. Der Hemminger Daniel Eisenhardt verschickt Stücke per Youtube. Foto: Andreas Essig (Archiv) dpa, privat
350_0900_25392_COKRAF8R5502.jpg
350_0900_25391_131286106.jpg

Kreis Ludwigsburg. Ein Mann steht auf der Bühne, hebt die Hände, fängt an zu dirigieren. Plötzlich kippt das Bild, dreht sich weg, und der Chor erscheint – 185 Köpfe, in mehreren Reihen übereinandergestapelt. Immer mal wieder werden einzelne Sänger in den Vordergrund geholt, während sie ihren Part mit Kopfhörern im Ohr vortragen. Denn das Konzert hat nie auf einer tatsächlichen Bühne stattgefunden, die einzelnen Beiträge der Beteiligten aus zwölf Ländern sind vom US-amerikanischen Künstler Eric Whitacre zu einem „virtual choir“ zusammengefügt worden. Ein Konzept, das nun vielleicht auch in Corona-Zeiten weitere Verbreitung finden wird.

Zumindest ist das für den Hemminger Musiker Daniel Eisenhardt denkbar, ebenso für viele seiner Kollegen, wie er sagt. Denn keiner könne wissen, wie es nach dem 20. April weitergehe und welche Folgen das für die auch einige Wochen später geplanten Konzerte hat. „Ich verlasse mich nicht darauf, dass wir bald mal gemeinsam proben können“ – doch Mitte Mai und Mitte Juni sind Auftritte seines Projektchors „Sola La!“ geplant.

Sänger wollen am Ball bleiben

Zumindest einzeln wird derzeit durchaus geübt. Jede Woche nimmt Eisenhardt deshalb ein Stück auf, für jede einzelne Stimme, und verschickt dann den Youtube-Link an die etwas über 20 Sänger – manche wollten da schon mehr haben, teils für andere Stimmlagen, um ungestört testen zu können. Mehr Stücke auf einmal hätte er wegen seiner Musiklehrertätigkeit gar nicht geschafft. Vor allem aber sagt Eisenhardt: „Es sollte sich schon so anfühlen, als ob das Projekt real abläuft, mit regelmäßigem Üben“. Und das scheint auch zu funktionieren: Kaum einer, der sich schon vor Corona gemeldet habe, habe zurückgezogen, dafür sei nachträglich jemand dazugekommen, gerade weil der Charakter nun noch offener sei.

Die Idee, die Übungsstücke elektronisch an Sänger zu übermitteln, funktioniert auch bei Älteren, weiß Ruth Munz-Bechtel aus Remseck. Inspiriert vom „italienischen Balkonsingen“ hat sie Klavierstücke aufgenommen, vierstimmig, und dann per Mail auch an ihren Chor mit vielen älteren Männern in Herrenberg geschickt, ebenso an die jüngeren Mitglieder der Pleidelsheimer Eintracht und eines Korber Chors – etwa 80 Prozent hätten einen Computer und Internetanschluss. „Ganz nette Resonanzen“ habe sie für ihre Idee bekommen. Gerade die Herren in Korb seien „ gierig aufs Üben“.

Angesichts von schon bekannten Konzertausfällen ist ihre Hauptmotivation, dass die Sänger am Ball bleiben. „Stellen Sie sich mal vor, die älteren Herrschaften pausieren ein halbes oder dreiviertel Jahr, obwohl sie schon seit ihrem 20. Lebensjahr singen.“ Wenn die Senioren es nicht mehr gewohnt seien, kämen sie nicht mehr zu den realen Proben.

Den Chef des Münchinger Musikvereins, Jörg Di Marco, zieht es immer sonntags um 18 Uhr an die frische Luft. Dann schnappt er sich zu Hause in Pleidelsheim seine Frau und die beiden Söhne und spielt Beethovens „Ode an die Freude“ – auf Schlagzeug, Klarinette, Trompete und Tuba. In der Nachbarschaft setzt begleitender Gesang ein. „Der Applaus danach ist immer groß“, sagt Di Marco. Die Aktion geht zurück auf Musiker des Staatsorchesters Stuttgart. Auch hier ist der italienische „Flashmob sonoro“ das Vorbild: Profimusiker, aber auch alle Musikbegeisterten, sollen auf ihren Balkonen und an geöffneten Fenstern musizieren. Längst sind Teilnehmer aus ganz Deutschland mit dabei.

Der 100. Geburtstag fällt flach

„Die Aktion hilft ein wenig über die Enttäuschung und Traurigkeit hinweg“, sagt Di Marco. Eigentlich wollte sein Musikverein, der auf 300 bis 400 Mitglieder kommt, zu Monatsbeginn mit einem Festakt und einer Ausstellung seinen 100. Geburtstag feiern. „Wir hatten drei Jahre lang geplant, alles stand auf Grün“, sagt der Vorsitzende. Doch dann kam Corona. Der Musikverein hofft nun auf eine große Party Ende Juni. Für das Münchinger Hoba-Fäschd gibt es allerdings keine Hoffnung mehr. Es fällt aus. Gerne hätte unsere Zeitung auch erfahren, wie es einem Chor in Markgröningen ergeht. Doch eine Anfrage ließ er unbeantwortet. Sein Name: Chorona.

Autor: