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Ökumene

Der Pilgerweg vor der eigenen Tür

Es muss nicht immer Rom, Jerusalem, Santiago de Compostela oder Lourdes sein. Auch im Alltagsleben kann man pilgern – und „spirituelle Orte“ direkt vor der Haustür entdecken. Das sagen Vertreter beider großer Kirchen im Kreis: Gemeinsam unterbreiten sie in einer Broschüre 13 Angebote für Leute, die Interesse an einer alten, aber „trendigen“ Frömmigkeitsform haben.

Pilgern spricht viele Menschen an – nicht nur auf dem Jakobsweg, sondern zunehmend auch vor der Haustür. Foto: Uwe Anspach
Pilgern spricht viele Menschen an – nicht nur auf dem Jakobsweg, sondern zunehmend auch vor der Haustür. Foto: Uwe Anspach

Kreis Ludwigsburg. Pilgern ist in, nicht nur dank Hape Kerkeling. Wer pilgert, könne das Erlebnis von Natur und Landschaft mit spirituellen Erfahrungen verbinden – das ist das gemeinsame Credo der drei Initiatoren, die hinter der ersten Pilgerbroschüre für den Landkreis stecken: Jörg Maihoff von der Katholischen Erwachsenenbildung, sein protestantisches Pendant Christoph Wiemann vom Evangelischen Kirchenbezirk Ludwigsburg und die katholische Dekanatsreferentin Brigitta Negwer. Gemeinsam ist ihnen aber auch eine weitere Erfahrung: Viele Menschen hätten ein Bedürfnis nach Spiritualität, würden von den traditionellen Angeboten der Kirchen jedoch nicht mehr erreicht. Es ist diese metaphysische Leerstelle, an die sie anknüpfen möchten – mit der Einladung, sich im Alltag und ohne großen Reiseaufwand auf den Weg zu spiritueller Sinnfindung zu machen. Und diese Einladung nähmen überraschend viele Menschen gerne an, egal, welcher Konfession sie angehören.

Die 13 Angebote setzen also niederschwellig an: Sie reichen von einer Stadtpilgerstunde in Ludwigsburg, in der es darum gehen soll, sich 60 Minuten lang ohne Stress auf geistliche Impulse für ein bewusstes Erleben der eigenen Stadt einzulassen, über den Pilgertag auf jenem Abschnitt des europaweiten Martinuswegs, der durch die Region führt, bis hin zum Nacht-Pilgern nur für Männer. Die Strecke führt in diesem Fall vom Römerhaus in Walheim – und damit von einem Denkmal aus spätantik-frühchristlicher Zeit – zum Atomkraftwerk Neckarwestheim. Gesucht wird bei diesem gemeinsamen nächtlichen Gang durch Zeit und Raum Antwort auf die Frage: „Was ist denn deine Kern-Kraft, Mann?“

Ein eintägiges Frauen-Pilgern rückt Begegnungen mit den vier Elementen in den Mittelpunkt. Es gehe dabei nicht um x-beliebige Esoterik, unterstreicht Brigitta Negwer den religiösen Aspekt. Alle Pilgertouren sind geführt – was mehr als nur genaue Wegkenntnis voraussetzt. „Wir haben die Kompetenz“, verweist auch Christoph Wiemann auf die christliche Dimension der Angebote, die nicht im gemeinsamen Wandererlebnis aufgehen sollen. Die Pilgerbegleiter sind zu diesem Zweck ausgebildet, sie setzen mit Gebeten, Gedichten, Bibelzitaten, Liedern oder auch der Bitte um eine Phase des Schweigens Impulse fürs anschließende Gespräch in kleiner oder größerer Runde, so Jörg Maihoff.

Größere oder mehrtägige Pilgerreisen stehen ganz bewusst nicht im Programm. Diese würden anderweitig schon in ausreichender Zahl veranstaltet. Man setze viel mehr gezielt auf Angebote, die das Pilgern in der näheren Umgebung ermöglichen und mit dem normalen Lebensrhythmus verbinden, sagt Maihoff und spricht vom „Schnupperpilgern“. Wer sich angesprochen fühlt, solle einfach ausprobieren können, was Pilgern ihm geben kann. Für Protestanten sei Pilgern ja kein traditioneller Ansatz, ergänzt sein evangelischer Kollege Wiemann. Doch gerade Leute am Beginn des „dritten Lebensabschnitts“, die diesen auch als einen Aufbruch verstehen, seien erstaunlich oft aufgeschlossen für die Idee, sich körperlich und spirituell auf den Weg zu machen.

Info: Die Broschüre ist bei Kirchengemeinden, in etlichen Häusern und online verfügbar, etwa auf www.keb-ludwigsburg.de.

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