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Porträt
Der Tarzan aus dem Neckar- und Enztal soll wieder auf die Leinwand kommen

Das überlebensgroße Plakat zeigt Wolfgang Karl Pfleiderer in seiner Rolle als Tarzan – aufgenommen in den 1980er Jahren in den Pleidelsheimer Neckarauen. Foto: Andreas Becker
Das überlebensgroße Plakat zeigt Wolfgang Karl Pfleiderer in seiner Rolle als Tarzan – aufgenommen in den 1980er Jahren in den Pleidelsheimer Neckarauen. Foto: Andreas Becker
Ein Hauch von Hollywood weht vor gut 40 Jahren durchs Neckar- und Enztal: Zwei junge Amateurfilmer drehen damals in der Region komplett in Eigenregie einen Spielfilm, der weit über den Landkreis hinaus Beachtung findet. Wolfgang Karl Pfleiderer kämpft in dem Streifen mit einem Krokodil im Neckar und schwingt sich an Lianen durch die hiesigen Wälder. Er wird dadurch als „Tarzan des Neckartals“ deutschlandweit bekannt. Nun soll der Film erneut aufgeführt werden.

Löchgau. Wer Ende der 1970er Jahre im Wald rund um Bönnigheim unterwegs ist, der wird sich das eine oder andere Mal vielleicht im Urwald gewähnt haben: Denn ein junger Mann übt dort unermüdlich den perfekten Tarzan-Schrei. Mit zwölf Jahren bekommt Wolfgang Karl Pfleiderer von seinen Großeltern ein Buch über den Helden des Dschungels geschenkt, seitdem ist er fasziniert von Tarzan und seinen Abenteuern. Jeden Sonntag sitzt er vorm Fernsehapparat, schaut die Filme mit Jonny Weißmüller und ist begeistert davon, wie der Schauspieler den Tarzan-Ruf hinbekommt. Es dauert nicht lange und der Ehrgeiz des Jungen ist geweckt: Im Bönnigheimer Wald – zu Hause wäre es wohl zu laut und vor den Eltern zu peinlich gewesen – übt er so lange, bis er den legendären Schrei Weißmüllers hinbekommt.

Damit begeistert er Freunde und Bekannte und einige Zeit später reift die Idee, gemeinsam mit Kumpel Wolfgang Riecker einen eigenen Tarzan-Film zu drehen. Was als launige Idee beginnt, wird zu einem jahrelangen Projekt, das nicht nur sehr viel Zeit, Geld und Ressourcen kostet, sondern an dessen Ende es Pfleiderer auch als „Tarzan des Neckartals“ zur lokalen Prominenz schafft.

Gedreht wird ausschließlich in der Region

Von 1982 bis 1985 drehen die beiden Freunde den Amateurstreifen „Tarzan und das Gold der Amazonen“. Pfleiderer ist Ideenschöpfer, Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in einem. Gedreht wird überwiegend im Sommer und ausschließlich an Schauplätzen in der Region: in den Wäldern bei Bönnigheim, in den Hessigheimer Felsengärten, in den Neckarauen bei Pleidelsheim, auf der Burg Blankenhorn im Zabergäu oder im Heilbronner Stadtwald.

Der 63-Jährige denkt gerne zurück an diese aufregende Zeit, immer wieder fallen ihm neue Anekdoten ein, die er gerne erzählt. Im Gespräch mit unserer Zeitung holt er Erinnerungsstücke hervor, zeigt Bilder und blättert in Alben. Zu jedem Foto gibt es eine Geschichte, ein Detail, das ihm einfällt. Besonders gut ist ihm eine Filmszene im Gedächtnis geblieben, die im Neckar bei Kirchheim spielt: Aufgenommen wird der Kampf mit einem (unechten) Krokodil. „Es war November und das Wasser saukalt“, erzählt er und lacht herzlich.

Knapp 50 Komparsen sind beteiligt

Am Ende kostet der Film 18000 D-Mark. Gedreht wird nach Feierabend oder im Urlaub, die Komparsen – mitgespielt haben 48 Leute – sind alle Bekannte oder Freunde. „Wir haben ja alles selber gemacht damals“, sagt der Löchgauer. So übernimmt zum Beispiel der Bönnigheimer Briefträger eine Rolle. Nicht nur die Waffen, wie die kunstvoll verzierten Speere mit Metallspitzen, sind in Eigenregie entstanden: Pfleiderer ist gelernter Metallarbeiter und so war es für ihn ein Leichtes, diese Requisiten selbst herzustellen. Die Kostüme werden von zwei Textiltechnik-Studentinnen geschneidert – von den Tigerfell-Imitationen, die die Laienschauspielerinnen tragen, bis hin zu den Tropenanzügen. „Wahrscheinlich habe ich sogar noch einen Lendenschurz im Schrank“, überlegt Pfleiderer. Und schiebt lachend nach: „Aber da passe ich längst nicht mehr rein.“ Um für die Rolle als Tarzan gut in Form zu sein, trainiert er als junger Mann regelmäßig im Besigheimer Fitnessstudio. Das zahlt sich aus, vor allem auch wenn er sich an den Lianen durch die Wälder schwingt. „Das hat mir immer am meisten Spaß gemacht, denn da habe ich mich fast wie der echte Tarzan gefühlt.“

Den originalen Super-8-Farbfilm hat er noch

Überhaupt finden sich in seiner Wohnung zahlreiche Erinnerungen an den Dreh und die Zeit danach: Viele Fotoalben mit Zeitungsberichten hat er gestaltet, Hunderte Bilder aufgehoben. Auch der Original-Super-8-Farbtonfilm liegt verstaut in einer Filmdose in einem Karton. Für den Fotografen unserer Zeitung holt er ein überlebensgroßes Plakat hervor, das ihn beim berühmten Tarzan-Schrei zeigt. „Das haben wir in den Pleidelsheimer Neckarauen aufgenommen“, erinnert sich der gebürtige Bönnigheimer, als er die große Rolle abwickelt und ein paar Staubkörnchen wegwischt. Tatsächlich hält die Aufnahme aber auch beim zweiten Blick dem Vergleich mit dem Urwald stand.

Überregionale Bekanntheit

Als nach mehreren Jahren der Film endlich fertig ist, hoffen Wolfgang Karl Pfleiderer und sein Freund Wolfgang Riecker auf einen kleinen Erfolg. Doch was dann passiert, übertrifft alle ihre Erwartungen. Uraufgeführt wird der 64-minütige Streifen zunächst im Festsaal des Gasthauses „Sonne“ in Löchgau. Die Veranstaltung ist ausverkauft, viele Gäste müssen abgewiesen werden. Auch die weiteren Aufführungen sind ein voller Erfolg, gezeigt wird der Film danach unter anderem an der Filmakademie in Ludwigsburg. Und der Tarzan vom Neckar gelangt zu überregionaler Bekanntheit: Er tritt in Fernsehshows mit Michael Schanze und Jürgen von der Lippe auf, gewinnt einen Tarzan-Wettbewerb und lebt danach einen Monat in einem Koblenzer Kaufhaus in einem Baumhaus. „Der Medienrummel hat mich fast etwas überfordert“, gibt der Löchgauer zu, „aber er war auch die Bestätigung dafür, dass wir nicht alles umsonst gemacht haben.“

Film soll erneut aufgeführt werden

Jetzt, gut 40 Jahre später, möchte er den Film erneut aufführen. Aktuell gibt es deshalb Gespräche mit den Verantwortlichen vom Bönnigheimer Kulturkeller. Ob die Gäste dann auch nochmal seinen Tarzan-Schrei hören werden? „Eher nicht“, sagt Pfleiderer, holt kurz tief Luft, setzt an, bricht dann aber doch ab: „Dafür müsste ich erst mal wieder eine ganze Weile üben.“