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Wildkatzenkorridor

Der zähe Kampf um Grundstücke

In Oberstenfeld ist vor Kurzem ein Tier gesichtet worden, das mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Wildkatze ist – genau dort, wo ein Korridor den Schwäbisch-Fränkischen Wald mit dem Stromberg verbinden soll. Zur Zeit verhandelt der Marbacher Stefan Flaig, stellvertretender Vorsitzender des BUND Baden-Württemberg, mit den Bürgermeistern betroffener Gemeinden.

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Kreis Ludwigsburg. Seit rund fünf Jahren arbeitet der BUND im Kreis Ludwigsburg daran, sichere Wege für Wildkatzen durch unsere zersiedelte Landschaft zu schaffen. Ganz grundsätzlich: Was soll damit erreicht werden und warum ist das wichtig?

Stefan Flaig: Es geht um die Vernetzung von Lebensräumen, also um die Überlebenschancen von Wildtieren in unserem stark besiedelten Raum. Wenn wir es schaffen, für die Wildkatze als einst fast ausgestorbene und extrem scheue Tierart einen weitgehend sicheren Weg vom Stromberg im Westen zum Schwäbisch-Fränkischen Wald im Osten zu schaffen, dann funktioniert dieser Korridor auch für alle anderen Wildtiere.

Das heißt, auch andere Tiere würden davon profitieren?

Unser Korridor orientiert sich an einem national bedeutenden Weg des Generalwildwegeplans. Dieser Weg stellt die einzige Ost-West-Verbindung für Wildtiere zwischen dem Ballungsraum Heilbronn und dem Ballungsraum Stuttgart dar. Außerdem geht es um die Strukturanreicherung in unserem Offenland. Mit der Bepflanzung einzelner Wildkatzenflächen werden auch Lebensräume für Vögel, Insekten und Co. geschaffen. So unterstützen wir den landesweiten Biotopverbund und damit den Erhalt unserer biologischen Vielfalt.

Wie weit ist das Projekt konkret gediehen?

Wir haben zunächst eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die detailliert alle Potenzialflächen für den Korridor quer durch den Kreis kartiert. Dabei handelt es sich um Flurstücke, die entweder gesichert oder aufgewertet, sprich: mit heimischen Sträuchern bepflanzt werden müssten. Seit einiger Zeit sind wir dabei, den betroffenen Kommunen im Landkreis auf ihrer Gemarkung den möglichen Korridor vorzustellen und genauer festzulegen. Dabei hilft uns, dass sowohl der alte als auch der neue Landrat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen haben.

Woran fehlt es im Kreis Ludwigsburg?

Unser Hauptproblem ist der fehlende Zugriff auf die Grundstücke. Selbst wenn wir einzelne Flurstücke, zum Beispiel entlang eines Baches, zusammen mit der Kommunalverwaltung identifiziert haben, können wir sie meist nicht kaufen, sichern oder aufwerten, weil die Eigentümer – meist die Landwirtschaft – darauf nicht verzichten können oder möchten. Ohne die Lücken zwischen den Waldinseln mit bepflanzten Flurstücken schließen zu können, gelingt es uns aber auch nicht, den Korridor herzustellen.

Welches sind die größten Barrieren für Wildkatzen, die durchlässig gemacht werden müssen? Wo sind im Landkreis die Problemstellen?

Mit Abstand die größten und tödlichsten Barrieren sind die Straßen, also vor allem die B 27 und die A 81, die beide quer zum Korridor liegen. Es gibt allerdings außerhalb der Orte einige Unterführungen oder auch Durchlässe, die von der Wildkatze genutzt würden, wenn sie die Ein- und Ausgänge dazu im Schutz von Sträuchern erreichen und verlassen könnte. Eine weitere Barrierewirkung ergibt sich für die Wildkatze, wenn ihr der Korridor zu eng und damit zu unsicher erscheint. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Siedlungsgebiete und damit Licht und Geräusche in der Nacht zu nah an den Wanderweg der Wildkatze heranreichen. Neben dem Korridor sollten die Kommunen deshalb auf die Ausweisung von Neubaugebieten verzichten. Hinzu kommt, dass mit jeder Einengung die letzten verfügbaren Wandermöglichkeiten für Wildtiere beeinträchtigt werden können, nicht nur durch die Bebauung an sich, sondern auch durch zusätzliche Störwirkungen durch Naherholungssuchende mit Hunden oder durch die Gefahr der Hybridisierung mit freilaufenden Hauskatzen.

Wieso ist eigentlich der Neckar keine Barriere? Man denkt doch, Katzen sind wasserscheu?

Wildkatzen stammen im Gegensatz zur Hauskatze nicht von der afrikanischen Falbkatze ab. Sie waren hier schon immer heimisch und sind deshalb auch an Wasser „gewöhnt“. Im Gegenteil: Sie jagen an Bachläufen oder wandern an diesen entlang. Den Neckar oder die Enz zu durchschwimmen, ist für sie kein großes Problem.

Kann man sagen, wie groß die Wildkatzenpopulation in Baden-Württemberg ist?

Glücklicherweise ist die streng geschützte Wildkatze mittlerweile fast in der gesamten Rheinebene zu finden. Dieses Hauptvorkommen und die kleineren bekannten Vorkommen im Naturraum Stromberg, im Schwarzwald oder auf der Ostalb lassen vermuten, dass wir eine niedrige dreistellige Anzahl von Wildkatzen in Baden-Württemberg haben. Die Wildkatzenpopulation in der Rheinebene lässt sich genetisch nicht von der französischen Population unterscheiden. So wissen wir, dass die Wildkatzen aus Frankreich zu uns kommen und der Rhein keine Barriere für ihre Wanderung darstellt. Aber auch die Ausbreitung aus der Schweiz oder Bayern ist bekannt, und so erobert sich die Wildkatze ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet wieder zurück.

Was müsste sich ändern, damit Natur- und Artenschutz mehr Gewicht haben?

Wir brauchen endlich ein Gleichgewicht in der Abwägung des Naturschutzes gegenüber Baugebieten, Straßenbau oder Intensiv-Landwirtschaft, damit wir die Reste unserer Kulturlandschaft für unsere Nachkommen erhalten können oder damit es auch in Zukunft noch (Wild-)Bienen und andere Insekten gibt, die unsere Nutzpflanzen bestäuben. Das neue Naturschutzgesetz des Landes, das seit 1. August gilt, verpflichtet die Kommunen, das Ziel zu unterstützen, bis 2030 insgesamt 15 Prozent der Landes-Offenlandfläche als Biotopverbund herzustellen. Der Wildkatzenkorridor im Landkreis wäre hierfür eine gut geeignete Maßnahme.

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