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Medizin

Die beschwerliche Suche nach Ärzten

Der Innenausbau im Remsecker Ärztehaus läuft auf Hochtouren, auch die Fassade nimmt immer mehr Gestalt an. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass sich die mühsame Suche nach Medizinern doch noch erfolgreich gestaltet. Vier von fünf Praxen sind bereits belegt. Die Zuteilung von Arztsitzen verhindert allerdings die Ansiedlung von Wunschkandidaten.

Fünf Praxen wird es im Remsecker Ärztehaus geben. Ein Betreiber muss noch gefunden werden. Foto: Holm Wolschendorf
Fünf Praxen wird es im Remsecker Ärztehaus geben. Ein Betreiber muss noch gefunden werden. Foto: Holm Wolschendorf
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Remseck. Es ist ein mächtiges Gebäude, das Dr. Rüdiger Stihl vom gleichnamigen Motorgerätehersteller der Stadt Remseck schenkt. Rund drei Millionen Euro kostet das Großprojekt an der Kreuzung der Fellbacher mit der Remstalstraße. Auf drei Etagen und 780 Quadratmetern bietet das Ärztehaus Platz für fünf Praxen. Nach Auskunft von Projektleiter Kim Hasenhündl, Geschäftsführer der Wohnbau Oberriexingen, sind die Arbeiten „gut im Zeitplan“, obwohl Corona für einige Ausfälle beim Personal gesorgt habe. „Das hat uns etwas zurückgeworfen“, sagt Hasenhündl. Derzeit wird das Gebäude in eine Glasfassade eingehüllt. Darüber kommt ein Sonnenschutz aus Holzlamellen. Im Innern werden Zwischenwände eingezogen. Auch die Rohinstallation – die Verlegung von Heizungs- und Wasserrohren sowie der Leitungen der Elektroinstallation – ist in vollem Gange. Zum 1. Februar 2021 wird laut dem Projektleiter die erste Praxis bezogen.

In dem Ärztehaus wird es künftig eine Praxis für Allgemeinmedizin mit mindestens einem Arzt geben. In einer weiteren Praxis werden zwei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und ein Logopäde untergebracht sein. Eine Arztpraxis teilen sich zwei Erwachsenenpsychotherapeuten, außerdem wird es eine Praxis für Physiotherapie geben. Mit weiteren Interessenten für die Vermietung der letzten Fläche laufen derzeit Gespräche.

Mit dem Remsecker Ärztehaus hat sich gezeigt, dass sich die Suche nach Medizinern nicht so einfach gestaltet wie erwartet. „Das Problem ist die Sitzverteilung durch die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg“, sagt Oberbürgermeister Dirk Schönberger und macht deutlich: „Wenn wir es nicht geschafft hätten, Arztsitze zu bekommen, dürften dort nur Privatpatienten behandelt werden.“ Die Stadt sei im Bereich Fachärzte in intensiven Gesprächen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gewesen. Insbesondere einen Orthopäden hätte man gern in der Stadt gehabt. Doch dafür ist das System der Zuteilung von Arztsitzen durch die KV offensichtlich nicht flexibel genug. Basis dafür ist laut Eva Frien von der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit der KV die Bedarfsplanung. Sie legt fest, wie viele Ärzte oder Psychotherapeuten einer Arztgruppe sich in einem bestimmten Gebiet niederlassen dürfen. Die Zahl der Sitze ergibt sich aus einem Arzt-Einwohner-Verhältnis. Durch die Einbeziehung verschiedener Faktoren wie Alter, Geschlecht und Erkrankungen der Bevölkerung ergibt sich eine regionale Verhältniszahl, die anzeigt, wie viele Mediziner einer Arztgruppe pro Einwohner in einer Region für eine ausreichende Versorgung erforderlich sind. Wird die berechnete Vollversorgung um zehn Prozent überschritten, gilt der Bereich laut Eva Frien für die entsprechende Arztgruppe als rechnerisch überversorgt und wird für Neuzulassungen gesperrt.

Um eine wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung durch Hausärzte sicherzustellen, wird bei dieser Gruppe nur ein kleiner regionaler Bereich wie eine Stadt oder eine Gemeinde betrachtet. Bei Fachärzten sind die Gebiete größer gefasst. Sprich: Will sich ein Orthopäde in Remseck niederlassen, bezieht die KV auch die Situation in Ludwigsburg und Kornwestheim in ihre Bewertung mit ein. Gibt es in dem Bereich bereits genügend Orthopäden, versorgen diese auch die Patienten aus Remseck. Und so geht die Stadt an der Mündung von Rems und Neckar bei dieser Arztgruppe leer aus. „Für unsere Bevölkerung ist es allerdings schon ein Unterschied, ob sie zum Facharzt nach Pflugfelden oder Hochdorf fahren muss“, kritisiert OB Schönberger. Als Laie sei man über die Vorgehensweise der KV überrascht. „Es sind erhebliche Klimmzüge notwendig, wenn man das Beste für die Bevölkerung rausholen möchte, und am Ende scheitert man an der KV“, moniert der Remsecker Verwaltungschef.

Eva Frien relativiert: „Es geht für den Arzt nicht nur um formale Voraussetzungen, sondern auch um eine wirtschaftliche Analyse.“ Schließlich soll der Betrieb der Praxis Geld abwerfen. Außerdem, so Frien, wollen sich viele Ärzte nicht mehr niederlassen, sondern in einer Gemeinschaftspraxis oder einem medizinischen Versorgungszentrum angestellt werden. So würden sie hohen Investitionen entgehen und hätten zudem die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten.

Dass am Ende trotz vorliegender Zulassung nicht alles rundlaufen muss, zeigt das Beispiel der Praxis für Erwachsenenpsychotherapie. Sie muss bereits diesen Sommer an den Start gehen, obwohl das Ärztehaus bis dahin noch lange nicht fertig ist. Der Grund: Die Zulassungsfrist zum Betrieb der Praxis würde sonst ablaufen. „Wenn sich ein Arzt um einen Sitz bewirbt, muss er sich in einem Zeitraum von drei Monaten nach Zugang des Bescheids niederlassen“, erklärt Eva Frien. Sollten außergewöhnliche Umstände dies verhindern, könne der Bewerber eine Verlängerung der Aufnahmefrist beantragen. Doch davon sehen die Psychotherapeuten, die in Remseck praktizieren möchten, offenbar ab. Als Interimslösung kommen sie laut Auskunft der Stadtverwaltung voraussichtlich in der ehemaligen Finanzverwaltung in der Keplerstraße in Neckargröningen unter.

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