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Lesung
Die Nobelpreisträgerin Herta Müller stellt ihr neues Buch „Der Beamte sagte“ im Deutschen Literaturarchiv vor

Vertraute Metaphernwelt: Herta Müller im Gespräch mit Jan Bürger im Deutschen Literaturarchiv Marbach.Foto: Ramona Theiss
Vertraute Metaphernwelt: Herta Müller im Gespräch mit Jan Bürger im Deutschen Literaturarchiv Marbach.Foto: Ramona Theiss

Marbach. Der Begriff Sommerpause scheint nicht allzu fest im aktiven Wortschatz der Literaturwissenschaft verankert zu sein und so wird das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) dieser Tage zum Zentrum eines internationalen Symposiums namens „Literature in the Nobel Era“. Drei Tage lang gehen Expertinnen und Experten aus Deutschland, Schweden, den USA, Großbritannien, Irland, Frankreich, Indien, Chile, Namibia, Belgien, Japan, Hongkong und der Türkei auf der Schillerhöhe anhand von Fachvorträgen der Frage nach, welche Effekte die Verleihung der weltweit bekanntesten Auszeichnung auf dem Gebiet der Literatur auf die betroffenen Autorinnen und Autoren sowie ihre Produktion hat. Freilich fast nur virtuell: Das in Zusammenarbeit mit den Universitäten in Bielefeld und im schwedischen Linköping sowie mit der Schwedischen Akademie in Stockholm organisierte Symposium findet vorwiegend online statt, die Vortragenden sind wie die weiteren Teilnehmenden von ihren heimischen Rechnern aus zugeschaltet.

Nicht so Herta Müller. Die sitzt, von einem warmen Antrittsapplaus begrüßt, an einem Tisch auf dem Podium im Humboldt-Saal des DLA und wirkt guter Dinge. 2009 mit dem Literaturnobelpreis bedacht, hat man die 1953 im rumänischen Banat aufgewachsene und 1987 in die BRD ausgereiste Schriftstellerin hier gewissermaßen als Kronzeugin eingeladen. Und dazu ein 3G-Livepublikum, das sich, angezogen vom guten Klang des großen Namens, dann auch tatsächlich mobilisieren ließ: Überwiegend belegt präsentieren sich die 50 im Schachbrettmuster mit wirklich großem Abstand verteilten Plätze im Auditorium des Kulturdenkmals. Dazu kommen weitere Besucher, an Bildschirmen nah und fern der Schillerhöhe.

Becketts Sichtweise, der Literaturnobelpreis sei das Schlimmste, was ihm je widerfahren ist, mochte Müller sich nicht zu eigen machen. Kein Unglück – „das wäre vermessen!“, eher Glück oder Zufall habe wohl dazu geführt, spekuliert die Autorin mit den markanten Gesichtszügen unter der tiefschwarzen Pagenkopffrisur. Nach außen sei die Auszeichnung durchaus eine Zäsur gewesen, räumt sie ein, spricht von Aura und Aufmerksamkeit, „ob man will oder nicht“, aber auch von Erwartungen, Druck, Verantwortung. An ihrem Schreiben habe der Preis indes nichts verändert, meint Müller. „Ich denke nur daran, wenn ich muss – so wie jetzt.“ Sympathisch und nahbar wirkt die 68-Jährige im Gespräch mit Jan Bürger, dem stellvertretenden Leiter der Abteilung Archiv im DLA, häufig untermalt sie ihre Aussagen mit den Händen.

„Innerlich bin ich immer noch ein Flüchtling“, bekennt sie. Nachdem Müller, Mitglied der deutschsprachigen Minorität, im kommunistischen Rumänien ins Visier des Geheimdiensts geraten war, verbrachte sie die ersten anderthalb Jahre nach ihrer Ausreise im Auffanglager Nürnberg-Langwasser, wo sie wiederum der Agententätigkeit für die Securitate verdächtigt wurde. Diese Zeit reflektiert Müller nun in ihrem jüngsten Buch. Erst zwei Tage zuvor war „Der Beamte sagte“ erschienen, hier kommt das Marbacher Hybrid-Publikum in den Genuss einer Urlesung.

Müller steht jetzt, die Arme nun leicht verschränkt, vor dem geschlossenen Flügel und trägt die von einem Projektor an die gegenüberliegende Wand geworfenen Texte vor. Ansonsten entginge einem die visuelle Seite dieser Literatur: Denn wie zuletzt in „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ bedient sich die Schriftstellerin auch für „Der Beamte sagte“ wieder ihrer Collagetechnik, in der sie aus Magazinen und Zeitungen ausgeschnittene Wörter im Postkartenformat zu neuen Sätzen zusammenfügt und mit Bildelementen kombiniert. Neu ist, dass sich die einzelnen Seiten nun als übergreifende Erzählung lesen lassen. Darin berichtet eine Ich-Erzählerin von der „Unmöglichkeit, ein mitgebrachtes Leben zu erzählen“, so Müller.

Bodenlose Büros, durchsichtige Häuser, Verhöre verschiedener Prüfstellen – gut vertraut dürfte die Metaphernwelt in „Der Beamte sagte“ auf ihre Leser wirken, ebenso Sätze und Formulierungen wie „Welche Farbe hat der Verrat“ oder „Kalte Liebe wie altes Brot“. Wie viele Wörter sie in den Schubladen ihrer Metallschränke inzwischen denn wohl gesammelt und alphabethisch sortiert habe, will Bürger wissen. „Hunderttausend“, antwortet Müller strahlend: „Ich habe eine Werkstatt – und wer eine Werkstatt hat, muss arbeiten.“