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Natur

Die Palmischbirne ist wieder da

Die Zukunft der Streuobstwiese liegt auch in ihrer Vergangenheit. Diesen Schluss lässt zumindest eine Baumpflanzaktion zu, bei der gestern eine Palmischbirne auf einer Fläche am Ditzinger Stadtrand gesetzt worden ist. Die historische Obstsorte kann einen fast 400-jährigen Stammbaum vorweisen.

Haben ein Herz für die Palmischbirne: die Streuobstexperten Urs Renninger und Matthias Braun sowie der grüne Landtagsabgeordnete Markus Rösler (von links). Foto: Oliver Bürkle
Haben ein Herz für die Palmischbirne: die Streuobstexperten Urs Renninger und Matthias Braun sowie der grüne Landtagsabgeordnete Markus Rösler (von links). Foto: Oliver Bürkle

DITZINGEN. Als Streuobstexperte, dem der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) erst unlängst den Ehrentitel „Käpsele“ verlieh, hat Urs Renninger schon viele Obstbäume gepflanzt. Somit erweist sich das Einsetzen einer Palmischbirne auf einer Wiese an der Calwer Straße in Ditzingen, zu der Renninger am Freitagvormittag gemeinsam mit dem Verein Slow Food geladen hat, als Routineangelegenheit.

Konkret gefeiert wird die Aufnahme der Palmischbirne in die „Arche des guten Geschmacks“-Liste von Slow Food Deutschland, dem deutschen Ableger der Bewegung, die sich weltweit für den Erhalt biologischer und geschmacklicher Vielfalt einsetzt. Mitglieder von Slow Food Stuttgart sowie Vertreter des Ditzinger Obst- und Gartenbauvereins und des örtlichen Naturschutzbundes verfolgen, wie Renninger das Wurzelwerk des etwa 2,50 Meter hohen Baums mit einem gitterartigen Wühlmausschutz aus Draht umhüllt und den Stamm vorsichtig in die zuvor ausgehobene Grube setzt.

Er habe auch schon viele Obstbäume ohne Wühlmausschutz gepflanzt, sagt Renninger. In diesem Fall kommt aber noch ein Schutz am Stamm dazu, der vor Hasen und Rehen schützen soll. „In Ditzingen sind es eher Hasen“, so Renninger und überrascht den Laien, als er kurz darauf sämtliche Leitäste abschneidet – der Stamm ist jetzt völlig kahl. Renninger will, dass die zuvor in einer Höhe von etwa 1,60 Meter heraussprießenden Leitäste bis zum Herbst 20 bis 40 Zentimeter höher aus dem Stamm wachsen.

Der Baum werde sechs bis acht Meter hoch, sagt Renninger, da mache diese kleine Differenz nichts aus. Zudem profitierten von dieser Methode sowohl der Landschafts- als auch der Naturschutz, weiß der ebenfalls anwesende Grünen-Landtagsabgeordnete Markus Rösler. Denn diverse Specht-, aber auch viele andere Vogelarten, Fledermäuse oder Hornissen bevorzugten höher gelegene Wohnungen. Und Landwirte könnten bei höheren Leitästen besser unter den Bäumen mähen.

An diesem Tag ist aber weniger wichtig, wie Renninger pflanzt, sondern was er pflanzt. Denn bei der Palmischbirne handelt es sich um eine uralte Obstsorte, die der Botaniker Johann Bauhin schon 1598 als „Böhmische Birne zu Boll“ beschrieben hatte. Diese historische Relevanz ist eines von mehreren Kriterien, die bei der Aufnahme als sogenannter Passagier in die Archeliste von Slow Food erfüllt werden müssen.

Der Hemminger Matthias Braun, Mitglied der Archegruppe von Slow Food Stuttgart, hatte zuvor den entsprechenden Antrag bei der Slow-Food-DeutschlandZentrale eingereicht. Bereits 2017 hatte Braun das für eine andere historische Obstsorte getan, den Luikenapfel. Auch dieser Antrag wurde bewilligt. Damals pflanzten Braun und sein Streuobstkumpel Renninger gemeinsam mit Vereinsvertretern in Hemmingen vier Exemplare des Luikenapfels.

Neben der historischen Authentizität sei die Weiterverarbeitung ein wichtiges Kriterium für die Aufnahme in die Liste, sagt Braun. Die nur geringe Ansprüche an ihren Standort stellende, im Südwesten einst weit verbreitete Palmischbirne liefere den Rohstoff für viele Produkte. Die Früchte des Baums ließen sich unter anderem Most beimischen. Daher auch der Name, „Palmisch“ ist eine Verballhornung von Beimischen. Getrocknet werden die Palmischbirnen zu Hutzelbrot.

Gedörrt erfüllten sie in früheren Zeiten eine wichtige Funktion als Notration in Krisenzeiten und bewahrten viele Notleidende vor dem Hungertod. Und Renninger verarbeitet die Birnen mittlerweile auch gewerblich zu einem Edeldestillat nach eigener Rezeptur weiter. „Schnaps wäre in diesem Fall ein unangemessener Begriff“, sagt Braun. Sein Fazit: „Ein toller Baum.“ Teil der Slow-Food-Philosophie sei es, selten gewordene Sorten auch durch Neupflanzungen zu fördern, betont Braun. „Kann gut sein, dass das heute nicht die letzte Pflanzaktion war.“

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