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Katholische Kirche

Die Zeit des Schweigens ist vorbei

Nach „Maria 2.0“ haben katholische Frauen jetzt den nächsten Protest gestartet: „Maria, schweige nicht“. Zwei Ditzingerinnen erzählen, wie sie für mehr Gleichberechtigung in der Kirche kämpfen.

„Die Türen werden aufgehen“: Elisabeth Niggemeyer (links) und Anne Barbier-Piepenbrock von der Bewegung „Maria, schweige nicht“. Foto: Andreas Essig
„Die Türen werden aufgehen“: Elisabeth Niggemeyer (links) und Anne Barbier-Piepenbrock von der Bewegung „Maria, schweige nicht“. Foto: Andreas Essig

Ditzingen. Zur blauen Stunde schließen Elisabeth Niggemeyer und Anne Barbier-Piepenbrock noch einmal die katholische Kirche St. Maria in Ditzingen auf, um frische Luft in das Gotteshaus zu lassen. Sie tragen weiße Oberteile, die Farbe der Taufe und ihrer Bewegung, dazu pinkfarbene Kreuze am Revers. Barbier-Piepenbrock, 52, die katholische Theologin ist und Psychologin, schaut zum Altar, wo sonst der Priester und Ludwigsburger Dekan Alexander König die Sakramente spendet: Taufe, Eucharistie, Firmung, Ehe, Buße, Weihe und Krankensalbung. Dann sagt sie: „Ich will nicht mehr, dass Frauen neben dem Altar stehen müssen, sondern dahinter – als Priesterinnen.“

„Ich bin fest davon überzeugt, dass ich es noch erleben werden,

dass Frauen Priesterinnen werden.“

Anne Barbier-Piepenbrock
Katholische Theologin

Im September haben Barbier-Piepenbrock, die aus dem erzkatholischen Paderborn stammt, Niggemeyer und die Pastoralassistentin Janine Irtenkauf im Strohgäu eine Gruppe gegründet, die die Bewegung „Maria, schweige nicht“ in Schwung bringen will. Ihrem Aufruf folgten 15 Frauen, die ebenfalls keine Gläubigen zweiter Klasse sein wollen. Ihre Forderungen lauten: Weiheämter auch für Frauen, Aufhebung des Pflichtzölibats, Demokratisierung der Kirche, strafrechtliche Verfolgung von Missbrauchstätern und eine kirchliche Sexualmoral, die zur Lebenswirklichkeit der Menschen passt.

Dass die katholische Kirche unter Spannung steht, ist seit langem zu beobachten. Schon im Frühjahr protestierten Katholikinnen zuerst in Münster unter dem Titel „Maria 2.0“ für Gleichberechtigung in der Kirche. Danach boykottierten Frauen in rund 1000 deutschen Pfarreien Gottesdienste. An diese Bewegung will der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) mit „Maria, schweige nicht“ anknüpfen. Namensgeberinnen sind Maria Magdalena, die erste Zeugin der Auferstehung, und Maria, die Mutter Jesu. „Beide haben, ebenso wie andere Frauen in der Bibel, gerade nicht geschwiegen, sondern die göttliche Weisheit weitergetragen“, sagt Niggemeyer.

Die 60 Jahre alte Informatikerin, Heilpraktikerin und Pastoraltherapeutin steht beispielhaft für den Protest. Sie ist mit Leidenschaft Katholikin. Niggemeyer arbeitet seit Jahren im Ditzinger Liturgie-Ausschuss mit und organisiert Gebetsnächte. Doch im Sommer wird den beiden Frauen auf einem Segelboot zwischen Schweden und Kiel immer klarer, dass sie ihre Sehnsucht und Hoffnung auf einen Neubeginn nach außen tragen wollen. „Unser Priester Alexander König hat einmal zu uns gesagt, dass in der Kirche alles männlich ist: Macht, Finanzen, Sprache und Struktur“, so Niggemeyer. Dabei würden vor allem Frauen ehrenamtliche Aufgaben übernehmen. Auch die meisten Gottesdienstbesucher seien weiblich.

Was sie besonders ärgert: Wie ihre Kirche versucht hat, die zahlreichen Missbrauchsfälle zu verdunkeln und zu vertuschen. Sie ist dafür, dass die Opfer höher entschädigt und die Täter weltlichen Gerichten überstellt werden – und auch die Vertuscher mit Konsequenzen rechnen müssen. „Und ich wünsche mir, dass die katholische Sexualmoral an die Wirklichkeit der Menschen angepasst wird.“

Barbier-Piepenbrock nickt zustimmend. „Als Mädchen hat es mich verletzt, dass ich keine Ministrantin werden durfte, mich verletzt es immer noch, keine Priesterin werden zu können.“ Das Pflichtzölibat hält sie für einen Anachronismus. „Mir fallen aus dem Stand fünf Männer ein, die Priester geworden wären, wenn sie hätten heiraten dürfen.“ Auch ihr Bruder entschied sich damals, lieber Lehrer für katholische Religion zu werden. „Das Pflichtzölibat macht keinen Sinn“, sagt sie. „Entweder man fühlt sich zum Priester berufen oder nicht.“

Ideen für Aktionen haben sie bereits gesammelt. Anfang November wollen sie dem Weihbischof Matthäus Karrer in Stuttgart Unterschriften übergeben. In Horb liest bald die Kirchenkritikerin Jacqueline Straub aus ihrem Werk „Kickt die Kirche aus dem Koma“. Auch da wollen die Ditzingerinnen dabei sein.

Leichter, den Aufstand zu proben, macht es den Frauen, dass ihr Priester König offenbar nicht den Gegenreformator gibt, wie so mancher Erzbischof. Wie zu hören ist, treibt auch König das Thema Gleichberechtigung in der katholischen Kirche um. „Ich glaube, er hat darauf gewartet, dass etwas passiert“, sagt Barbier-Piepenbrock. „Er wusste ja, dass es aktive Frauen in der Seelsorgeeinheit gibt.“

Dass „Maria, schweige nicht“ für eine Spaltung der katholischen Kirche sorgen könnte, erwarten die Ditzinger Frauen nicht. „Die Kirche ist doch längst gespalten“, sagt Niggemeyer und verweist auf die zahlreichen Schäfchen, die den Gottesdiensten bereits fernbleiben oder ausgetreten sind. Sie findet, dass die Zeit für Kirchenreformen 100 Jahre nach dem Frauenwahlrecht jetzt reif ist. „Die Türen werden aufgehen“, prophezeit sie. „Die Berliner Mauer wäre auch nicht gefallen, wenn es nicht beherzte Entscheidungen gegeben hätte.“ Und Barbier-Piepenbrock, die Theologin und Psychologin, sagt: „Ich bin fest davon überzeugt, dass ich es noch erleben werde, dass Frauen Priesterinnen werden.“

Info: Das nächste Treffen von „Maria, schweige nicht“ in Ditzingen findet am kommenden Donnerstag, 24. Oktober, um 19.30 Uhr im katholischen Gemeindezentrum statt.

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