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Reportage

Durch Remsis Finger und die Kolbenhaare

Seit 20 Jahren lockt das Maislabyrinth von Familie Siegle nach Ditzingen, seit Ende Juli gibt es begleitend zur Remstal-Gartenschau ein zweites im Kreis, in Neckarrems. Ein Vergleich.

Wie findet man den Weg zum Ziel? Nur aus der Luft kann man die Motive erkennen: in Ditzingen zum 20. Jubiläum, in Remseck das Maskottchen. Fotos: Wolschendorf/privat
Wie findet man den Weg zum Ziel? Nur aus der Luft kann man die Motive erkennen: in Ditzingen zum 20. Jubiläum, in Remseck das Maskottchen. Foto: Wolschendorf/privat
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Ditzingen/Remseck. Samstagmittag, am Ortsrand von Neckarrems. Noch sind es etliche Meter bis zum neu angelegten Maislabyrinth – und die Sucherei nach dem richtigen Weg geht schon los. Links oder rechts abbiegen? Und geht es wirklich da geradeaus auf dem Fußweg zum Bieneneingang?

In Ditzingen ist das tags darauf deutlich einfacher. Nur wenige Meter nach der Autobahnausfahrt steht an der nächsten Kreuzung ein Schild mit dem handgemalten Hinweis „Maislabyrinth“ – und auch an den folgenden zwei Abzweigungen. Selbst wer die vielen schon abgestellten Autos übersehen sollte, wird mit einem „Parkplatz“-Schild auf diese Möglichkeit hingewiesen.

An den Kassenhäuschen haben sich kleinere Schlangen gebildet. An den Wochenenden gibt es zwei, eines ist mit Ehrenamtlichen des Schwäbischen Albvereins aus Ditzingen besetzt, die Bons für Essen und Getränke verkaufen. Das größere Kassenhaus gehört Familie Siegle. Denn wer in ihr Maislabyrinth will, muss bezahlen: Erwachsene vier Euro, Kinder von sechs bis 16 Jahren drei Euro, noch jüngere zwei Euro. Für einen Euro gibt es eine längliche Postkarte, auf der das Motiv aus der Luft abgedruckt ist.

Lauf durch die Blume

In Neckarrems gibt es weder Kassenhäuschen noch Pläne zum Mitnehmen. Denn das einmalige Maislabyrinth ist eines der Bürgerprojekte, die keinen Eintritt kosten: zwei Landwirtsfamilien haben die 2,5 Hektar große Fläche zur Verfügung gestellt, andere Aktive den Mais eingesät und die Wege freigemäht. Wie diese durch den dichten Pflanzenwald führen, zeigt ein kleines Schild: Maskottchen „Remsi“ fliegt eine Blume an, an deren Stiel der zweite Ein- und Ausgang ist. Ausgedacht hat sich das das Bietigheimer Ingenieurbüro Westram. Unter dem Lageplan steht aber noch mehr: einige wenige Verhaltensregeln zum Umgang mit dem „lebenden Irrgarten“ und den Maispflanzen, mit der wohl wichtigsten am Schluss: „Haben Sie Spaß!“

Und das haben die Besucher an jenem Tag auf alle Fälle. „Yeeahh, wir haben‘s heraus geschafft“, tönt es plötzlich aus dem Maisfeld. Simone Bauer und ihr kleiner Sohn Julius aus Hochberg kommen gerade den rechten Flügel von Remsi entlang. Gestartet sind sie am Blumeneingang, und ohne Hilfsmittel einmal durchgelaufen. Am Anfang seien sie zwar öfters mal in einer Sackgasse gelandet, doch dann relativ schnell auf der Picknickfläche angekommen, die wie die Wege dick mit Hackschnitzeln ausgelegt ist. Durch ein Blütenblatt gelangten sie schließlich in „Remsis“ Finger und weiter Richtung Ausgang. Gut eine Viertelstunde, schätzt Simone Bauer, haben sie gebraucht.

Na – das ist doch mal sportlich. Ich hingegen komme nur wenige Meter weit – denn wo es weitergehen sollte, tut es das plötzlich nicht. Da sind doch sicher die Wege seit der Luftaufnahme zugewachsen, und dann nicht wieder so hergestellt worden, denke ich.

Zum Aussichtsturm geht‘s noch leicht

Das muss auch in Ditzingen geschehen sein – obwohl dieses Maislabyrinth ebenfalls erst seit Ende Juli in Betrieb ist. Anja Siegle hatte mir eine Karte in die Hand gedrückt, gezeigt, wo sich der Aussichtsturm befindet. Eigentlich ganz einfach: Auf der linken Seite der Rakete hoch, dann scharf links, rechts, die nächste wieder links, rechts – da. Doch da ist kein Turm. Also kommt die Karte weg, und es geht den Stimmen nach. Einige Abzweigungen später steht die Stahlkonstruktion vor mir. Von dort oben kann man fast das gesamte Strohgäu überblicken.

Und das diesjährige Motiv zumindest erahnen, das ganz im Zeichen des Jubiläums steht. Im Vorjahr war die ebenfalls 2,5 Hektar große Fläche Strandszenen gewidmet – und das Durchkommen selbst bei Dunkelheit während der samstäglichen Spätöffnung gefühlt einfacher.

Denn schon vier Abzweigungen weiter fühle ich mich erneut orientierungslos. Familie Michaelis aus Weilimdorf kommt mir entgegen. Ob sie noch wissen, wo sie genau sind? „Immer!“, sagt Vater Jens – schließlich laufen sie auch systematisch alle Wege ab, anderthalb Stunden etwa dauere das. Jedes Jahr kommen sie hierher, vor allem, weil es „so schön groß ist und es den Kindern so viel Spaß macht“, erklärt Mutter Anita. Ich gehe auch weiter, denke zu wissen, wo ich bin.

Immerhin: Zwei kleinen Mädchen geht es ähnlich, auch sie starren auf die Karte. „Ich glaube, wir sind an den Haaren eines Maiskolbens, weil hier so viele Wege abgehen“, sage ich. Thalia und Elin aus Ditzingen nicken. „Dann gehen wir jetzt da weiter“, sind sie nun sicher. Schließlich haben sie noch einiges vor: Irgendwo auf dem 2,5 Kilometer langen Wegenetz sind nämlich vier Stempel versteckt, die Standorte wechseln die Siegles nach einiger Zeit. Wer zudem die vier Fragen auf der Quizkarte – unter anderem dazu, wie viele Maispflanzen eingesät wurden – beantwortet, kann Preise gewinnen.

Ich bin da wieder raus – im doppelten Wortsinn. Wieder mal keinen Stempel entdeckt. Und ich bin auch wieder zum Eingang zurückgekehrt, um mir Orientierung zu verschaffen – und ein Erfolgserlebnis. Einmal durch die Jahreszahlen, denke ich, das ist doch leicht zu schaffen.

Zurück auf Los

Auch in Neckarrems bin ich nach mehreren Irrungen am Ausgang angelangt. Nächster Versuch – und nächste Sackgasse. Irgendwann aber wird der ohnehin schon breite Weg noch breiter: Die Picknickfläche liegt vor mir, wie auch immer ich dort hingekommen bin. Den Blütenausgang zu finden, ist nun tatsächlich ein Kinderspiel. Ähnlich leicht navigiert es sich auch durch die beiden Jahreszahlen in Ditzingen. Nicht mal zwei Minuten dauert es, zum Jahr 2000 zu kommen.

Ein Erfolgserlebnis. Wie das auch das Konzept Maislabyrinth für Familie Siegle insgesamt sein dürfte. Wie viele Besucher jedes Jahr genau kommen, wissen sie nicht – nur, dass noch keiner verloren ging, scherzt Gerhard Siegle. Viel Glück hatten sie all die Jahre auch mit dem Wetter, nur selten war geschlossen, etwa vergangenen Mittwoch nach dem Unwetter.

Viel los ist nun aber auch vor dem Labyrinth. Dicht gedrängt sitzen dort viele Besucher, lassen sich Grillspezialitäten und Kuchen schmecken. Die Ehrenamtlichen des Albvereins haben alle Hände voll zu tun. „Aber das ist doch auch toll so“, sagt Organisatorin Gertrud Hagenlocher. „Und das sagt auch was aus, wenn wir so eine Bewirtung schaffen.“ Spricht’s, greift zum nächsten Bon, dreht sich um, reicht die gewünschte Speise. Hier weiß eben jeder, wo er hin muss.

Info: Das Neckarremser Labyrinth ist am Lützelhaldenweg, es gibt wenige Parkmöglichkeiten davor. Geöffnet ist rund um die Uhr, und zwar bis zum Ende der Gartenschau am 20. Oktober. Das Ditzinger Labyrinth, Im Hülben 1, kann man täglich von 11 bis 19 Uhr, samstags bis 23 Uhr, besuchen.

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