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E-Mobilisten brauchen weiter gute Nerven

Bei den Tarifen und Abrechnungssystemen herrscht bundesweit Chaos – Baden-Württemberg will bei Ladesäulen dieses Jahr Flächendeckung erreichen

Ludwigsburg/Stuttgart. E-Mobilisten, die ihre Fahrzeuge an den 17.500 öffentlichen Ladesäulen in Deutschland mit Strom aufladen müssen, haben es wahrlich nicht leicht – dabei findet jeder dritte Ladeprozess unterwegs statt. Und nicht jeder kann zu Hause eine Station – eine Wallbox – installieren. Das Problem sind bei den öffentlichen Stationen weniger die Stecker. Bei den Tarifen für Elektroautos herrscht nach Recherchen der Stiftung Warentest Chaos. Und viele regionale Versorger betreiben nur in ihrer Umgebung Ladesäulen. Auch der Autoclub ADAC kritisiert „verwirrende Abrechnungssysteme“, der Stromanbieter Lichtblick das „babylonische Wirrwarr“. Teilweise sind Ladekarten mehrerer Anbieter und Netzwerke nötig, um durch die Republik zu fahren – Kundenfreundlichkeit sieht anders aus. Fahrer von E-Autos berichten, dass Ladesäulen streiken, Ladekarten von Roaming- oder Vertragspartnern nicht annehmen, auf Handy-Apps nicht reagieren, weil sie offline sind. Ist hier die Wartung unzureichend? Und nicht selten werden sie von Autos zugeparkt. Wehe dem, der dann seinen Akku fast leer gefahren hat. Auf Interessierte wirkt dies eher abschreckend.

152 Ladesäulen für E-Autos mit einem oder mehreren Ladepunkten verzeichnet beispielsweise das Stromtankstellenportal Lemnet.org für den Kreis Ludwigsburg, darunter öffentlich zugängliche Ladestellen auf Privatgrundstücken, bei Unternehmen, Discountern wie Aldi (Ludwigsburg und Remseck), Supermärkten wie Kaufland (Steinheim und Marbach) und den großen Anbietern. 87 Ladesäulen sind öffentlich.

„Wer auf öffentliche Ladestationen angewiesen ist, braucht gute Nerven“, sagt Gregor Kolbe vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Tücken hätten zeitbasierte Modelle, so Kolbe gegenüber Warentest, bei denen Fahrer pro Minute Ladezeit zahlen und nicht pro geladener Kilowattstunde (kWh). E-Mobilisten wissen damit nicht, wie viel Strom genau geladen wird und wie viel sie das kostet, denn dies hängt von mehreren Faktoren ab: der Leistung der Säule und der Leistung des im Fahrzeug eingebauten Laders. Vor allem große E-Autos haben größere Lader, bei kleinen Autos sparen sich dies die Hersteller nicht selten. Schlussfolgerung: „Steht ein Kleinwagen an einer Säule, die je Minute abrechnet, zieht er in derselben Zeit weniger Strom als ein Geländewagen.“ Der Kleinwagen tankt also teureren Strom. Je nach Anbieter, Standort und Roaminggebühren können 39 oder 49 Cent/kWh fällig werden, während Verbraucher für Haushaltsstrom im Schnitt 30 Cent zahlen. Von regionalen Schwankungen bis zu 44 Cent berichtet der Branchendienst Elective.net. Ladestrom kann somit teurer werden als Diesel, ja sogar das Niveau von Super Plus erreichen, da er an schnellen Gleichstrom-Schnellladesäulen (DC) schnell mal 89 Cent/kWh kosten kann. Dafür liegt bei diesen die Ladeleistung bei mindestens 50, 135 oder bei 350 Kilowatt (kW) – Vorbild sind Teslas Supercharger-Stationen.

Besitzern von Verbrennern, die den Spritpreis auf den Tankstellen-Displays sehen und Preistransparenz gewohnt sind, mutet dies seltsam an. Für E-Mobilisten ist dies vielerorts Normalität, zumal sich auf dem Markt bundesweit viele Fahrstromversorger tummeln, die mit Roaming- und Vertragspartnern selbst für die Preisgestaltung zuständig sind.

Zwar müssen Säulen seit 1. April nach dem Ablauf der Übergangsfrist wegen der neuen Eichrechtsverordnung einen kWh-Preis nennen, doch dies ist nach Warentest-Erkenntnissen längst nicht überall umgesetzt. Viele Ladesäulen sind noch nicht auf die korrekte Abrechnungsmethode umgestellt. Nach Angaben des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg „dulden die mit der Überwachung der Preisangabenverordnung betrauten Behörden“ (Landratsämter und Stadtkreise) bis auf weiteres die anderen Abrechnungsmethoden – so nach Nutzungsdauer. Hinzu kommt, dass moderne Säulen „punktuelles Aufladen ohne Vertrag ermöglichen müssen“. Dies soll sichergestellt werden, „indem keine Authentifizierung gefordert wird und die Abgabe der Energie kostenlos oder gegen Bargeld-Zahlung erfolgt“. Alternativ kann es eine bargeldlose Bezahlung geben – durch Kreditkarten oder webbasierte Zahlungssysteme. Ein Problem ist, so der ADAC, dass es für Schnellladesäulen (DC) noch keine eichkonformen Zähler gibt. Doch hier bewegt sich was. „Geeichte Gleichstromzähler sind in den nächsten Wochen am Markt“, weiß Christian Klaiber, Präsident des Vereins Lemnet Europe. Auch bei den Tarifen werde sich in nächster Zeit viel tun, schätzt der Leiter der Initiative Zukunftsmobilität.

Das Verkehrsministerium in Stuttgart stützt sich auf Angaben des Vereins Lemnet Europe und nennt 3400 öffentlich zugängliche Ladesäulen im Land. In einer Stellungnahme auf eine Anfrage mehrerer Parlamentarier, darunter der Bietigheimer CDU-Landtagsabgeordnete Fabian Gramling, verweist das Ministerium darauf, dass ein Akteur die Rollen als „Betreiber von Ladeinfrastruktur und Anbieter von Elektromobilitätsdienstleistungen oder Fahrstromanbieter einnehmen“ könne. „Das Thema Roaming ist in einen gesamteuropäischen Kontext zu stellen“, heißt es mit Blick auf die Entwicklung beim Mobilfunk. Es setzt sich für eine einheitliche und einfach zugängliche Ladeinfrastruktur ein. Im Rahmen des Programms Safe hat es eine „Selbstverpflichtung zu fairen verbrauchsorientierten und attraktiven Preis- und Roaming-Modellen sowie Kostentransparenz“ integriert. „Die Akzeptanz der E-Mobilität kann nur gesteigert werden“, so Gramling, „wenn es keinen Flickenteppich bei Ladetechnologie, Tarifen und Abrechnungssystemen gibt.“ Er erwartet von den Anbietern, dass sie gemeinsame Standards setzen.

Nun will die Bundesregierung nach dem jüngsten Autogipfel im Kanzleramt den Ausbau der Stromtankstellen forcieren. So sollen 300.000 Ladepunkte bis 2030 bundesweit aufgestellt sein, die Strom für 500.000 E-Autos und -Laster liefern sollen. Auch der Südwesten hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Allerdings hinkt Baden-Württemberg, das einst das Ziel hatte, 20 Prozent von einer Million E-Autos zu stellen, die die Bundesregierung bis 2022 auf die Straßen bringen wollte, dem Ziel hinterher. Doch 2018 waren immerhin 5806 Elektroautos und 5480 Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge im Land zugelassen. Nach neuesten Zahlen gibt es mit 1568 die meisten E-Autos in Stuttgart. „Der Kreis Ludwigsburg liegt mit 1135 Autos auf Platz zwei“, sagt Astrid Schulte, Sprecherin der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim.

Nach Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wird der Südwesten bei den Ladesäulen „als erstes Bundesland dieses Jahr eine wirkliche Flächendeckung erreichen“. Zu den bestehenden Säulen sollen 400 neue hinzukommen. Das Land übernimmt dabei die Hälfte der Investitionskosten, Stadtwerke, Energieversorger und die Kommunen die andere Hälfte. In seiner Stellungnahme wies das Ministerium auf die Ergebnisse der Nationalen Plattform Elektromobilität hin, die von einem „bedarfsgerechten Verhältnis von 1:14 für öffentliche Normalladepunkte und 1:140 für Schnellladepunkte“ ausging. Allerdings sinke der Bedarf mit der besseren Nutzung durch bessere Verteilung und größere Reichweiten bis 2025 auf 1:16,5 beziehungsweise 1:165 Fahrzeugen je Station.

Ausgehend von der Annahme, dass bis 2024 etwa 500.000 E-Fahrzeuge im Land auf den Straßen sein könnten, schätzen die Experten, dass 35.000 öffentliche Normalladepunkte und 3500 Schnellladepunkte nötig sind. Hinzu kommen 500.000 nichtöffentliche Lademöglichkeiten auf privaten und betrieblichen Stellplätzen und Garagen. Da nach einer Umfrage fast zwei Drittel der Deutschen ihr E-Auto lieber zu Hause laden, prüft die Landesregierung, „welche Möglichkeiten der Ausstattung von Gebäuden mit Lademöglichkeiten rechtlich fixiert werden können“. Außerdem bestehe auf Bundesebene die Notwendigkeit, das Miet- und Wohneigentumsrecht anzupassen, damit die Installation von privaten Stationen bei Mietshäusern und Wohnungseigentümergemeinschaften erleichtert wird.

Die wichtigsten Tarife, Betreiber und Netzwerke im Landkreis Ludwigsburg

Langsam beginnt sich der Tarifdschungel an den Ladesäulen zu lichten. Auch beim Ausbau öffentlicher Stationen tut sich dank gut gefüllter Fördertöpfe viel. Dennoch gibt es im Kreis Ludwigsburg bei Portalen wie www.lemnet.org oder iam.innogy.com noch genügend weiße Flecken auf der Karte. Besigheim, Bönnigheim oder Benningen, Markgröningen und Mundelsheim, Enzweihingen oder Erligheim – hierher sollte sich kein E-Mobilist auf der Suche nach einer öffentlichen Ladesäule verirren. Dies könnte sich schon bald ändern, denn heute gibt es im Kreis bereits 87 Ladesäulen – nach 61 im vergangenen Jahr. Der Verein Lemnet weist insgesamt 152 Säulen für das Kreisgebiet aus, darunter öffentlich zugängliche auf Privatgrundstücken.

EnBW: Im Raum Stuttgart betreibt die in der Region stark vertretene Energie Baden-Württemberg (EnBW) 263 Ladestationen mit 483 Ladepunkten. „Diese unterteilen sich in 257 Normalladestationen (AC/Wechselstrom) mit 471 Normalladepunkten und sechs Schnellladestationen (DC/Gleichstrom) mit zwölf Schnellladepunkten“, sagt Pressesprecher Heiko Willrett. Bundesweit betreibt der Energieversorger 750 Ladestationen mit 1500 Ladepunkten. Der Ausbau schreitet voran. Bis Ende 2020 will die EnBW 1000 Schnellladestandorte betreiben. Am 1. März hat der Energieversorger auf Kilowattstunden-Tarife umgestellt. Er biete Zugang zu über 95 Prozent der öffentlichen Ladestationen. Vertragskunden zahlen im Viellader-Tarif eine Grundgebühr von monatlich 4,99 Euro sowie 39 Cent/kWh an Schnellladesäulen und 49 Cent für andere im Standard-Tarif. 39 Cent kostet die Kilowattstunde beim langsamer ladenden Wechselstrom im Standardtarif, 29 Cent im schnellen Viellader-Tarif. Dabei ist die EnBW wie auch der 188 Mitglieder zählende Stadtwerkeverbund Ladenetz.de Mitglied im e-clearing-Verbund. Roaminggebühren entfallen. Der Zugang erfolgt über die Ladekarte und die EnBW mobility+ App.

ADAC: Mit der gleichen App und einer ADAC e-Charge Card, die eine übergreifende Säulennutzung möglich macht, können auch Mitglieder des Autoclubs an über 28.000 Stationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Strom tanken, da der Club eine Kooperation mit der EnBW hat. Dabei fallen weder Grundgebühr noch Roaminggebühren an. Die Karte kann auch bei der Plattform Hubject und Kooperationspartnern verwendet werden. Dabei sind BMW, Bosch, Daimler, Innogy, Siemens und VW bei Hubject und ihrem Ladenetzwerk Intercharge Gesellschafter. Die Karte verspricht Zugang zu 90.000 Ladestationen auf drei Kontinenten.

SWLB/SWBB: Die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim (SWLB) wie auch die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen (SWBB) sind als Netzbetreiber für nicht wenige der Ladesäulen in ihren Kommunen zuständig. Die SWLB betreibt 17 AC-Wechselstrom-Ladesäulen (22 KW) und fünf DC-Gleichstrom-Schnelllader mit 50 KW – insgesamt 44 Ladepunkte. „Dazu vier halböffentliche Ladesäulen in der Rathausgarage und der Akademiehofgarage“, sagt SWLB-Sprecherin Astrid Schulte. Bei diesen fallen Parkgebühren, aber keine Ladekosten an. Drei Säulen mit sechs Ladepunkten, so Schulte, sollen in diesem Jahr auf der Ludwigsburger Bärenwiese (Parkplatz West) aufgestellt werden – und eine in Pattonville.

Kooperationspartner der Stadtwerke im Roaming- und Abrechnungsbereich ist der Ladenetz.de. Der Verbund kann auf nationaler und internationaler Ebene 40.000 Ladepunkte vorweisen. Abgerechnet wird über eine Ladekarte oder die App Ladepay, wobei Preisgestaltung und Abrechnung vom Stromanbieter abhängig ist. Dabei arbeitet Ladenetz mit Roaming-Dienstleistern – wie der Shell-Tochter Newmotion – zusammen, die in Europa einen Zugang zu 100.000 Ladestationen verspricht.

Die SWLB arbeitet an der Umstellung des Tarifsystems, wann diese erfolgt, ist noch nicht entschieden. Derzeit erhalten Bestandskunden, die sich für eine Wallbox und den Tarif Favoritstrom Treue E-Power entscheiden, einen Rabatt von 12,5 Prozent auf den Strompreis, Neukunden zehn Prozent Rabatt und eine vergünstigte Ladekarte (180 Euro). Ab dem zweiten Jahr kostet die Karte 280 Euro, wobei die Flatrate an den SWLB-Ladesäulen auf 2000 Kilowattstunden im Jahr begrenzt ist. Die Stadtwerke Bietigheim betreiben fünf Ladesäulen, von denen eine ein Schnelllader mit 50 kW ist. Eine der Stationen steht in Sersheim. Die SWBB bieten drei Flatrate-Tarife an: Stromkunden zahlen 15 Euro im Monat, Nichtkunden 25 Euro und Vertragskunden des umweltfreundlichen Enz-Stroms 7,50 Euro.

Telekom: Einen unkomplizierten Tarif nur fürs Inland verspricht die Deutsche Telekom, die seit April in Kilowattstunden abrechnet, mit Get Charge. An „bevorzugten Ladestellen“ kostet der Strom 29 Cent für Wechselstrom und 39 Cent für die Gleichstrom-Schnelllader. An Ladestellen anderer Anbieter kostet der Autostrom 89 Cent.

RWE/Innogy: Im Kreis betreibt Innogy 21 Ladestationen, neun davon in Ludwigsburg. Die Tochter des Energieversorgers RWE rechnet bei ihren 22-kW-Stationen seit 2014 in Kilowattstunden ab – derzeit für 38 Cent. „Für Innogy-Schnelllader an Autobahnen werden pauschal 7,95 Euro fällig“, sagt Sprecherin Julika Gang. Innogy habe ein eigenes Netz von Stadtwerken, Supermärkten und Parkplätzen und arbeite mit Hubject/Intercharge zusammen. Ladenetz.de wird als Konkurrenz gesehen.

Die Pleidelsheimer Innogy-Tochter Süwag betreibt über die Tochtergesellschaft Syna acht Ladestationen für Kommunen, darunter Pleidelsheim, Oberstenfeld, Beilstein, Möglingen, Murr und Steinheim. Bald eröffnet eine in Ingersheim. „Der Zugang ist diskriminierungsfrei“, sagt Syna-Standortleiter Michael Meyle. Abgerechnet werden kann über Intercharge, e-Charge, Kreditkarten oder den Bezahldienst Paypal. Zugleich bietet die Süwag über ihren Naturstrom-Tarif einen Autostromvertrag an. Hubert Dreher

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