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Schule

„Ein Aussitzen funktioniert nicht“

Mit einem offenen Brief wendet sich der Gesamtelternbeirat der Stadt Remseck an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann. Darin kritisieren die Eltern die Bildungspolitik der Landesregierung unter Corona und fordern weitergehende Vorgaben.

Remseck. Die Pandemie fordere zu Recht viele Einschränkungen, schicken die Unterzeichner Urte Weinfurter und Marcus Kaempffer vorweg. Beim Vergleich zwischen der Situation der Schüler und Eltern im Frühjahr und heute stelle sich allerdings heraus, dass viele Chancen der Vorbereitung vertan worden seien und Zeit ohne vorausschauende Planung ins Land gegangen sei. Weder seien die notwendigen Kapazitäten für eine stabile und pandemiegerechte Notbetreuung geschaffen noch die Schulen befähigt und ermächtigt worden, den Fernunterricht stabil zu planen und umzusetzen. „Das Mantra des Lüftens und Offenhaltens der Schulen, verbunden mit der Konzeptlosigkeit für das neue Jahr lässt Schüler, Eltern, Lehrer und Schulleitungen im Chaos der sich ständig ändernden Vorgaben, welche oft schlicht nicht umzusetzen sind, alleine zurück“, kritisieren Weinfurter und Kaempffer. Für bildungsferne Schüler gebe es keine Auffangkonzepte. Dazu sei die IT-Ausrüstung der Schüler und Lehrer mangelhaft. Das schaffe eine nicht abzuschätzende Anzahl von Bildungsverlierern. „Die geschaffenen Probleme der Leistungsabfrage, Notengebung und Stoffvermittlung wurden seit März schlicht ignoriert. Es zeigt sich: Ein Aussitzen funktioniert nicht“, stellen die beiden Elternvertreter fest.

Ihnen sei bewusst, dass Präsenzunterricht die besten Bildungsvoraussetzungen bietet, doch die Pandemie interessiere dies nachweislich nicht. Ein guter Gesundheitsschutz der Familien dürfe nicht „dem Mantra des ständigen Präsenzunterrichts für alle geopfert werden“. Zudem seien die Aussagen, Schulen seien kein Hotspot, nach neuesten Erkenntnissen falsch. Schulen seien sehr wohl Treiber im Infektionsgeschehen, wie aktuelle Studien wie die REACT-Studie eindeutig belegen würden. „Wir erwarten, dass die staatlichen Bildungsinstitutionen in besonderem Maße die Wissenschaft ernstnehmen, bilden die Wissenschaften doch das zentrale Fundament unserer staatlichen Bildungspläne“, schreiben die Elternvertreter in ihrem Brief an die Landesregierung. Ohne Wissenschaftsorientierung sei das System Schule für alle Beteiligten nicht vorstellbar. Dass ein Kultusministerium sich nicht mehr der Wissenschaft gegenüber verantwortlich fühlen könnte, sei für Eltern schwer vorstellbar und kein gutes Signal für eine demokratische und aufgeklärte Gesellschaft.

Weinfurter und Kaempffer sei bewusst, dass mit einer Einzelmaßnahme der Kampf gegen das Coronavirus nicht gewonnen werden kann. Sie fordern Kretschmann und Eisenmann deshalb auf, jetzt tragfähige und wissenschaftsbasierte Konzepte zu entwickeln, die flächendeckend im neuen Jahr greifen und stabil umgesetzt werden können. Sie fordern eine Maskenpflicht auch für die Grundschulkinder sowie FFP2-Masken für die dort arbeitenden Lehrkräfte. Auch eine dringende Empfehlung zur Nutzung der Corona-Warn-App an Schulen gehört zu ihrem Forderungskatalog. Die Elternvertreter setzen sich darüber hinaus für eine Entwicklung von tragfähigen Konzepten für Staffelunterricht ein. Dabei müssten den Schulen auch Empfehlungen beispielsweise zur Klassenteilung zur Verfügung gestellt werden.

Weinfurter und Kaempffer wollen eine Entwicklung des flächendeckenden Fernunterrichts sowie eine klare Positionierung für die Vorfahrt der Hauptfächer. „Die Schülerinnen und Schüler werden in 2020 weniger gelernt haben als in Vergleichsjahren.“ Das Gießkannenprinzip, mit dem in allen Fächern versucht werde, den Lernstoff in weniger Unterrichtszeit zu pressen, werde insbesondere bei den Schwächsten zu Schulabbrüchen und Klassenwiederholungen führen. Die Eltern fordern daher „eine von oben nach unten kommunizierte Entlastung in den Nebenfächern und Fokussierung auf die Hauptfächer“. Am Ende wollen sie auch eine Etablierung und Finanzierung von Schnellteststrategien für die Schulen.

„Bitte lassen Sie die Schulen, Schüler, Lehrer und Eltern nicht allein“, so Weinfurter und Kaempffer. Es sei deutlich, dass es Kommunen, Institutionen und Länder gibt, die mit der Pandemie besser umgehen als andere. „Wir Eltern finden, dass die Überlebenschancen von Kindern oder Eltern mit Vorerkrankungen in Baden-Württemberg nicht davon abhängen dürfen, welche Schule ein Kind besucht und bitten Sie hier um Ihr engagiertes und wissenschaftsbasiertes vorausschauendes Handeln im Sinne aller Eltern der Schulen“, die Remsecker Elternvertreter.

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