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Leistungshüten

Ein Beruf, der viel Herzblut erfordert

Mit dem Wettbewerb der Schäfer am Freitagmorgen startet der Schäferlauf – Joshua Seeberger aus Baden-Baden gewinnt das Leistungshüten

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Thomas Heinrich geht voraus, die Schafe laufen hinterher: An der Straße entlang müssen die Tiere eng beieinander bleiben. Fotos: Holm Wolschendorf
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Markgröningen. Markgröningen ist im Schäferlauffieber: Am Zaun, die Schafherde genau im Blick, steht eine Kindergartengruppe. „Schafe, Schafe!“ rufen die Kinder im Chor. Alte Herren mit Filzhüten auf dem Kopf fachsimpeln lautstark über Schafe. Und ein Jugendlicher, auf dessen Shirt der Markgröninger Marsch abgedruckt ist, reißt die Arme nach oben und singt: „Jetzt geht’s los!“

Zwischen all dem Trubel steht Thomas Heinrich. Er stützt sich auf seiner Schäferschippe ab und lässt sich von dem Lärm nicht ablenken. Scheinbar gedankenverloren blickt der Schäfer in die Ferne, die beiden Hütehunde zu seinen Füßen. Ob er innerlich nervös ist, weil er in wenigen Minuten als dritter Teilnehmer beim Leistungshüten starten wird?

„Nein, nervös bin ich eigentlich nie“, sagt Heinrich, nachdem er die Herde des Markgröninger Stadtschäfers durch verschiedene Gehüte geführt hat. „Ich bin halt eine coole Socke“, erklärt der Schäfer aus Ilsfeld seine Gelassenheit, den Anflug eines Lächelns in den Mundwinkeln. Der 49-Jährige hat erst seit 2010 mit Schafen zu tun. „Mein Beruf hat mich nicht mehr ausgefüllt“, erklärt er. Damals arbeitete er als Sattler, doch ihm war schon bewusst, dass er diese Arbeit – auch aus gesundheitlichen Gründen – nicht bis zur Rente machen kann. Stattdessen wollte er mit Tieren arbeiten, Imker stand zur Auswahl. „Als ich einen Schäfer kennenlernte, war ich plötzlich vom Schafvirus infiziert“, so Heinrich.

Quereinsteiger in den Schäferberuf gibt es nicht viele, erzählt Johann-Georg Wenzler, der das Leistungshüten seit 2002 moderiert. Meistens geben Schäfer den Hirtenstab an ihre Kinder weiter. In Baden-Württemberg gibt es noch etwa 180 hauptberufliche Schäfer, nur 20 von ihnen gehen mit ihrer Herde auf Wanderschaft. „Zu dem Job gehört eine Menge Herzblut“, so Wenzler. Die meisten, die sich für den Beruf entscheiden, sind schon mit Schafen aufgewachsen. Eine andere Sache macht es Schäfern schwer, Arbeitskraft von außerhalb der Familie einzustellen: die Bezahlung. Der Stundenlohn eines Schäfers liegt bei etwa 6,50 Euro. Das ist deutlich unter dem Mindestlohn, der einem Vollzeit-Angestelltem bezahlt werden müsste.

Auf dem Feld nähert sich nun Jonas Henninger aus Reutlingen dem Pferch. Ruhigen Schrittes geht er voran, die Schafe folgen. Seine Hündin Cora und der Rüde West halten die Herde zusammen. Mit einem leisen Pfeifen gibt der Schäfer den Hunden Anweisungen. „Da hat jeder seine eigenen Methoden“, so Wenzler zu den Zuschauern. Manche pfeifen, andere rufen kurze Befehle, wieder andere geben Handzeichen.

Während Henninger die Herde an der Straße entlangführt, brechen zwei Schafe aus, als sich das Auto nähert, ein Teil der Prüfung. Schnell jagen die Hunde ihnen hinterher und treiben sie zurück zur Herde. Hat doch niemand gesehen, oder? Doch die zwei Juroren laufen mit der Leiterin des Ludwigsburger Veterinäramts direkt dahinter und vermerken alles auf ihren Klemmbrettern. Über die Brücke gehen die Schafe unter der Führung von Henninger aber ohne Probleme. „Der führt die Herde da aber akkurat durch“, raunt eine Sicherheitskraft der anderen zu. Währenddessen pfercht Jonas Henninger die Schafe wieder ein.

Nachdem er seine Hunde lobend getätschelt hat, nimmt er den Hut ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. An diesem Morgen ist es zwar nicht so heiß wie in den vergangenen Wochen, doch schließlich hat der Schäfer gerade einen ganzen Tag durchlebt – in etwa 30 Minuten. Am Ende reicht es für Jonas Henninger nicht für den Gewinn. Er belegt – wie auch schon 2017 – den dritten Platz. Sieger wird Joshua Seeberger aus Baden-Baden.