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Fünfte Jahreszeit

Ein Dorf im Ausnahmezustand

Faschingsumzug zieht Tausende von Besuchern an – Teilnehmer reisen zum Teil von weit her an

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Murr. Wer sich am Sonntagnachmittag in den Faschingsumzug der Carnevalsfreunde Murr einreihen will, braucht mitunter Geduld. Vor dem offiziellen Startschuss versammeln sich die aus nah und fern angereisten Teilnehmer im Neuen Weg, in der kompletten Straße herrscht ein dichter Narrenstau. Nach dem Start der vorderen Gruppen dauert es etwa eine Stunde, bis sich auch die weiter hinten postierten Fastnachtsvereine in Bewegung setzen und durch die Hindenburgstraße ziehen können.

Ganz am Ende wartet der Förderverein der Freiwilligen Feuerwehr Poppenweiler, der noch eine ganze Weile auf seinen Einsatz warten muss. Man möge sich bitte so verhalten, wie es von der Feuerwehr erwartet wird, mahnt ein Organisator. Das Herumlaufen mit Bierflaschen zum Beispiel wird nicht gern gesehen. Wobei zumindest ein nicht allzu geringer Teil des Publikums sicher nichts dagegen einzuwenden haben dürfte. Doch die Feuerwehrnarren haben ein Einsehen und verzichten auf den Alkohol.

Die Wartezeit vertreiben sie sich mit Musik, der DJ legt das „Bobfahrerlied“ von Tim Toupet auf. Urplötzlich sitzen ein Dutzend Fördervereinsmitglieder in einer Reihe auf der Straße und versuchen sich als Flachland-Bobfahrer. Die Choreografie stößt auch bei den direkt nebenan wartenden Narren von Blau-Weiss Stuttgart auf Interesse, einige Gäste aus der Landeshauptstadt verlängern die Bobreihe spontan – so entstehen Karnevalsfreundschaften.

Überall im Neuen Weg das gleiche Bild: Die unzähligen Umzugsteilnehmer scharren mit den Hufen, insgesamt sind es wohl weit über 1000. In diesem Jahr wird besonders kräftig gefeiert, denn vor 44 Jahren gründete sich der Elferrat der Carnevalsfreunde Murr. Zudem feiert der Verein den elften Geburtstag seiner Symbolfigur, dem Murr’mer Narr. Viele Gruppen haben eigene Partywagen oder -busse am Start, aus zahlreichen Lautsprechern wird das Ortszentrum mit feuchtfröhlichen Faschingshits („Du hast die Hüften schön“) beschallt. Der Handels- und Gewerbeverein Murr begeistert sich für die 70er Jahre, auf dem Wagen tummeln sich allerlei Hippies in blumigen Klamotten. Guter Dinge sind die Carnevalsfreunde Württemberg. Die Rudersberger haben ihre Symbolfigur im Gepäck, den Armen Konrad. Dieser hatte sich im frühen 16. Jahrhundert gegen eine von Herzog Ulrich erlassene Vermögenssteuer zur Wehr gesetzt, die vor allem den armen Leuten das Leben schwer machte.

Bei der Stippvisite in Murr schaut Konrad zwar finster drein, hat aber ein Herz für Kinder und verteilt fleißig Bonbons und andere Leckereien. Im gesamten Dorf herrscht der Ausnahmezustand, die Polizei hat das Ortszentrum weiträumig abgesperrt. Insbesondere in der Hindenburgstraße steht das Publikum dicht an dicht.

Wie viele Besucher es genau sind, kann die Polizei nicht sagen. Eine exakte Erfassung wäre bei dieser Gelegenheit wohl nicht verhältnismäßig. Je nach Wetterlage seien es in der Vergangenheit aber stets 20.000 Zuschauer oder mehr gewesen, meint ein Beamter, das dürfte auch in diesem Jahr so sein.

Die Hütte ist also voll, die Murrer Narren lassen es gemeinsam mit ihren Gästen wieder mal krachen. Und so zieht der Lindwurm mit lauter Guggenmusik, allerlei Hästrägern und fiesen Konfettikanonen vor beeindruckender Kulisse durch den Ort, bevor zum Abschluss in der Gemeindehalle ausgiebig weitergefeiert wird.

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