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Gesellschaft

Eine Million Euro für Taubblinde

Ditzinger Doris-Leibinger-Stiftung unterstützt Forschungsprojekt, mit dem Betroffene aus der Isolation kommen sollen

Eine Schülerin liest an einer Schule für Taubblinde: Die Ditzinger Doris-Leibinger-Stiftung setzt sich dafür ein, die Lebenssituation der Betroffenen zu verbessern. Foto: Patrick Seeger/dpa
Eine Schülerin liest an einer Schule für Taubblinde: Die Ditzinger Doris-Leibinger-Stiftung setzt sich dafür ein, die Lebenssituation der Betroffenen zu verbessern. Foto: Patrick Seeger/dpa

Ditzingen. „Es ist ein dickes Brett, das wir bohren müssen, aber wir versuchen es“, sagt Brigitte Diefenbacher, die Geschäftsführerin der Doris-Leibinger-Stiftung. Denn ein Ziel der Ditzinger Einrichtung, die die Ehefrau des im vergangenen Jahr gestorbenen Seniorchefs des Maschinenbauers Trumpf, Berthold Leibinger, 2007 ins Leben gerufen hat, ist es, die Lebenssituation von taubblinden Menschen zu verbessern. Dazu hat sie nun eine Fördervereinbarung mit der Stiftung „taubblind leben“ geschlossen. Eine Million Euro will man in den kommenden zehn Jahren in ein Forschungspaket und Projekte für mehr Teilhabe Betroffener investieren.

Schon einmal haben die beiden Stiftungen erfolgreich miteinander kooperiert. Damals ging es darum, ein eigenes Merkzeichen für Taubblinde zu etablieren. Ein solches ist notwendig, um bestimmte Leistungen von Krankenkassen und Versorgungsämtern zu erhalten. Zuvor seien Betroffene als blind und als taub eingeteilt worden. „Dadurch konnten sie Leistungen für Blinde und für Taube abrufen, die ihnen im Alltag aber nichts gebracht haben, wie etwa ein Blitzsymbol als Türklingelersatz“, wirft Diefenbacher einen Blick zurück. Seit 2014 gibt es nun einen eigenen Leistungskatalog. Allerdings enthält dieser als einzigen Punkt die Befreiung von Rundfunk- und Fernsehgebühren für Taubblinde. „Das ist für mich echter Zynismus“, sagt Diefenbacher. Es liegt also weiterhin eine Menge Arbeit vor der Doris-Leibinger-Stiftung.

Drei Schwerpunkte hat man sich dabei für die kommenden zehn Jahre gesetzt. So will man die Kommunikation Taubblinder fördern, indem man hierfür Lehrer, Integrations- und Rehabilitationskräfte qualifiziert. „Wir wollen versuchen, die Kommunikation zu erleichtern und möglichst viele Wege dafür zu öffnen“, sagt Diefenbacher dazu. Schließlich würden Betroffene, je nachdem ob sie bereits taubblind auf die Welt kamen, beide Sinnesfähigkeiten erst im Laufe des Lebens verloren haben oder zunächst nur blind oder taub von Geburt an waren, andere Voraussetzungen mitbringen. Trotzdem sei in allen Fällen das Erlernen einer Kommunikation möglich. „Aber dafür braucht es Geduld, sehr viel Empathie und eine Eins-zu-eins-Betreuung.“ Im Zuge dessen solle auch die Diagnose von Taubblindheit verbessert werden, um zu verhindern, dass eine solche unerkannt bleibt und Kinder aufgrund dessen als geistig behindert eingestuft werden, wie in der Vergangenheit geschehen, oder Betroffene gar in einer Psychiatrie landen. Letzteres sei ein Verstoß gegen die Menschenrechte, so Diefenbacher.

Des Weiteren möchte man die Ausbildung spezieller Dolmetscher unterstützen für eine flächendeckende Versorgung. „Taubblinde sollen Herr ihres Lebens sein.“ Dazu gehöre, dass sie bei Arzt-, Notar- oder Behördenterminen für sich selbst sprechen können. Bislang gebe es bundesweit indes lediglich vier solcher sogenannter Lormdolmetscher. Ihnen gegenüber stehen rund 10.000 Betroffene, die ihre Dienste benötigen. Durch einen eigenen Ausbildungsgang als Zusatzqualifikation für Studenten der Sonderpädagogik will man ihre Zahl erhöhen. Mit der Universität Köln als Partner soll dieser aufgebaut und zertifiziert werden.

Darüber hinaus wollen sich die Ditzinger für mehr Assistenzkräfte einsetzen sowie für eine bessere Versorgung von Taubblinden mit technischen Hilfsmitteln. Beispielsweise gebe es Smartphone-Apps, die Nachrichten auf einer an das Telefon angeschlossenen Leiste in Blindenschrift transkribieren und umgekehrt wiederum Braille-Schrift in lateinische Buchstaben, nennt die Geschäftsführerin Diefenbacher ein Beispiel.

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