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Textile Kunst

Eine versponnene Aktion im Museum

Wenn Frauen spinnen, üben sie eine alte Handwerkskunst aus. Wie man aus Wollvlies Garn herstellt, präsentierte jetzt Elvira Kuhnle-Chmielnicki bei der Ausstellung „Textiles“ im Museum im Schlössle.

Auch Upcycling-Mode ist in der Sonderausstellung „Textiles“ im Museum im Schlössle zu sehen. Fotos: Andreas Becker
Auch Upcycling-Mode ist in der Sonderausstellung „Textiles“ im Museum im Schlössle zu sehen. Foto: Andreas Becker
Elvira Kuhnle-Chmielnicki an einem traditionellen Spinnrad.
Elvira Kuhnle-Chmielnicki an einem traditionellen Spinnrad.
Museumsleiterin Irene Ott zeigt, wie eine Handspindel funktioniert.
Museumsleiterin Irene Ott zeigt, wie eine Handspindel funktioniert.

Freiberg. Sonntag im Museum: Im Raum für Wechselausstellungen sitzt Elvira Kuhnle-Chmielnicki an einem traditionellen Spinnrad. Mit dem Fußantrieb versetzt sie das Schwungrad in gleichbleibende Bewegung, so wird die Spindel angetrieben. „Hier zuzuschauen hat etwas sehr Beruhigendes“, stellt eine Museumsbesucherin fest. Doch die Hobby-Spinnerin hat mehr als nur eine beruhigende Wirkung zu bieten, sie plaudert auch aus dem Nähkästchen und erklärt den Spinnvorgang. „Ich verwende für das Spinnen kardierte Wolle. Beim Kardieren werden die Fasern aufgelockert und weitgehend parallel gekämmt“, erklärt sie. „Aus der Wolle muss man gleichmäßig viel herausziehen, dass es einen schönen Faden gibt.“ Später werden dann für die bessere Haltbarkeit zwei Fäden verzwirnt.

Wie Elvira Kuhnle-Chmielnicki erzählt, habe sie das Spinnen nicht etwa von der Großmutter gelernt, vielmehr besuchte sie Anfang der 1980er Jahre einen Spinnkurs und schaffte sich ein eigenes Spinnrad an. „Wir hatten damals zwei Schafe. Die haben wir im Auto zum Scheren gebracht und anschließend die Wolle professionell waschen und kardieren lassen“, erzählt sie. Anschließend hat sie gesponnen und gestrickt. „Mein erstes Kind musste noch selbst gestrickte Schafwollsachen tragen“, erzählt sie lachend. Schon tauschen die Besucher Erinnerungen über „beißende“ Anziehsachen, die zu tragen sie als Kinder genötigt wurden. „In der Schwangerschaft darf man nicht spinnen, sonst wickelt sich die Nabelschnur um den Hals des Kindes“, erzählt Kuhnle-Chmielnicki von einem alten Volksglauben, den sie selbst auch beherzigt hat.

Selbst gestrickte Klamotten waren auch in ihrer Familie irgendwann nicht mehr angesagt, doch hat sie als Lehrerin oftmals das Spinnrad mit in die Schule genommen und ihren Schülern anschaulichen Spinnunterricht zuteil werden lassen.

„Jetzt habe ich zu viel geschwätzt“, stellt sie fest, dass ihr Faden etwas „knubbelig“ geworden ist. Doch das ist nicht schlimm, schließlich macht eine gewisse Unregelmäßigkeit das Besondere der handgesponnenen Wolle aus. Auch die Besucher sind eingeladen, buchstäblich zu spinnen. Gar nicht so einfach, den Schwung mit dem Schwungrad richtig hinzubekommen. Dass es sich plötzlich in die andere Richtung dreht, ist kontraproduktiv, denn dann wickelt sich der Faden wieder ab. Und wenn man nicht gut aufpasst, reißt der Faden und muss neu eingefädelt werden.

Die Spinnaktion fand passend zur Sonderausstellung „Textiles“ statt, die noch bis Ende Mai im Museum im Schlössle zu sehen ist. Kuratiert wurde sie von Anja Horn vom Freiberger Kreativlabor, die mit der Ausstellung den Bogen von alter textiler Handwerkskunst bis zum modernen Upcycling schlägt. Kostüme aus anderen Zeiten und Welten stammen von der Ludwigsburger Kostümschneiderin Hannah Deuss, die unter anderem die Kleider für die Figuren im Märchengarten näht. Nach historischen Vorbildern aus Mittelalter, Barock und Rokoko hat sie märchenhafte Kleider genäht. Auch die Zwanzigerjahre lässt sie in der Ausstellung lebendig werden. Zwei Star-Wars-Kostüme entführen in die Filmwelt.

Die Freibergerin Patricia Hachmann zeigt mit ihrer Abschlussarbeit Modedesign, wie aus Entwurfsideen und Zeichnungen Schnitte und Kleider entstehen. Birgit Mayer-Tauber präsentiert ungewöhnlichen und kunstvollen Textilschmuck aus ihrem Frankfurter Atelier „Gut gemacht“. Die Kuratorin Anja Horn, die schon mehrere breit angelegte Umweltprojekte mit Kindern durchgeführt hat, gibt Denkanstöße zum eigenen Kleiderkonsum. Upcycling-Mode und Ausstellungsstücke rund um die Textilherstellung aus dem Bestand des Museums runden die Schau ab.

Die ehrenamtliche Museumsleiterin Irene Ott ist mit der Resonanz sehr zufrieden. Zur regulären Öffnungszeit am Sonntagnachmittag kommen wöchentlich rund 30 bis 50 Besucher. „Außerdem gibt es sehr viele Führungen für Kindergärten und Schulen unter der Woche“, freut sich Ott.

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