Logo

Verkehr

Elektroautos kurven in der Nische herum

Stromer machen hierzulande weniger als ein Prozent am Gesamtbestand aus, doch der Stuttgarter Regionalverband spricht von einer guten Entwicklung

Auf dem Papier ist die Elektromobilität längst da. Doch auf den Straßen in der Region erspäht man eher selten Taxen mit Hybridantrieb, Teslas oder BMW-Modelle des Typs i3. Foto: electriceye/stock.adobe.com
Auf dem Papier ist die Elektromobilität längst da. Doch auf den Straßen in der Region erspäht man eher selten Taxen mit Hybridantrieb, Teslas oder BMW-Modelle des Typs i3. Foto: electriceye/stock.adobe.com
350_0900_21970_AlternativeAntriebe.jpg

Kreis Ludwigsburg. Die Regionaldirektorin Nicola Schelling ist ihrer Zeit voraus, als sie sich vor knapp fünf Jahren einen Dienstwagen bestellt, der ohne Abgasluft auskommt. Ihre Wahl fällt auf ein Modell des kalifornischen Herstellers Tesla, das 385 PS unter der Haube hat und rund 85.000 Euro kostet. Der Aufschrei im Stammland von Mercedes und Porsche damals: enorm. Schelling, die seit dem Frühjahr 2014 im Amt ist, kauft sich das Fahrzeug privat und rechnet fortan ihre Dienstfahrten ab.

Mittlerweile gehört die Regionaldirektorin zu rund 3800 Menschen in der Region, die über die Straßen stromern (Stichtag 1. Januar 2018). In Ludwigsburg sind es 625. Schelling ist damit eine Exotin. Der Anteil an Elektroautos am Gesamtbestand in der Region Stuttgart liegt bei 0,23 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von 0,08 Prozent. Den Zuwachs in diesem Zeitraum beziffert das Kraftfahrtbundesamt mit gut 1400 Exemplaren. Er geht vor allem auf das Konto der Stadt Stuttgart (+379) und des Landkreises Böblingen (+395). Ludwigsburg legt um rund 200 E-Autos zu. Zum Vergleich: Insgesamt zählt das Kraftfahrtbundesamt in der Region mehr als 1,6 Millionen Fahrzeuge.

Die Regionaldirektorin Schelling sagte gestern angesichts dieser Zahlen im Ausschuss für Wirtschaft, Infrastruktur und Verwaltung trotzdem: „Die Entwicklung ist gut.“ Außerdem verwies sie darauf, dass 20 Prozent der rund 17.000 Elektroautos in Baden-Württemberg in der Region Stuttgart zu finden sind. „Die besondere Dynamik, die das Thema bei uns hat, ist offenkundig“, so Schelling weiter.

Doch nicht alle Regionalräte bewerten die Zahlen so optimistisch wie die Regionaldirektorin. Der Filderstädter Christdemokrat Andreas Koch räumt ein: „Wir liegen sehr weit hinter den Erwartungen zurück.“ Ulrich Deuschle (Innovative Politik) aus Notzingen findet, dass es sich „bei diesen Werten verbietet, von einem Erfolg zu sprechen“. Für den Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger (SPD) ist nicht nur der Anteil der Elektroautos ernüchternd, sondern auch die Summe der Hybridfahrzeuge, die von einer Batterie und einem Verbrenner angetrieben werden können. Davon sind in der Region rund 10.160 Stück unterwegs.

Die SPD fordert nun eine „große Offensive“, die CDU will einen Wettbewerb der Antriebsarten. Neben Elektrofahrzeugen denkt sie auch an Brennstoffzellen oder Gasantriebe.

Der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky (Freie Wähler) zeigte sich unterdessen erstaunt darüber, dass die Debatte im Ausschuss von Kritik an der E-Mobilität statt von Zuversicht dominiert werde. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagte er gestern in Stuttgart, „auch wenn noch nicht alles gut ist.“ Er will, dass die Region und die Städte und Gemeinden auf diesem Feld eine Vorbildfunktion übernehmen.

Die Regionaldirektorin Schelling erinnerte daran, dass in diesem Jahr neue Modelle, die schnell geladen werden können, auf den Markt kommen. Tatsächlich hat VW in dieser Woche eine Elektroauto-Offensive ausgerufen und angekündigt, bis 2028 fast 70 neue Modelle anbieten zu wollen. Bei Mercedes geht der EQC in Serie, bei Porsche der Sportwagen Taycan. Schelling ist sich sicher: „Das wird einen Schub geben.“

Der Regionalverband hat vor allem die Ladeinfrastruktur im Visier und ist dabei, einen Masterplan für Schnellladesäulen aufzulegen. „Die Planungen sind zwar noch nicht abgeschlossen“, so die Regionaldirektorin. Auf der Liste stehen aber bereits 152 Standortvorschläge in 25 Städten und Gemeinden. Für den Fellbacher SPD-Regionalrat Harald Raß reicht das jedoch „hinten und vorne nicht“. Herrschende Meinung im Ausschuss ist, dass die Region eine verlässliche Ladeinfrastruktur brauche, damit es für Käufer interessant werde, bei Elektroautos zuzuschlagen.

Die Grünen wollten übrigens schon 2015, dass die Handwerkskammer und die IHK einen Elektrofahrzeugpool für Bäcker, Handwerker oder kleine Speditionen aufbauen. Dazu sagte der regionale Wirtschaftsförderer Walter Rogg gestern: „Das war ein revolutionärer Vorschlag. Damals gab es noch keine Kleintransporter auf Elektrobasis.“ Das hat sich freilich geändert.

Autor: