Logo

Maientag

Entwicklung trotz Traditionen

Eine Zeile aus dem modernen Lied „Deine Schuld“ als Motto für ein Fest, das schon mehrere hundert Jahre gefeiert wird. Der Maientag zeigt, dass sich Tradition und Moderne nicht gegenseitig ausschließen, sondern ergänzen.

350_0900_19305_21_05_18Theiss_152.jpg
Der Flößertanz, den Vaihinger Schüler im Rondell aufführen, soll daran erinnern, wie wichtig die Flößer für die Stadt an der Enz früher waren. Fotos: Ramona Theiss
350_0900_19306_21_05_18Theiss_28.jpg
Auch in diesem Jahr war Kaiser Karl V. mit seinem Gefolge in Vaihingen zu Gast.

Vaihingen. „Wann fangen wir eigentlich an?“, fragt eine junge Frau im Flößerkostüm ihren Lehrer um kurz nach acht Uhr. Der schaut die Schülerin entrüstet an und ruft: „Wir sind doch schon mittendrin!“ Die Innenstadt ist mit blau-roten Fahnen geschmückt, auf dem Marktplatz tummeln sich Menschen in historischen Kostümen und die Sonne strahlt vom Himmel. Oberbürgermeister Gerd Maisch begrüßt die Anwesenden zur „schönsten Zeit im Jahr“. Er freue sich immer auf den Maientag, weil dann die Stadt noch enger zusammen wachse.

350_0008_1189153_21_05_18Theiss_153
Bildergalerien

Maientag 2018

{CONTENT}

Eng geht es tatsächlich beim Festzug zu: 85 Gruppen mit 2500 Teilnehmern spazieren durch die Innenstadt – Fähnchen schwenkend, Bonbons verteilend, fröhlich rufend. Die Kinder halten ihre Taschen weit auf, um so viele Süßigkeiten wie möglich zu ergattern. Das ist gar nicht schwer, denn kaum eine Gruppe spart mit Bonbons. So bleibt noch so manche eingepackte Leckerei auf dem Boden liegen. Zumindest bis die kleinen Marienkäfer vom Kinderhaus Sonnenkäfer angesprungen kommen: Schnell sammeln sie die restlichen Bonbons auf und stecken sie ein.

Die Marschmusik des Musikvereins Kleinglattbach geht fast im lauten Ratschen der Gündelbacher Grundschüler unter: Sie sind als Wengerter verkleidet und schwingen gekonnt die schweren Ratschen. „Kalimera“ rufen die Mitglieder der griechischen Schule. „Der Ouzo ist wohl schon leer“, bemerkt eine Zuschauerin enttäuscht. Tatsächlich: Auf dem Leiterwagen liegen nur noch leere Flaschen. Die Seilspringer des TSV Enzweihingen haben schon rote Köpfe, doch sie hören nicht auf, im Takt der Musik auf und ab zu springen. Die als Schnecken, Esel, Hühner und Schweine verkleideten Grundschüler winken noch fröhlich in die Menge, als der Festzug am Rondell ankommt. Hier tragen einige Gedichte auf und ernten großen Beifall dafür. Jubel und Applaus bekommt auch Anna Steinbrich. Die Schülerin des Stromberg-Gymnasiums hält die Festrede.

Überrascht sei sie gewesen, als sie das Motto gehört habe. Statt – wie erwartet – zu einem Zitat von Hermann Hesse hat sich die Schülerin zu einer Liedzeile der „Ärzte“ Gedanken machen müssen: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Dass der Zustand der Welt nicht die Schuld der Kinder und Jugendlichen ist, sei erleichternd, so die Schülerin.

Der zweite Teil des Mottos beinhalte jedoch eine Verantwortung für jeden Einzelnen. Die Welt müsse sich entwickeln, sagt Steinbrich. „Wir sollten alle ein bisschen weniger vor der Entwicklung zurückschrecken“, schlägt sie vor. Eine Idee, wie das funktionieren könnte, hat die Schülerin auch schon: Jeder Kritik sollte ein Vorschlag folgen, wie etwas besser gemacht werden könnte. „Hinter jeder Veränderung steckt die Möglichkeit einer Verbesserung“, ist sich Steinbrich sicher. Zum Abschluss gibt sie einen „eigenen lyrischen Impuls“ zum Besten. In einem Gedicht beschreibt die Schülerin, wie wichtig die Gemeinschaft, gleichzeitig aber auch jeder Einzelne für die Gesellschaft ist.

Mit Inbrunst und großen Gesten tragen vier Zweitklässler das traditionelle Gedicht „D‘zit isch do“ vor. „Vor 34 Jahren habe ich das auch gemacht“, sagt eine Vaihingerin zu ihrem Begleiter. Seit Jahren gehört dieses Gedicht zum Maientag dazu – und zwar im Dialekt. „Aber die Schüler können heutzutage doch vielleicht gar kein Schwäbisch mehr“, bemerken die beiden Moderatoren. Falsch gedacht: Im perfekt einstudierten Dialekt rezitieren die Schüler das Gedicht. Als die jungen Schüler laut „S‘isch Maiendag“ in die Menge rufen, bricht das Publikum in Jubel aus. Spätestens jetzt ist der Frühling in Vaihingen angekommen.