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Interview

„Es existieren unnötige Ängste“

Carola Maitra, die Vorsitzende der Kreisärzteschaft, erlebt gerade, dass es in Notaufnahmen und Hausarztpraxen ruhiger geworden ist. Sie empfiehlt Patienten aber, bei Beschwerden nicht zu lange zu warten. Ein Gespräch über die Lage in den Wartezimmern.

Carola Maitra. Foto: RKH-Kliniken
Carola Maitra. Foto: RKH-Kliniken

Kreis Ludwigsburg. Frau Dr. Maitra, Notaufnahmen in Krankenhäusern sind in Coronazeiten leerer als sonst. Gilt das auch für Hausarztpraxen?

Auch in den Hausarztpraxen des Kreises ist es derzeit deutlich ruhiger. Bei vielen Patienten bestehen unnötige Ängste, sie könnten sich in den Praxen der Gefahr einer Infektion mit dem neuen Coronavirus aussetzen. Viele Arztpraxen verschieben Routine- und Kontrolltermine, um die Zahl der Kontakte auf ein minimales Niveau zu senken. Die meisten Praxen haben organisatorische Vorkehrungen getroffen und trennen erforderlichen Routinetermine strikt von Notfallkonsultationen oder Infektbehandlungen.

Wie viele Praxen haben komplett geschlossen?

Eine Schließung infolge der Epidemie gab es bisher nur in Ausnahmefällen. Die Ärzteschaft steht weiterhin für alle gesundheitlichen Belange ihrer Patienten zur Verfügung – und die meisten Praxen haben bereits Vorkehrungen für eine Lockerung des Lockdowns getroffen.

Ist es gefährlich, wenn die Menschen seltener zum Arzt gehen?

Tatsächlich besteht die Befürchtung, dass trotz gravierender Beschwerden Patienten nicht rechtzeitig zum Arzt gehen. Eine Bronchitis kann sich ohne entsprechende Behandlung schon einmal zur Lungenentzündung entwickeln, die natürlich ganz anders und intensiver behandelt werden muss. Zu Sorge Anlass gebende Beschwerden wie beispielsweise Herzschmerzen, Luftnot oder neurologische Auffälligkeiten, sie müssen unbedingt abgeklärt werden. In der Medizin ist reines Zuwarten, ob Beschwerden von alleine besser werden, in den seltensten Fällen eine gute Option. Man muss deshalb die dringende Empfehlung geben, bei Beschwerden zumindest telefonischen Kontakt mit der hausärztlichen Praxis zu suchen, um die Situation dann gemeinsam zu besprechen.

Wie reagieren Patienten, wenn nicht dringend nötige Behandlungen verschoben werden?

Sie reagieren ganz ausnahmslos mit großem Verständnis für die schwierige Situation und die Verschiebung beispielsweise von Routineterminen. Sicherlich ist aber bereits jetzt zu erwarten, dass die Krisensituation nicht in wenigen Tagen beendet sein wird. Auch nach Beendigung der Pandemie, deren Höhepunkt immer noch nicht erreicht ist, wird eine hohe Inanspruchnahme zu erwarten sein.

Videosprechstunden oder Beratung am Telefon – wie weit ist die Ärzteschaft im Kreis bei der Digitalisierung?

Als Arzt oder Ärztin sieht man auch die guten Seiten einer Krise oder Pandemie. Die Ärzteschaft im Kreis macht derzeit viele Erfahrungen mit Videosprechstunden, die von ganz verschiedenen Software-Anbietern für Arztpraxen erhältlich sind. Als problematisch wird hierbei der oftmals nicht geringe Aufwand erachtet. Das Telefon ist für viele als Kommunikationsmedium vertrauter und auch nicht technikaffinen Patienten besser zugänglich. Ist eine Videosprechstunde aber etabliert, funktioniert es immer besser. Wir machen hier viele positive Erfahrungen, die vielleicht auch nach Corona Bestand haben können.

Hält der Run auf Coronatests weiter an?

Die Testungen werden insgesamt seltener nachgefragt. Einerseits haben wir inzwischen mit den Abstrichstellen hervorragend funktionierende Einrichtungen installiert, andererseits besteht durch die höhere Untersuchungskapazität der Labore auch gefühlt ein geringerer Termindruck. Nach Abklingen der Grippewelle und der inzwischen weltweiten Ausbreitung der Coronapandemie spielen besondere Risikogebiete eine geringere Rolle. Derzeit werden – so ist mein Eindruck – entsprechend der offiziellen Empfehlungen auch häufiger Abstriche gemacht, wenn entsprechende Symptome, also Fieber, Husten, Geschmacksstörungen oder Durchfälle vorliegen.

Wie ist aktuell die Situation bei der Schutzkleidung?

Die Schutzkleidung ist tatsächlich trotz der vielfachen Anstrengungen von Kassenärztlicher Vereinigung und Landesregierung immer noch ein sehr großes Problem. Ich hätte mir tatsächlich nicht vorstellen können, dass eine so offensichtliche Problemlage auch nach Wochen noch weiter besteht.

Was heißt das konkret?

Ich kenne nur sehr wenige Praxen, die über eine ausreichende Menge an Schutzkleidungen verfügen, auch in den Kliniken ist die Situation prekär. Eine gewisse Abhilfe hat die Ärzteschaft mit der Einrichtung von Corona-Schwerpunktpraxen geschaffen, von denen es im Kreis jetzt immerhin sieben gibt.

Warum ist der Schutz des medizinischen Personals von so großer Bedeutung?

Die Versorgung der Bevölkerung darf nicht beeinträchtigt werden. Die infektbedingte Schließung einer Praxis gefährdet natürlich die Versorgung aller Patienten. Hier muss weiterhin der Appell an die zuständigen Behörden und Einrichtungen erfolgen, wirklich alle Maßnahmen zu ergreifen, um Abhilfe zu schaffen.

Über Ostern zog es viele Menschen nach draußen – wie bewerten Sie das als Ärztin?

Ich persönlich bin der Meinung, dass das Herausgehen in die Natur viele positive Aspekte hat und auch in diesen schwierigen Zeiten Menschen aller Altersklassen unbedingt zu empfehlen ist. Bewegung tut gut, und auch für die psychische Stabilität ist ein Spaziergang ein hervorragendes Mittel. Wichtig ist aber, ausreichenden Abstand als wichtigste Maßnahme zu beachten, auch die bekannte Husten- und Nießetikette sollte beachtet werden.

Sie sind seit Wochen im Einsatz – fühlen Sie sich manchmal wie in einem Tunnel?

Wir stehen hier alle in einer außergewöhnlichen Situation, die es zum Wohle unserer Bevölkerung zu meistern gilt. Als Ärzteschaft sind wir in besonderem Maße gefragt – und ich bin sogar etwas stolz, dass es uns allen gemeinsam bis hierher gelungen ist, die Auswirkungen der Coronapandemie im medizinischen Bereich auf ein erträgliches Maß zu begrenzen.

Ist Ihre Familie manchmal besorgt um Ihre Gesundheit?

Meine Familie ist medizinisch geprägt, was das Verständnis erleichtert. Außerdem wissen wir, dass – wie bei der gesamten Bevölkerung – über 80 Prozent der Coronafälle eher harmlos verlaufen und vollständig ausheilen und nur bei einem geringen Teil von deutlich unter fünf Prozent schwere Verläufe zu erwarten sind. Als Ärztin gilt meine Sorge im Moment vorrangig der Versorgung der Bevölkerung und der Bewältigung der Pandemie.

Zur Person: Carola Maitra

57, ist Vorsitzende der Ärzteschaft im Kreis Ludwigsburg. Sie arbeitet an der Orthopädischen Klinik Markgröningen, wo sie die Abteilung für Schmerztherapie leitet. Frau Dr. Maitra ist verheiratet und hat drei Töchter – eine studiert Medizin, eine weitere macht eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Ihr Mann Robin Maitra arbeitet als Hausarzt in Hemmingen. (phs)

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