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Vogelspinnen
Fasziniert „von der Schönheit und der mystischen Aura“

Solche Haustiere muss man mögen: Mancher Besucher der Vogelspinnenbörse hat ein paar Dutzend Tiere zuhause. In der Stadthalle ist der Andrang riesig, die Börse gilt als einzigartig in Deutschland.Fotos: Ramona Theiss
Solche Haustiere muss man mögen: Mancher Besucher der Vogelspinnenbörse hat ein paar Dutzend Tiere zuhause. In der Stadthalle ist der Andrang riesig, die Börse gilt als einzigartig in Deutschland.Fotos: Ramona Theiss
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Stadthalle erlebt einen wahren Ansturm von Vogelspinnen-Fans – Bei der Börse wird getauscht und gefachsimpelt – „Von einem Biss stirbt ein Mensch nicht“

marbach. Das war eine haarige Sache: In der Marbacher Stadthalle trafen sich am Samstag Fans von Vogelspinnen. Aus ganz Europa waren sie zu dieser internationalen Börse gekommen.

Um die 100 Tiere hält Manuel Schneider. Zur Vogelspinne kam er vor 13 Jahren. Er wollte als Jugendlicher seine Eltern schocken, weil sie ihm eine Schlange verboten hatten. „Es war damals ein Protestkauf“, so der 30-Jährige aus der Steiermark. In einer Styroporbox hat er fünf Spinnen dabei, die er tauschen möchte. Den Österreicher fasziniert, dass die Spinnen naturnah in Terrarien gehalten werden können. In Marbach wolle er Kontakte pflegen und einkaufen.

„Sie sind so schön und fotogen“, meint Ilaria Tognarini, die extra aus der 1000 Kilometer entfernten Toskana angereist ist. Immer schon faszinierten sie die ganz normalen Hausspinnen, vor acht Monaten kaufte sie die erste Vogelspinne, jetzt sind es 39. „Noch“, lacht die 41-jährige Italienerin, der die Farbenpracht der Spinnen gefällt, ihre geschmeidigen Bewegungen und die mystische Aura, die sie umgibt.

Bereits eine halbe Stunde vor Öffnung der Halle stehen mehr als 100 Vogelspinnenfreunde Schlange. Fast jeder hat eine Box mit Tieren dabei, die er tauschen möchte. Drinnen zirpt und kriecht es. Heuschrecken und Maden werden als Futter verkauft. „Sie fressen je nach Größe alles, was sie überwältigen können“, erklärt Ingo Wendt. Tausendfüßler und Skorpione stehen auf dem Speisplan. Sogar kleine Nager, Echsen und kranke Vögel. Durch pure Kraft würden die Spinnen ihre Beute überwältigen, sie mit Hilfe ihres Giftes vorverdauen.

Der 40 Jahre alte Wendt ist Angestellter im Stuttgarter Naturkundemuseum, wo er versucht, den Menschen unter anderem ihre Angst vor Spinnen zu nehmen. Wissenschaftlich nachgewiesen seien rund 1000 unterschiedliche Arten von Vogelspinnen, erklärt er. Die Kleinsten hätten eine Körperlänge von nur einem Zentimeter, die Großen würden es auf bis zu zehn Zentimeter bringen und auf eine Beinspannweite so groß wie ein Teller.

Die meisten Arten seien Einzelgänger und bräuchten ein eigenes Terrarium. Das müsse nicht großartig möbliert sein. Etwas Erde und ein Rückzugsort, zum Beispiel Korkrinde, genügten. Es gebe aber auch Halter, die würden einen kleinen Regenwald anlegen. Bevor man sich eine Spinne zulege, solle man sich informieren, woher sie stamme, um ihr ein passendes Lebensumfeld mit richtiger Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu schaffen. „Eine Spinne fühlt sich wohl, wenn sie still in ihrem Unterschlupf sitzt“, sagt Wendt. Wenn sie aktiv sei, stimme etwas nicht. Wendt ist Vorsitzender der Interessensgemeinschaft Vogelspinnen Stuttgart-Ludwigsburg, die die Börse veranstaltet. Sie ist in ihrer Art einzigartig in Deutschland. Außerdem werden Achatschnecken und ungiftige Skorpione angeboten, Hundert- und Tausendfüßler, Gespenst- und Stabhauschrecken. Manche haben ein vierstelliges Budget im Geldbeutel.

Die Spinnen seien sehr pflegeleicht. Wendt füttert seine 400 Tiere einmal im Monat. Trotzdem wird auf der Börse kein Achtbeiner an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren abgegeben. Und sie bleiben in ihren Glaskisten, nicht weil sie giftig seien, aber das Risiko sei zu groß, dass sie im Gedränge auf den Boden fallen und dabei der empfindliche Hinterkörper platzt.

„Der Biss einer Vogelspinne ist unangenehm, aber in den meisten Fällen nur so giftig wie der Stich einer Biene oder Wespe, der auch allergische Reaktionen hervorrufen kann“, räumt Ingo Wendt mit einem klassischen Vorurteil auf. Nur bei wenigen Vertretern asiatischer Gattungen sowie bei manchen afrikanischen Arten könne ein Biss selten von Muskelkrämpfen und Benommenheit begleitet werden, die mehrere Tage anhalten könnten. „Vom Biss einer Vogelspinne ist aber noch kein Mensch gestorben“, beschwichtigt der Fachmann.