Logo

Satte Erhöhungen ab 1. September
Freiberger Familien rebellieren gegen Kitagebühren

Eine Erzieherin spielt in einer Kita mit Kindern: Freiberger Eltern müssen für die Betreuung künftig deutlich mehr bezahlen. Foto: Uwe Anspach/dpa
Eine Erzieherin spielt in einer Kita mit Kindern: Freiberger Eltern müssen für die Betreuung künftig deutlich mehr bezahlen. Foto: Uwe Anspach/dpa
Die Stadt Freiberg hebt die Gebühren für Kitas ab September kräftig an. Der Protest dagegen hat sich bereits formiert. Familien mit Kindern treibt die Sorge um, zu den Verlierern der Krise zu werden.

Freiberg. Es ist still geworden in Freiberg in den Sommerferien. Draußen zirpen die Grillen, es weht maximal noch eine kleine, warme Brise. Doch so viel steht fest: Im September wird ein Sturm in der Stadt aufziehen – wenn die Kommunalpolitik beginnt, sich kräftige Schlucke aus der Gebührenpulle zu genehmigen. Fast zwölf Prozent mehr sollen Freiberger Familien dann für die Betreuung ihrer Kinder bezahlen: Acht Prozent plus den Landesrichtsatz in Höhe von 3,9 Prozent, der Tariferhöhungen und die Inflation ausgleichen soll. In den beiden Folgejahren wollen die Freiberger Entscheidungsträger dann noch einmal jeweils acht Prozent von den Eltern einstreichen. Alles ist schon beschlossene Sache – mit großer Mehrheit im Juli durchgewunken.

Christine Moosmann, Kristina Hoidecker und Annika Ette steht der Kopf gerade nicht nach Grillenzirpen und lauem Lüftchen draußen. Ihre Stimmung changiert zwischen Wut, Verzweiflung und Unverständnis. Sie sprechen von „kurzfristigen und einschneidenden Entscheidungen“, die sie für „unzumutbar und inakzeptabel“ halten. Moosmann etwa hat einen Sohn an zwei ganzen und drei halben Tagen in der Kita. Macht 407 Euro netto im Monat. „Ich zahle das, damit ich arbeiten gehen kann und mein Kind gut versorgt ist“, sagt sie. Was Moosmann besonders ärgert: Dass sie bereits jetzt, ohne die bevorstehende Gebührenerhöhung, mehr entrichten müsse als Mütter in der Nachbarschaft in Ingersheim, Pleidelsheim oder Bietigheim-Bissingen – und ab 1. September werden es gar 456 Euro.

Durchschnittsfamilien zahlen plötzlich über 1100 Euro mehr im Jahr

Noch deftiger trifft es Annika Ette und ihren Mann. Ihr Kind besucht die Beethovenkita in Freiberg. Die beiden sind berufstätig und gelten in den Augen der Stadt als Besserverdiener. Die Konsequenz: Paare wie die Ettes müssen bald 115 Prozent des Regelsatzes zahlen. „Das ist ganz schön heftig“, sagt Annika Ette – insbesondere in Coronazeiten, bei steigenden Energiekosten und Druck an den Tankstellen.

Für Besserverdiener mit zwei Kindern greift die Regelung bei einem Nettoeinkommen von knapp 6300 Euro. Macht unter dem Strich Mehrausgaben von über 1100 Euro im Jahr. Die Stadt erwartet zudem Selbsterklärungen der Betroffenen, die sie stichprobenartig überprüfen will. Bei Zuwiderhandlungen droht der Verlust der Kindergartenplätze.

Den Familien in Freiberg geht es nach eigenen Angaben nicht nur ums Geld. Bitter stößt ihnen auch auf, dass die Stadt an der Gebührenschraube dreht, ohne sie vorher vernünftig gehört zu haben. „Für eine Kommune, die sich Bürger- und Kinderfreundlichkeit auf die Fahnen schreibt, ist das nicht angemessen“, sagt Moosmann. Ihre Mitstreiterin Hoidecker hat drei Kinder und leidet auch daran, dass es in Freiberger Betreuungseinrichtungen zuletzt zu „gravierenden Ausfällen“ und „verringerten Betreuungszeiten“ gekommen sei. „Ich bin ständig betroffen“, sagt sie, „und kann nicht verlässlich planen.“

Der Bürgermeister ist im Dauerkrisenmodus: Kein Stein könne mehr auf dem anderen bleiben

Einen Vorgeschmack, was auf den Freiberger Bürgermeister Dirk Schaible und seinen Gemeinderat im Herbst zukommen könnte, gab es bereits. Ende Juli kapern die Eltern die Bürgerfragestunde des Gemeinderats und lassen ihrem Frust freien Lauf. Aber nicht nur: Sie schildern die Kostenprobleme, die sich ihnen auftun, stellen Fragen und fordern Erklärungen. Mittlerweile haben sich die Betroffenen organisiert und eine Initiative gegründet.

Im Freiberger Rathaus hält der Bürgermeister Dirk Schaible zu Beginn der Ferien die Stellung und zeigt sich verständnisvoll. „Ich kann den Ärger der Eltern nachvollziehen“, sagt er. Schaible räumt ein, dass Freiberg mit dem neuen Gebührenmodell einen der vorderen Plätze im Kreis einnehmen werde. „Aber das ist nur eine Momentaufnahme und wird sich in den nächsten Jahren angleichen.“

Ein Problem ist, dass die Stadt bei den Kitagebühren nicht auf den von der Kommunalaufsicht geforderten Deckungsgrad von 20 Prozent kommt. Freiberg liegt laut Schaible aktuell bei knapp 16 Prozent. Rund sieben Millionen Euro gibt die Stadt jährlich für Kinderbetreuung aus – etwa eine Million kommt durch Gebühren wieder herein. Künftig haben es sich Schaible und seine Fachbereichsleiterin Carmen Klink zum Ziel gesetzt, dass die Eltern die Betreuung für einen Wochentag finanzieren und der Rest Steuermittel sind.

Die Eltern fordern Lösungen, die für beide Seiten akzeptabel sind

„Die Betreuung bei uns ist nach wie vor gut“, sagt Schaible, er fügt aber auch hinzu: „Die Finanzierung kann nicht mehr so bleiben, wie sie einmal war.“ Kommunen wie Freiberg befinden sich seit Jahren im Dauerkrisenmodus. Nicht nur wegen Corona und dem Ukraine-Konflikt. Flüchtlinge zog es schon lange davor in Scharen in den Landkreis, noch länger gibt es den Rechtsanspruch der Eltern auf Kitaplätze, den Bund und Land vor allem bei den Städten und Gemeinden abladen – und bald soll er auch auf Schulen ausgeweitet werden. „Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen“, sagt Schaible.

Mit den Eltern will er nun in einen Dialog eintreten. Er bietet ihnen einen Runden Tisch an, der im Oktober zusammenkommen könnte. „Ich will ihnen erklären, wie wir zu dem Gebührenmodell gekommen sind“, so der Rathauschef auf Anfrage unserer Zeitung, und die schwierige Situation der Stadt schildern.

Womöglich müssen Betroffene jetzt aufstocken – oder Oma und Opa als Zweiteltern einspringen

Das dürfte nicht reichen. „Betroffene müssen zu Beteiligten gemacht werden“, sagt zwar Annika Ette. Sie verlangt aber auch „kreative Lösungen“ statt der Axt im Wald. Kristina Hoidecker erwartet, dass nach einem Treffen Vereinbarungen stehen, die für beide Seiten annehmbar sind. Dass etwa Regelgruppen am Nachmittag zusammengelegt werden, statt das Angebot zu streichen, oder ein Lieferant das Essen für alle Freiberger Kitas liefert und so Synergieeffekte genutzt werden. „Vorschläge sind da“, sagt Hoidecker. Auch um Erzieherinnen vor Bürokratie und immer größer werdenden Gruppen zu bewahren. „Unsere Kritik richtet sich 0,0 gegen die Erzieherinnen in Freiberg“, sagt Christine Moosmann. „Sie leisten gute Arbeit.“

Der Schultes Schaible deutet an, dass vielleicht noch mal über die achtprozentigen Gebührenerhöhungen in den Jahren 2023 und 2024 zu reden sein werde. Doch wenn sie bleiben? Dann überlegt sich Moosmann, ihre Arbeitsstelle aufzustocken, um ihr Kind weiter gut in Freiberg versorgt zu wissen. Bei anderen könnten Oma und Opa zu Zweiteltern werden.

Info

Die Freiberger Elterninitiative ist per E-Mail an: eltern-freiberg@gmx.de zu erreichen.