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Kommunalpolitik

Frischer Wind im Gremium fehlt

Ein Blick in die Gemeinderäte zeigt: Das Durchschnittsalter liegt oft über 50 Jahren – Was hält die Jungen von der Politik ab?

Bei Abstimmungen im Gemeinderat wird die Meinung der jüngeren Generation oftmals nicht vertreten. Foto: George Calin /stock.adobe.com
Bei Abstimmungen im Gemeinderat wird die Meinung der jüngeren Generation oftmals nicht vertreten. Foto: George Calin /stock.adobe.com
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Kreis Ludwigsburg. Als Peter Schreiber das Durchschnittsalter in den Gemeinderäten der Kreiskommunen sieht, ist er geschockt. Der Sachsenheimer, der für die SPD in dem Gremium sitzt, wollte wissen, ob das Problem der Überalterung nur seine Heimatstadt betrifft. Aus diesem Grund hat er eine Umfrage bei den Gemeindeverwaltungen gestartet und das Durchschnittsalter sowie das Alter des jüngsten und des ältesten Rats abgefragt. 27 von 39 Kommunen haben Schreiber die Zahlen geliefert. „Die haben gezeigt, dass die Überalterung des Gemeinderats kein Sachsenheimer Problem ist“, so Schreiber im Gespräch mit unserer Zeitung. In allen abgefragten Kommunen liegt das Durchschnittsalter zwischen 48 (Markgröningen) und 63 Jahren (Ditzingen). Gemeinderäte zwischen 20 und 30 sind eher die Ausnahme.

Kein Wunder, findet Judith Stürmer, die für die Jungen Gerlinger im dortigen Gemeinderat sitzt. „Fünf Jahre sind in unserem Alter eine lange Zeit“, sagt die 24-Jährige und spielt damit auf die Amtszeit eines Gemeinderats an. Das sei länger als der Großteil der Studien oder Ausbildungen dauere, junge Menschen könnten oftmals nicht sagen, ob sie in fünf Jahren immer noch in der gleichen Stadt wohnen werden. Peter Schreiber versteht, dass junge Menschen keine Zeit für die Kommunalpolitik haben, weil sie sich um Schule, Beruf und Familie kümmern müssen. Doch die Arbeit im Gemeinderat gebe einem auch viel zurück. „Man lernt einiges über die Kommune, das sehe ich als persönlichen Gewinn“, sagt er.

Arne Pautsch von der Verwaltungshochschule in Ludwigsburg sieht einen Teil des Problems bei den Parteien selbst. „Die Ortsverbände entwickeln sich immer mehr zu Altherrenrunden, die die Jungen teilweise ungern reinlassen“, so der Verwaltungsexperte. Die Ortsverbände seien definitiv zu begrüßen und eine gute Sache, doch müssten diese sich jetzt überlegen, wie sie auch junge Mitglieder ansprechen können. „Sie müssen Anreize schaffen, da sehe ich definitiv Bedarf“, sagt Pautsch.

Parteien und Wählervereinigungen sollten präsent sein bei Veranstaltungen, die Jugendliche interessieren und organisieren, findet Judith Stürmer. „Sie zeigen damit, dass es sie interessiert, was junge Menschen machen“, sagt sie. Parteien und Wählervereinigungen sollen laut der Studentin vom Gedanken wegkommen, dass junge Leute nur gebraucht werden, um die Liste vollends aufzufüllen. „Sie müssen ernst genommen werden“, so Stürmer.

Benjamin Flaig sitzt für die Gruppe Puls seit 2016 im Marbacher Stadtrat. Der 23-Jährige ist der Meinung, dass bei der Kommunalwahl der Name und Bekanntheitsgrad einer Person ausschlaggebend ist. „Deshalb haben die alten Hasen viel bessere Chancen gegenüber uns Frischlingen“, so Flaig. Peter Schreiber findet, dass die Parteien deshalb die jungen Mitglieder auf den Listen an erster Stelle schreiben sollten. „Wer vorne steht, bekommt einfach mehr Stimmen“, sagt der Rentner.

Um eine gute Mischung der Themen zu haben, sei es jedoch wichtig, mehrere Generationen im Gemeinderat vertreten zu haben. „Die Jugend denkt einfach anders als wir alten Knochen“, so Schreiber. Die typischen Themen der Gemeinderäte seines Alters seien Straßenbau und Industrie. Jüngere Räte würden mehr an Veranstaltungen und Sportmöglichkeiten denken. „Ein Austausch der Generationen tut gut“, findet auch Judith Schreiber. Doch die Realität sieht anders aus: In ganz Baden-Württemberg mache der Anteil der Gruppe zwischen 45 bis 65 Jahren 80 Prozent im Gemeinderat aus. „Da fehlen natürlich die Jungen“, so Arne Pautsch. Weil an der Zusammensetzung des Gemeinderats der Querschnitt der Bevölkerung abzulesen sein sollte, wäre es ideal, wenn jede Altersgruppe mit mehr als einem Mandatsträger im Gemeinderat vertreten wäre. Das lasse sich in der Realität aber nicht umsetzen, sagt Pautsch. Denn das passive Wahlrecht schreibe vor, dass jeder – unabhängig vom Alter – kandidieren darf. Eine Altersverteilung könne also nicht festgeschrieben werden.

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