Logo

Corona

Gebete und politischer Diskurs jetzt im Netz

Ein Murrer Pfarrer hält Gebetsandachten im Internet, die Kreissprecherin der Grünen lädt zu digitalen Kaffeekränzchen und Bürgermeister senden Videobotschaften: Kommunikation in Zeiten des „Social Distancings“.

350_0900_25267_21_03_2020Theiss_71.jpg
350_0900_25268_Foto_fuer_Philip_Schneider.jpg
350_0900_25269_Videobotschaft.jpg

Kreis Ludwigsburg. Kerzen bringen Licht in die dunkle Murrer Peterskirche. Im Hintergrund läuten die Glocken. Dann tritt der evangelische Pfarrer Daniel Renz ins Bild und begrüßt die Gläubigen zu Hause vor dem Computer zu einem Experiment: der ersten Gebetsandacht, die er live über das Internet sendet. Das Format hat sich Renz von Kollegen in Norddeutschland abgeschaut. Das Ziel: trotz Corona und abgesagter Gottesdienste mit den Menschen in seelsorgerischem Kontakt zu bleiben.

Renz trägt keinen schwarzen Talar mit dem weißen Beffchen, sondern Freizeitkleidung. In der Hand hält er einen Tabletcomputer. Zur Eröffnung lesen Renz und sein Vikar Lukas Rudhard Psalmgebete. Dann kommen ihre Schäfchen zum Zug. Sie können während der Andacht eigene Gebete per E-Mail an die beiden schicken. Andere haben Renz und Rudhard vorher Texte zukommen lassen. Sie beten für Menschen in Murr und im Bottwartal, die an Covid-19 erkrankt sind oder deren Existenz wegen der Krise auf dem Spiel steht. Nach jedem Gebet entzünden Renz und Rudhard eine Kerze auf dem Taufstein und bilden so einen Lichterkranz. Zum Schluss spendet der Pfarrer den Menschen vor den Computern den Segen.

Die Gebetsandacht in der Murrer Peterskirche dauert keine 20 Minuten, was auch so gewollt ist. „Das Programm soll überschaubar und entschleunigend sein“, sagt Renz, „kein Hexenwerk“. Er will den Menschen, die nicht mehr in seine Kirche kommen dürfen, einen Anker im Alltag bieten.

Die Premiere am vergangenen Samstag kommt offenbar gut an. Mehr als 100 Gläubige verfolgen die Andacht auf Youtube oder Facebook. Eine Teilnehmerin schreibt: „Danke für die schöne Idee. Sie gibt Kraft in dieser schwierigen Zeit.“ Bis Ostern will Renz mit Gleichgesinnten nun dreimal in der Woche für Gemeinschaft über das Internet sorgen: dienstags, donnerstags und samstags ab 19 Uhr. „Technisch ist sicherlich noch Luft nach oben“, sagt der Pfarrer. Die Kirche sei zu dunkel herübergekommen, „arg gespenstisch“, wie Renz findet. „Aber viele wünschen sich eine Fortsetzung.“

In Remseck beschleicht unterdessen die Kreisrätin und Sprecherin der Grünen, Swantje Sperling, in ihrem Homeoffice ein Gefühl: dass das neuartige Coronavirus auch die politische Debattenkultur abwürgt. „Corona mag uns voneinander trennen, aber der politische Diskurs muss weitergehen“, sagt Sperling. In normalen Zeiten führt sie das Büro der Landtagsabgeordneten Stefanie Seemann aus dem Enzkreis. Seemann hat mit ihrem Vaihinger Kollegen Markus Rösler vergangene Woche mit Bahnmitarbeitern und dem Amtsleiter im Verkehrsministerium, Uwe Lahl, eine Pressekonferenz per Telefon organisiert.

Sperling lädt nun seit Montagabend zu digitalen Kaffeekränzchen ein. Sie hat sich dafür mit einem ITler zusammengesetzt, der eine Videokonferenz organisiert hat, der Neugierige per Link beitreten können. Den Start machten der Oberarzt und Grünen-Kreisrat Uwe Stoll sowie der AOK-Personaler Frank Feldmann. Ihre Themen: Corona und die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem. Rund 40 Teilnehmer wollten dabei sein. Sperling wünscht sich, dass sich nicht nur Parteifreunde zuschalten. „Das Angebot soll für alle da sein.“

Was die Abendgebete und ihre politischen Kaffeekränzchen gemeinsam haben: Sie kommen kurz und knackig daher. Sperling gönnt sich für ihr Format rund eine Stunde, „damit es nicht so ausleiert“. Am kommenden Freitag soll die Grünen-Landesvorsitzende Sandra Detzer um 19 Uhr dabei sein und mit den Teilnehmern über kleine und mittelständische Unternehmen reden – und wie sie der Krise begegnen. In den nächsten Wochen kommen noch der Grünen-Fraktionschef Schwarz und der Ex-Minister Bonde zu Wort. Außerdem kündigt Sperling Kultur mit Musik und Comedy an, zu der sich die Teilnehmer schick machen sollen. „Im Homeoffice verlottert man ja leicht“, sagt die Kreisrätin schmunzelnd.

Kommunen wie Bietigheim-Bissingen und Schwieberdingen gehen derweil dazu über, ihren Bürgern Videobotschaften zu schicken. Der Schwieberdinger Rathauschef Nico Lauxmann etwa fordert darin, soziale Kontakte auf das Notwendigste zu minimieren. Die Dauer seines Appells: etwas mehr als zwei Minuten. Der Bietigheimer OB Jürgen Kessing bittet die Bevölkerung eindringlich: „Bleiben Sie zu Hause.“ Für die Erkrankten solle gebetet werden.

Autor: