Logo

Festival

Gesellschaft unter Beobachtung

Ende September startet das Festival der KulturRegion Stuttgart. Es widmet sich diesmal Fragen nach Öffentlichkeit, Überwachung und Rückzugsmöglichkeiten – und das wollen drei Künstler besonders erlebbar machen.

Von diesem Hügel aus, der noch eine Grasdecke erhält, lässt sich gut das Treiben auf dem Laien beobachten – während man selbst vom Rathaus aus beobachtet wird. Foto: Ramona Theiss
Von diesem Hügel aus, der noch eine Grasdecke erhält, lässt sich gut das Treiben auf dem Laien beobachten – während man selbst vom Rathaus aus beobachtet wird. Foto: Ramona Theiss

Kreis Ludwigsburg. Wer in den vergangenen Tagen in Ditzingen über den Laien gegangen ist, dürfte Ungewöhnliches beobachtet haben. Denn mitten auf dem Platz vor dem Rathaus rückten Arbeiter an, und errichteten ein drei Meter hohes Gebilde, zunächst abgeschirmt durch einen Zaun. Nun ist der Blick frei – doch beobachten können wird man dort vom 25. September bis 18. Oktober noch viel mehr: Zum Festival der KulturRegion Stuttgart werden der Berliner Künstler Christian Hasucha, aber auch interessierte Besucher zeitweise auf der mit Gras belegten Kuppel Platz nehmen und „Möglichkeit zur Interaktion, Abgrenzung oder Partizipation geben“ – und „unter Beobachtung“ sein. Ähnlich wie Barbara Ungepflegt in Gerlingen oder Dries Depoorter in Kornwestheim füllt er damit das diesjährige Festivalmotto auf ungewöhnliche Weise mit Leben.

Das befasst sich mit Privatheit und Öffentlichkeit in einer immer transparenter werdenden Gesellschaft, mit Überwachung, Datenspeicherung, sozialen Medien und ständiger Verfügbarkeit. Und fragt: „Gibt es noch Rückzugsorte, um sich als Individuum zu schützen und zu behaupten? Können Kunst und Kultur solche Rückzugsmöglichkeiten sein? Oder stehen wir letztlich immer unter Beobachtung?“

Letzteres dürfte wohl für die meisten Passanten in der Nähe des Kornwestheimer Kleihues-Baus gelten. Denn dort baut der belgische Künstler Dries Depoorter seine Installation „Surveillance Speaker“ auf. Eine Überwachungskamera an einem über zwei Meter hohen Mast zeichnet auf, was in der Umgebung passiert – und sobald die Software eine Person erkennt, beginnt der Computer zu arbeiten. Depoorter hat ihn so programmiert, dass er die Bilder in Sprache übersetzt – und den Passanten so mitgeteilt wird, was die Kamera wahrnimmt. Kann die leblose Technik Handlungen richtig einordnen und beschreiben? Und wie reagieren die Beobachteten, ändern sie ihr Verhalten? Bleiben sie bewusst stehen – oder verlassen sie vielleicht schnell den Bereich, um nicht mehr so im Fokus zu stehen?

Und wie reagieren sie, wenn sie selbst beobachten können? Etwa Barbara Ungepflegt, während sie in einem Buswartehäuschen am Gerlinger Rathaus leben wird. „Richtig anstrengend“ sei eine derartige Präsenz und die vielen Besuche bei einer ähnlichen Aktion 2017 in Wien gewesen, so die Aktionskünstlerin, die damit auch auf prekäre Wohnsituationen aufmerksam machen will.

Ihr Heim auf Zeit wird für rund 20000 Euro umgebaut, um Fahrgästen dennoch einen geschützten Wartebereich anzubieten, es aber mit Tisch, Regalen und Beleuchtung auch wohnlicher zu machen – für Toilette oder Dusche stehen Rathaus oder Hallenbad zur Verfügung. „Unbedingt“, so Hauptamtsleiterin Ulrike Hoffmann-Heer bei der Vorstellung im Finanzausschuss, habe die Aktionskünstlerin ihr Projekt in Gerlingen umsetzen wollen – auch gegen den ersten Willen der Kommunalpolitik, die den Aufwand für den Bauhof als zu groß einstufte. Doch dessen Mitarbeiter freuen sich sogar über die außergewöhnliche Aufgabe, heißt es nun.

Auch die Ditzinger „Insel“ war nicht unumstritten, vor allem wegen des Standorts und der Kosten. Nur knapp hatte der Finanz- und Kultur-Ausschuss im Herbst für den rund 21000 Euro teuren Festivalbeitrag gestimmt. Doch Widerspruch sei völlig üblich, sagt Hasucha dazu, der das jüngst auch beim Aufbau erlebte, als er nach dem Sinn des Projektes gefragt wurde. „Aber das wäre genauso, Sie würden nach dem Sinn des Lebens fragen“, sagt er.

Er wird vor allem in den ersten drei Tagen des Festivals auf dem Hügel sein, morgens und abends, so wie er das schon bei der Premiere 2006 in seinem Wohnbezirk Neukölln machte, um neue Perspektiven zu entdecken. Danach sind, nach Terminvergabe, Besucher eingeladen, von oben herab den Platz zu beobachten, aber auch beobachtet zu werden – „die Gleichzeitigkeit halte ich für eine interessante und spannende Sache“, sagt Hasucha. Manch ein Besucher, weiß er aus Erfahrung, wolle den Hügel aber auch nutzen, um sich zu präsentieren – „alles ist möglich“.

Info: Interessierte können sich ab dem 8. September für einen Besuch auf der Insel anmelden, und zwar über das Reisebüro „Durchblick“. Die Stadtverwaltung ruft zudem dazu auf, bis zum 25. per E-Mail an stadtbibliothek@ditzingen.de eine Person oder Gegenstand zu nennen, den man gerne auf eine einsame Insel mitnehmen möchte, die Ergebnisse werden am 8. Oktober ab 17 Uhr präsentiert.

Führung in Ludwigsburg, Installation am LiMo

Auch in weiteren Orten findet das Festival statt (ganzes Programm unter www.kulturregion-stuttgart.de/was/unter-beobachtung). In Ludwigsburg lädt die Künstlergruppe Rimini-Protokoll zu einem Rundgang durch die Stadt, eine künstliche Stimme leitet dabei die Teilnehmer. „Doch wer spricht da und wem folgen wir, wenn wir uns von ihr leiten lassen? Wie beeinflusst die künstliche Intelligenz die Wahrnehmung des Stadtraums?“, fragen die Künstler.

„Wir stehlen uns die Wörter zurück und bauen unser eigenes Haus“, nennt Andrea Maurer ihre sprachexperimentelle Performance, die vor dem Literaturmuseum in Marbach zu einer raumgreifenden Installation heranwachsen soll. Interessierte sind dazu aufgerufen, Schriftstücke oder Gegenstände vorbeizubringen.

Auch der Bietigheimer Beitrag war eigentlich interaktiv geplant – doch dem macht Corona nun einen Strich durch die Rechnung. Geplant war, dass Besucher der Installation „Durchgangszimmer“ von Angelika Wischermann die unzähligen Türen öffnen und schließen und aufeinander reagieren. Stattdessen gibt es eine Video-Dokumentation in der Städtischen Galerie zu sehen. (red/jsw)

Autor: