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E-learning

„Heimunterricht“ mit App und Livestream

Was für die Erwachsenen das Homeoffice ist, heißt für Schüler ab Dienstag e-Learning, nachdem das Kultusministerium gestern Nachmittag bekannt gegeben hat, Schulen und Kindertagesstätten zu schließen. Am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach, mit über 2300 Schülern die größte Schule des Landes, sieht man sich gut auf die Situation vorbereitet.

Klassenzimmer Küche: So dürfte bei vielen Schülerinnen und Schülern in den nächsten Wochen der Alltag aussehen. Foto: Stock adobe
Klassenzimmer Küche: So dürfte bei vielen Schülerinnen und Schülern in den nächsten Wochen der Alltag aussehen. Foto: Stock adobe

Kreis Ludwigsburg. Gestern Vormittag war Jürgen Sauter vom Schulleitungsteam des Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasiums noch davon ausgegangen, dass die Schulen landesweit bereits am Montag geschlossen werden, sagte aber: „Wir haben aber auch für Montag und Dienstag einen Plan.“ Den kann er nun brauchen.

Gestern wurden die Schüler darüber informiert, wie der „Heimunterricht“ in den kommenden Wochen bis zu den Osterferien aussehen wird. Die wichtigste Frage dabei: „Wie können wir Schüler mit Unterrichtsmaterial versorgen und Rückmeldungen erhalten?“

„Da ist ganz viel möglich“, sagt Jürgen Sauter, „von Livestreams, bei denen Lehrer von zu Hause aus unterrichten und sich dabei filmen, über Chatfunktionen bis zu Apps.“ Vor allem soll mit einer App namens „Classroom“ und „Meet“ (für Streaming) gearbeitet werden. Die Schulleitung hat für alle Lehrer und Schüler Zugangscodes angelegt, die „datenschutztechnisch in Ordnung sind“, sagt Jürgen Sauter. Diese Zugangscodes haben alle gestern bereits bekommen.

Gestern fand ganz normaler Unterricht statt. Allerdings spüre man auch eine gewisse Anspannung und Beunruhigung bei Schülern wie Lehrern. Aber: „Wir werden mit relativer Sicherheit durch diese unsichere Zeit gehen“, ist Sauter überzeugt. In Krisenzeiten sei es wichtig, handelndes Subjekt zu sein. „Wir erfassen die Ernsthaftigkeit der Situation, ohne jedoch in Panik zu geraten oder blinden Aktionismus zu betreiben. Seien Sie versichert: alle Schritte sind gut überlegt“, schreibt die Schulleitung mit Blick auf die Eltern auf der Homepage. Die überwiegende Mehrheit fühle sich jedoch gut informiert, sagt Sauter. In Aktionismus will auch Jochen Haar, der Rektor der Matern-Feuerbacher-Realschule in Großbottwar nicht verfallen. Auch seine Schule hat ein weites Einzugsgebiet im ganzen Bottwartal. „Die Eltern sind informiert“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung, „wir werden mit Lehrern und Schülern am Montag alles besprechen und die Schüler mit Arbeitsmaterial versorgen.“ Auf jeden Fall gehe die Gesundheit vor.

Wie aber funktioniert Heimunterricht bei Grundschülern? „Jetzt zahlt es sich aus, dass unsere Kinder gewohnt sind, selbstständig zu arbeiten“, sagt Ulrike Kemmer, die Rektorin der Oberstenfelder Lichtenbergschule. Die Schüler bekommen Wochenpläne, Arbeitsmaterial und Bücher mit nach Hause und die Schulleitung bleibt auch während der Schließzeit ansprechbar. Den Schülern rät Ulrike Kemmer, jeden Tag etwas zu lernen, denn: „Das sind ja keine Ferien!“

Sowohl die Lehrerverbände als auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßen die Entscheidung des Kulturministeriums, Schulen und Kindertagesstätten ab Dienstag zu schließen. „Bei Schulschließungen brauchen vor allem Eltern von Kita- und Grundschulkindern sowie Eltern von behinderten Kindern Angebote für eine Betreuung. In den nächsten Tagen müssen viele offene Fragen in Ruhe geklärt werden“ sagt Doro Moritz, die Landesvorsitzende der GEW.

Allerdings ist sie deutlich skeptischer als die Rektoren vor Ort, was die Idee angeht, die drei Wochen Schulzeit bis zu den Osterferien mit digitalen Lernformen zu überbrücken. „Die Mehrheit der Schulen in Baden-Württemberg kann dies nicht umsetzen. Die Lehrkräfte haben zum Teil noch nicht einmal dienstliche E-Mail-Adressen“, heißt es in einer Pressemitteilung der GEW.

Dass es auch anders geht, zeigt eine evangelische Schule in Laichingen bei Ulm. Die Ergänzungsschule setzt bereits seit 2012 auf eine Kombination aus virtuellem Klassenzimmer und einem Präsenztag pro Woche. Jonathan Erz, Vorsitzender des Schulvereins in Laichingen, sieht im digitalen Lernen die Zukunft. An zwei Tagen pro Woche hätten die Kinder Schulunterricht über das Internet, erläutert er. Die Mädchen und Jungen wählen sich in ein virtuelles Klassenzimmer ein und treffen dort ihren Lehrer und die Schulkameraden – alle sind auf dem Bildschirm zu sehen. Der Lehrer kann sein Unterrichtsthema vermitteln, auch Diskussionen der Schüler sind möglich.

Der Landesschülerbeirat Baden-Württemberg sorgt sich vor allem um Schüler, die in diesem Schuljahr eine Prüfung ablegen müssen: „Gerade für Schülerinnen und Schüler, die in diesem Jahr Prüfungen schreiben sollen und den Schulabschluss anstreben, ist die Ungewissheit ein großes Problem. Es muss Klarheit bestehen, wie es mit den Prüfungen weitergeht“, äußert sich Leandro Cerqueira-Karst. Der fehlende digitale Fortschritt im Schulsystem erschwere die Situation zusätzlich.

Zum Thema Prüfungen sagt Kultusministerin Susanne Eisenmann: „Wir prüfen daher auch in Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden die Möglichkeit für Prüfungen in kleinen Gruppen auch während der Schließungen“. Eine weitere Option sei, in diesem Jahr verstärkt flexible Nachtermine anzubieten.

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