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Schülerwettbewerb

Hinter der Fassade von Olympia

Neuntklässler am Technischen Gymnasium beschäftigen sich mit den Spielen in Rio und fällen ein vernichtendes Urteil

Gut gemacht: Die Schüler und ihre Lehrerin Lena Ambrus (Vierte von rechts) haben einen zweiten Platz beim Wettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung erreicht und ein Preisgeld von 1500 Euro gewonnen.Foto: Alfred Drossel
Gut gemacht: Die Schüler und ihre Lehrerin Lena Ambrus (Vierte von rechts) haben einen zweiten Platz beim Wettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung erreicht und ein Preisgeld von 1500 Euro gewonnen. Foto: Alfred Drossel
So sah es kurz vor den Spielen in Rio de Janeiro aus. Heute verrottet ein großer Teil der Sportanlagen in der brasilianischen Olympiastadt. Archivfoto: dpa
So sah es kurz vor den Spielen in Rio de Janeiro aus. Heute verrottet ein großer Teil der Sportanlagen in der brasilianischen Olympiastadt. Foto: dpa

Bietigheim-Bissingen. Am Ende gab es eigentlich nur Sieger: die Lehrer, die Schule, der internationale Austausch und natürlich die Schüler. Nur das Untersuchungsobjekt, die olympischen Spiele in Rio den Janeiro, gehören nicht dazu. Das haben die Neuntklässler am Technischen Gymnasium des Beruflichen Schulzentrums Bietigheim herausgefunden. Dies alles so überzeugend, dass ihr Beitrag mit 17 Folien beim Schülerwettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung mit einem zweiten Preis und 1500 Euro ausgezeichnet wurden.

„Der Traum von Olympia“ hießt das Thema bei dem Ausschreiben, doch die Bietigheimer wollten hinter die Fassade schauen, wie sich schlechte Organisation, Korruption und gebrochene Versprechen auf Rio de Janeiro ausgewirkt haben. Das bedeutete für die Schüler ein halbes Jahr an Recherchen, Einordnen der Informationen, Gespräche mit verschiedenen Experten und Betroffenen und das Vorbereiten der Präsentation.

Zusammenarbeit gab es mit einer Klasse des Colégio Humboldt in Sao Paulo. Die brasilianischen Schüler der deutschen Schule beschäftigten sich mit dem gleichen Problem. „Wir konferierten über Skype und konnten uns auf diese Weise austauschen, das war toll“, sagte einer der Schüler über die Arbeit.

Neben den Kontakten nach Brasilien gab es aber auch Verbindungen zu Experten, die bei den olympischen Spielen dabei waren. Doch dabei stellten sie fest, dass man ganz unterschiedliche Sichtweisen auf ein und denselben Gegenstand haben kann. Sie besuchten Michael Antwerpes, Sportmoderator beim SWR. Er sieht die Spiele vor allem unter einem sportlichen Aspekt. Auch mit Eberhard Gienger haben sie gesprochen. Er ist nicht nur der örtliche Bundestagsabgeordnete der CDU, er war selbst Spitzensportler und gewann bei den olympischen Sommerspielen 1976 die Bronzemedaille am Reck. Außerdem gehörte er dem Nationalen Olympischen Komitee für Deutschland (NOK) an. Gienger sieht die Spiele schon kritischer. Er will keine Vergabe an Schwellenländer oder an Diktaturen mehr.

„Das Gespräch mit einem Brasilianer aus Rio brachte uns am meisten. Er hat uns erklärt, wie die Spiele sich auf die Bevölkerung ausgewirkt haben. Und genau darauf kam es uns an“, erklärte ein anderer Schüler. Versprochen wurde, dass sich die Infrastruktur durch die Spiele verbessern sollte. Doch Kläranlagen wurde nie angeschlossen, weil die Zuleitungen fehlen. Ein großer Teil der Sportanlagen verrottet, weil das Geld für den Unterhalt fehlt. Eine legale Siedlung musste dem olympischen Dorf weichen, das heute weitgehend leer steht. Die Polizei wollte mit einer gewaltsamen Befriedungsaktion für Ruhe in den Armenvierteln während der Spiele sorgen. Am Ende wurde das Gegenteil erreicht und heute ist die Kriminalitätsrate höher als je zuvor. Außerdem hätten sich viele brasilianische Politiker und olympische Funktionäre die Taschen gefüllt.

Lediglich eine gute Seite konnten die Schüler den olympischen Spielen abgewinnen: Der öffentliche Nahverkehr mit Bussen und Bahnen habe sich verbessert.

Trotz der ernüchternden Resultate sind die Neuntklässler froh, dass sie sich aufgemacht haben, hinter die Fassade eines sportlichen Großereignisses zu blicken. Über die Recherche der Hintergründe habe man gelernt, selbstständig zu denken und nicht alles zu akzeptieren.

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