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Porträt

„Ich wollte nicht nur überleben, sondern leben“

Jessica Schätzle ist nach einer Gehirnblutung stark eingeschränkt – doch mit Hilfe ihrer Familie hat sie nun eine Seifenmanufaktur eröffnet. Die Arbeit dort ist für die 26-jährige Erligheimerin auch eine Therapie, um in ein normales Leben zurückzufinden.

Für sie ist es eine Therapie: Jessica Schätzle in ihrer Seifenmanufaktur.Fotos: Alfred Drossel
Für sie ist es eine Therapie: Jessica Schätzle in ihrer Seifenmanufaktur. Foto: Alfred Drossel

Erligheim. Sterne und kleine Christbäume, aber auch bunte Badekugeln und Herzen: Jessica Schätzle fertigt Seifen, die nach isländischen Heldensagen bezeichnet sind. Auf dem Freudentaler Adventszauber hat sie zum ersten Mal ihre Produkte vorgestellt und auch in Löchgau auf dem Adventsmarkt waren sie zu haben. Mit der Fertigung und dem Vertrieb steht die Erligheimerin zwar noch ganz am Anfang. Doch die 26-Jährige ist überglücklich über ihre Arbeit, die für sie nach einer schweren Krankheit auch eine Therapie ist. Und ihre Eltern, Michaela Schätzle und Thomas Schips-Schätzle, sowie die Schwester Tamara freuen sich mit ihr.

Jessica Schätzle war 23 Jahre jung und voller Tatendrang, als sie plötzlich starke Kopfschmerzen verspürte. „Im Mai 2016 musste ich schmerzlich lernen, dass mein Leben nicht planbar war, sondern dass das Schicksal entscheidet. Plötzlich war meine Welt verdreht. Eine Hirnblutung zerstörte mein Leben, aber ich habe dank der schnellen Hilfe überlebt“, schildert die Erligheimerin die Ereignisse vor zweieinhalb Jahren. Doch sie kämpft: „Ich wollte nicht nur überleben, sondern leben“, sagt sie.

Ein langer Weg zurück ins Leben begann. Alles musste Jessica Schätzle wieder lernen: sprechen, essen, trinken, sich bewegen. Bis heute geht sie in Ergo-, Logo- und Physiotherapie. Irgendwann habe sie aber keine Lust mehr auf die monotonen Therapien gehabt, sagt sie. Ihre kreative Familie habe deshalb immer nach neuen Ideen gesucht, sie zu beschäftigen. So habe sie Plätzchen gebacken und Pralinen gefüllt.

Schließlich sei man gemeinsam auf die Idee gekommen, Seifen und Badekugeln herzustellen. Doch nicht einfach irgendwelche Massenprodukte: Sie sollten vegan, ohne Parfüm, Farbstoffe und Chemie sein und möglichst Bio. Die Produktion habe begonnen, die Seifen seien zunächst verschenkt worden. Die Resonanz darauf war gut, berichtet Jessica Schätzle, der das Sprechen immer noch sehr schwer fällt. Für sie ist die Arbeit inzwischen zur Therapie geworden: Sie knetet mit ihren Händen, schneidet und verpackt. Ihre Mutter ist dabei ihre größte Hilfe. Beim Freudentaler Adventszauber hatte Jessica Schätzle den ersten Kontakt mit Kunden. „Das hat ihr sehr gutgetan“, bestätigt Mutter Michaela Schätzle.

Die Arbeit habe ihr von Anfang an viel Freude gemacht, erzählt die 26-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Familie gründete eine Seifenmanufaktur, die ihre Räume im elterlichen Graviertechnikbetrieb im Erligheimer Gewerbegebiet bekam. Die Seifen wurden amtlich zertifiziert und die Manufaktur bekam den Namen „Edda“, weil die ganze Familie von Island begeistert ist. Als „Edda“ werden zwei in altisländischer Sprache verfasste literarische Werke bezeichnet. Beide wurden im 13. Jahrhundert im christianisierten Island niedergeschrieben und behandeln skandinavische Götter- und Heldensagen.

Deshalb bekamen auch Jessica Schätzles Baby-, Rasier-, Dusch- und Haarseifen Namen nordischer Götter wie „Thor“, „Freya“, „Odin“ und „Njörd“. Die meisten Seifen bleiben fünf Wochen zum Trocknen liegen, die Babyseife sogar vier Monate. Die Manufaktur fertigt inzwischen ein kleines Sortiment und bietet die Produkte auch in Bauernläden der Region an.

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