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E-Bikes

Im Landkreis Ludwigsburg geht der Fahrrad-Boom weiter

Die Coronapandemie, Homeoffice und E-Bikes haben im Kreis Ludwigsburg wie auch deutschlandweit einen Boom ausgelöst. Corona verursacht wegen der Lieferkettenprobleme zwar weiter Engpässe auf dem Räder- und Ersatzteilmarkt, Händler im Landkreis haben sich aber auf die Saison gut vorbereitet.

Die Hersteller arbeiten nach Angaben des Zweirad-Industrieverbands auf Hochtouren. Rote E-Bikes werden hier am Fließband der Zweirad Union e-Mobility GmbH & Produktion Co. KG in Sangerhausen endmontiert. Foto: H. Rebsch/dpa
Die Hersteller arbeiten nach Angaben des Zweirad-Industrieverbands auf Hochtouren. Rote E-Bikes werden hier am Fließband der Zweirad Union e-Mobility GmbH & Produktion Co. KG in Sangerhausen endmontiert. Foto: H. Rebsch/dpa

Ludwigsburg. „Wir haben E-Bikes und Fahrräder bis unter die Decke“, sagt Benjamin Winter. „Wir haben gut disponiert und bekommen jeden Tag neue Räder geliefert“, sagt der Chef des E-Bike-Zentrums und des Fahrradhauses Ludwigsburg. Kunden, die in sein Fahrradhaus kommen, müssen nicht fragen: „Habt ihr was? Kann ich was bestellen?“

Große Nachfrage im Kreis

Kollegen des Händlers aus dem Kreisgebiet sehen das ähnlich. „Rad-Interessenten können ruhig zu uns kommen“, sagt Uwe Maier. „Firmen, die gut vorgeordert haben, haben Fahrräder da“, betont der Chef des Zweiradhauses Maier in Gerlingen. „Wir haben 100 bis 120 Bikes auf Lager“, erklärt Frank Zimmermann, Geschäftsführer von Bikemax in Ludwigsburg, einer Kette mit bundesweit 40 Filialen. Auch er spricht von einer großen Nachfrage.

Keine Probleme mit dem Nachschub hat Senel Sariyacin. „Ich arbeite nur mit dem Hersteller Centurion aus Baden-Württemberg zusammen“, betont der Inhaber der Fahrradoasen in Kornwestheim und Weilimdorf. Auch Frank Luithardt hat sich vorwiegend auf E-Bikes von deutschen und europäischen Herstellern spezialisiert wie KTM, Herkules und Cube. Probleme mit dem Nachschub hat der Chef von Zweiradsport Luithardt in Kornwestheim daher nicht. „Aber alles, was aus dem asiatischen Raum kommt, ist ein Drama“, weiß Luithardt, der im „überragenden Jahr 2021“ mehr als 1500 Räder verkauft hat.

Gängige Modelle, darin sind sich alle einig, werden jedoch sehr schnell verkauft. „Wenn die Kunden flexibel sind, finden sie das passende E-Bike auch“, sagen Maier und Luithardt. Dies sieht auch Winter so. „Wenn ich ein Modell nur in einer bestimmten Farbe und Sonderausstattung will, kann es je nach Hersteller Probleme geben“, weiß Winter. „Bei einem Manufakturrad eines deutschen Herstellers, wie zum Beispiel von Velo de Ville, können von der Bestellung bis zur Lieferung schon zwei bis drei Monate ins Land gehen.“ Vorordermarken, die von einem Modell nur eine bestimmte Anzahl herstellen, können dann nicht mehr nachbestellt werden. Maier vergleicht dies mit der Modebranche. Nicht jeder Kunde werde sein Wunschrad erhalten“, meint auch Tim Salatzki, Technik-Experte beim Zweirad-Industrieverband (ZIV) in Berlin.

Kleine Händler haben es schwer

Nach Informationen des Handelsverbands Zweirad (VDZ) haben einzelne stark nachgefragte Marken von den Händlern bereits detaillierte Stückorder für das Jahr 2023 verlangt. Die Knappheit treffe kleine Händler, die früher sehr flexibel über den Großhandel agieren konnten, sehr viel stärker als größere Geschäfte, Online-Anbieter und Filialisten, so der VDZ. „Die Nachversorgung ist hier ein Problem“, sagt Zimmermann. „Ganz kleine Händler haben es am schwersten“, meint auch Winter.

Fahrradmangel herrscht nicht. „Die Läden sind nicht leer gekauft“, sagt der ZIV-Technik-Experte Salatzki. Die Hersteller arbeiten auf Hochtouren, gehen trotz Lieferketten-Problemen davon aus, ihren Rekordumsatz von 2021 übertreffen zu können.

Insgesamt wurden in Deutschland 2021 etwa 4,7 Millionen Räder verkauft, von denen zwei Millionen einen elektrischen Antrieb hatten. Die E-Bikes und Pedelecs legten weiter leicht zu. Beim Verkauf der klassischen Fahrräder gab es hingegen ein Minus (2,7 Millionen im Vergleich zu 3,09 Millionen). Mit dem rasant wachsenden E-Anteil stiegen die Durchschnittspreise (1395 Euro pro Rad). Die Händler aus dem Kreis Ludwigsburg berichten denn auch von guten Geschäften 2021, ohne die Umsätze zu verraten. „Wir haben 2021 etwa 1500 bis 2000 Räder verkauft“, sagt Maier, dabei sei der Umsatz um zehn Prozent gewachsen.

Im zweiten Coronajahr 2021 mussten die Händler den Mangel verwalten. „Entsprechend der eingeschränkten Warenverfügbarkeit verlagerte sich die Beratung eher in eine ‚Verteilung der Ware‘ an die Endkunden“, notiert der Handelsverband Zweirad (VDZ). Preissteigerungen sind auf diesem „Verkäufermarkt“ die Folge. Ukraine-Krise, anhaltende Lieferprobleme bei den meist aus Asien importierten Teilen sowie die stark gestiegenen Rohstoffpreise heizen den Markt auch in diesem Jahr an.

Handel und Industrie rechnen angesichts hoher Spritpreise und dem durch die Coronapandemie geänderten Freizeitverhalten weiter mit einer hohen Nachfrage. Laut einer kürzlich veröffentlichten Yougov-Umfrage im Auftrag des Portals Check24 planen 23 Prozent der Befragten in diesem Jahr einen Fahrradkauf oder haben ihn bereits getätigt. Das ist bei einem Bestand von 81 Millionen Fahrrädern in Deutschland erstaunlich, denn rein rechnerisch besitzt jeder Bürger und jede Bürgerin ein Bike.

Werkstätten sind gut ausgelastet

Dies beflügelt bei den Händlern auch die Auslastung der Werkstätten. Sie empfehlen ihren Kunden einen Termin für die Inspektion zu vereinbaren. „Wir sind in der Werkstatt voll und haben einen Vorlauf von drei bis vier Wochen“, sagt Maier. Zudem könne man eine Radinspektion auch mal schieben. „Zu 100 Prozent“ ist die Werkstatt des E-Bike-Zentrums Ludwigsburg ausgelastet. „Für eine normale Inspektion haben wir in der Hochsaison im Sommer eine Vorlaufzeit zwischen zwei und acht Wochen“, so Winter. Von 14 Tagen Wartezeit spricht Frank Luithardt. Eine Anmeldung wegen der „Belastungsspitzen in der Hochsaison“ empfiehlt auch Zimmermann von Bikemax, der in seiner Werkstatt auch Räder von Fremdherstellern repariert.

Notfälle werden vorgezogen Kleine Reparaturen und Notfälle – wie platte Reifen oder Ritzelprobleme – werden bei den Händlern in der Region auch ohne Anmeldung dazwischengeschoben. Kleine Reparaturen, der Tausch von Bremsbelägen oder Schlauchwechsel erledigt Luithardt für seine Kunden sofort.

Die Händler haben ihre Ersatzteillager wohl gefüllt. Bei der Versorgung mit Verschleißteilen sehen sie derzeit keine Probleme. Allerdings sind Zahnkränze, Ketten, Bremsscheiben und -beläge stark gefragt. „Da muss man eventuell warten“, betont Maier. „Wenn ich jetzt Ketten oder Ritzel von Shimano bestelle, habe ich Liefertermine zwischen Mitte und Ende 2023“, ergänzt Winter. Luithardt sieht das ähnlich: „Noch ist die Lage entspannt“. „Unsere Kunden können ihr E-Bike heute abgeben und morgen abholen“, sagt hingegen der Centurion-Händler Sariyalcin.

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