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Mountainbike

Immer Ärger über illegale Trails

Der Konflikt ist vermutlich so alt wie das Mountainbiken an sich, zumindest seit sich die Biker nicht mehr mit Schotterpisten zufriedengeben, sondern ihre Trails in die Wälder verlegt haben – häufig illegal. Am Donnerstag hat dazu ein Gespräch auf kommunaler Ebene stattgefunden. Auch Naturschutzverbände im Oberen Bottwartal haben sich an die Öffentlichkeit gewandt.

Die Fotos zeigen den gesperrten Trail von der Gronauer Platte zum Roten Hohleweg und einen illegal angelegten Trail auf einer Wiese im Bernbachtal bei Schmidhausen.Fotos: privat
Die Fotos zeigen den gesperrten Trail von der Gronauer Platte zum Roten Hohleweg und einen illegal angelegten Trail auf einer Wiese im Bernbachtal bei Schmidhausen. Foto: privat
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Oberes Bottwartal. Erst kürzlich haben Großbottwarer Gemeinderäte verlangt, dem Treiben Einhalt zu gebieten, und in einem mehrseitigen Schreiben haben Umweltschutzgruppen aus dem Bottwartal – BUND und Nabu von Beilstein, Oberstenfeld und Marbach-Bottwartal – die Probleme der illegalen Trails durch den Wald und ihre Auswirkungen auf die Natur dargestellt. Auch sie drängen auf eine nachhaltige Lösung, ebenso die Kommunen und die Forstverwaltungen beider Landkreise.

Verschärft wird das Problem derzeit durch die Coronakrise: Viele Menschen bleiben im Urlaub zu Hause und suchen verstärkt das Abenteuer vor der Haustür, zumal Mountainbiken als Sportart gilt, bei der die Coronadistanz gut eingehalten werden kann.

Vor einigen Jahren hatten die Kommunen im Oberen Bottwartal geglaubt, das Problem in den Griff zu bekommen, indem man rund 40 Kilometer legale Trails ausweist. Dieser Plan ist aber offenbar nicht aufgegangen. „Das hält viele nicht davon ab, trotzdem auf illegalen, selbst angelegten Wegen durch den Wald zu fahren“, sagte Beilsteins Bürgermeister Patrick Holl, der neben Oberstenfelds Bürgermeister Markus Kleemann an dem Gespräch teilgenommen hat.

Diese Beobachtung hat auch Andrea Hohlweck gemacht, die BUND-Vorsitzende von Beilstein. Erst kürzlich habe sie eine Mountainbikerin dafür gelobt, dass sie auf dem legalen Trail unterwegs war. Die Antwort: „Ja, die Illegalen kommen nachher dran!“ „Wir wollen keine Spaßbremse sein“, sagt Andrea Hohlweck, „aber der Wald ist kein Bikepark und illegale Trails sind Wunden in besonders sensiblen Gebieten.“

Manche Mountainbiker scheint das nicht zu stören, im Gegenteil. Die ausgewiesenen, legalen Strecken haben nicht genug Kick, und eine „schicke Schikane“ bauen sich manche dann schon mal selbst, wenn es sein muss bei Nacht und Nebel.

Dabei, so die Umweltschützer von BUND und Nabu, brauche das Ökosystem Wald dringend ungestörte Gebiete. Und Mountainbiker legten ihre illegalen Trails gerade in meist eher unzugänglichen Gebieten an. „Der zuletzt öffentlich gemachte illegale Trail zwischen Gronauer Platte und dem Roten Hohleweg östlich der Verbindungsstraße von Oberstenfeld-Gronau nach Prevorst steht für viele illegale Trails, die Downhill-Fans ohne Genehmigung in hiesigen Wäldern anlegen“, schreiben die Umweltschützer in ihrer Pressemitteilung.

So wie dieser illegale Trail führen viele Abschnitte der Trailrunden durch Waldbereiche, die als FFH-Gebiete (Flora-Fauna-Habitat) besonders geschützt sind, weil sie bedrohte oder seltene natürliche Lebensräume darstellen, kritisieren die Umweltschützer. Das Waldgebiet, das von Öltal (Untere Ölmühle), Prevorster Tal und Kurzacher Tal umfasst wird, ist großflächig solch ein Schutzgebiet.

Zum FFH-Arteninventar zählen nicht nur Gelbbauchunke oder der Hirschkäfer, sondern auch Mopsfledermaus, Bechsteinfledermaus und so seltene Schmetterlinge wie die Spanische Fahne oder der Große Feuerfalter. Zahlreiche besonders oder streng geschützte Vogelarten wie Wendehals, Grauspecht, Schwarzspecht oder Pirol, Trauerschnäpper, Baumpieper und Neuntöter wurden hier bereits gesichtet. „Erst letzte Woche überflog ein Schwarzstorch das Gebiet – der streng geschützte schwarze Bruder des Weißstorchs galt im Rems-Murr-Kreis über 100 Jahre als ausgestorben“, heißt es in der Pressemitteilung.

Auffallend sei, dass ein Rotmilanhorst im Oberstenfelder Wald nach vielen Jahren durchgängiger Nutzung im Frühjahr vom Brutpaar verlassen worden sei. „Er liegt rund 50 Meter neben dem illegalen, sogenannten Vogeltränke-Trail, der von der ehemaligen Scheiterburg zu Tal führt“, haben die Umweltschützer beobachtet.

In der „Vogeltränke“, einem aufgelassenen Wasserbassin, seien in diesem Jahr keine Feuersalamanderlarven oder sonstiger Laich zu finden gewesen, obwohl das Bassin als wichtiges Amphibienquartier bekannt war. Der illegale Trail führt direkt an der Wasserstelle vorbei zu Tal.

Einer der offiziellen Trails, der im FFH-Gebiet durch ein Waldbiotop an der alten Prevorster Steige führte, sei auf Beilsteiner Gemarkung bereits von der Unteren Naturschutzbehörde in Heilbronn geschlossen worden, heißt es in der Pressemitteilung der Umweltschützer. Dort sind Orchideen und der Fransen-Enzian beheimatet. Dass weitere Trails dieses sensible Gebiet durchschneiden, ist für die Umwelt- und Naturschützer der Region „gänzlich inakzeptabel“.

Andererseits gilt das Obere Bottwartal als Mekka der Mountainbiker. Es gibt die Trailsurfer, einen 2016 gegründeten Verein, der angetreten ist, die Interessen der Mountainbiker zu vertreten und „interessierten Gemeinden als kompetenter Partner zur Verfügung zu stehen“. Die Kommunen erkennen durchaus an, dass der Verein sich bemüht, aufklärend zu wirken, aber: „Die Trailsurfer können nicht für jeden einzelnen Mountainbiker bürgen“, sagt Bürgermeister Patrick Holl. Zudem ist die Szene gut vernetzt und in der Lage sich über Apps auch ohne Ortskenntnis in fremden Wäldern zu bewegen, „Das sind die Geister der Digitalisierung“, seufzt Andrea Hohlweck vom BUND, „da kriegst du noch den geheimsten Winkel der Region raus!“

Die Kommunen wollen das Problem jedenfalls angehen; am Dienstag beschäftigt sich der Beilsteiner Gemeinderat mit den illegalen Trails.

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