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Nahverkehr

In einem Zug zum Flughafen

In drei Jahren soll die Gerlinger Stadtbahnlinie U 6 umsteigefrei bis zum Stuttgarter Flughafen fahren. Doch bis dahin sind noch einige Herausforderungen zu meistern. Ein Baustellenbesuch.

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Foto: Michael Zimmermann

Gerlingen/Stuttgart. Zauneidechsen haben die Mitarbeiter der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) auf den Fildern vor der Landesmesse und dem Flughafen nicht gefunden. Dafür aber Kröten, die umgesiedelt werden mussten, Rebhühner und Feldlerchen. Zeitweise liefen auf der Fläche archäologische Untersuchungen. Jetzt müssen noch Masten für Stromleitungen umgebaut und Rücksicht auf den Hochwasserschutz und die fruchtbaren Böden der Bauern genommen werden. „Das sind sehr sensible Themen, die uns wichtig sind“, sagt Steffen Schäfer, Projektleiter der SSB.

Er setzt seit dem Sommer ein XXL-Projekt um, das mit mindestens 100 Millionen Euro zu Buche schlägt: Die Verlängerung der Stadtbahnlinie U 6 von Gerlingen, die bisher noch in den Stuttgarter Fasanenhof an der Autobahn 8 führt, wo auch der Energieversorger EnBW seinen Sitz hat. Von hier aus soll die Stadtbahn künftig um drei Haltestellen und mehr als drei Kilometer erweitert werden, um dann die Messe und den Flughafen zu erreichen. Die SSB rechnen täglich mit 4500 Fahrgästen auf dem Abschnitt, auf dem von 6 bis 20 Uhr im Zehn-Minuten-Takt gefahren werden soll.

Ende 2021 könnte es so weit sein. Dann würde die Gerlinger Stadtbahnlinie zur längsten im Netz der SSB werden. Die Fahrzeit zum Airport: rund eine Stunde. Der Vorstandssprecher Wolfgang Arnold jubelt: „Die U 6 eröffnet ganz neue Möglichkeiten für einen zukunftsfähigen Nahverkehr in und um Stuttgart.“ Die Gerlinger Beigeordnete Martina Koch-Haßdenteufel sagt: „Jede Verbesserung der öffentlichen Verkehrsmittel ist gut für unsere Stadt und die Bürgerinnen und Bürger.“

Doch noch ist es nicht so weit. Vor allem zwei Vorhaben gestalten sich anspruchsvoll: Der rund 375 Meter lange Tunnel am Flughafen und die etwa 120 Meter lange Stahlbogenbrücke über die A 8. In deren Umfeld buddeln sich derzeit Bagger ins Erdreich. GPS-Systeme zeigen ihnen an, wie tief die Schaufeln versinken sollen. „Baufeldfreimachung“, heißt das im Jargon der zuständigen Ingenieure.

„Wir setzen die Brücke ohne Stützen über der Autobahn ein“, kündigte der Projektleiter Schäfer gestern während eines Rundgangs über die Baustelle an. Dieser Schritt ist für Anfang 2020 vorhergesehen. Dann soll die A 8 an einem Samstagabend für rund zwölf Stunden gesperrt werden und das Bauwerk einschweben. „Rund 1400 Tonnen müssen bewegt werden“, so der SSB-Projektleiter. Das entspricht einem Gewicht von 22 Stadtbahnfahrzeugen. Das Manöver stellt laut Schäfer „Höchstanforderungen an die Unternehmer“.

Einige Kilometer weiter fressen sich Bagger zwischen der Landesmesse und dem Flughafen durch den Boden. Zwei Haltestellen hat die SSB hier eingeplant – eine am westlichen Rand der Messe, die andere in der Nähe des Flughafenterminals bei den Hotels. Sie liegt in einem Trog und soll allerdings nach oben offen gestaltet werden. Schäfer geht davon aus, dass noch in diesem Jahr die Betonarbeiten stattfinden werden. Eile ist geboten, denn die SSB will keine Konflikte mit der Bahn eingehen, die in der Nähe ihren Flughafenbahnhof verwirklichen will. „Wir bekommen am Flughafen eine neue Verkehrsdrehscheibe“, sagt der SSB-Fachbereichsleiter Daniel Kohler.

Er sieht die Bauarbeiten auf einem guten Weg. Die Rückmeldungen der Firmen sind offenbar positiv. „Derzeit läuft es flüssig“, sagt Kohler. Das war nicht immer so. Ursprünglich sollte der Abschnitt zum Flughafen Mitte 2020 statt Ende 2021 in Betrieb gehen. Darüber hinaus musste die SSB die Kosten immer wieder nach oben korrigieren – von 70 Millionen über 94 Millionen auf 100 Millionen Euro. Dabei soll es nach Angaben des Fachbereichsleiters bleiben. Doch noch laufen eine Reihe von Vergaben, und die Konjunktur auf dem Bau brummt weiterhin fleißig vor sich hin.

Mit der neuen U 6 erweitert die SSB ihr Streckennetz künftig auf 136 Kilometer. Dabei wird es aber nicht bleiben: Aller Voraussicht nach dringen die gelben Stadtbahnen bald bis Ditzingen und Pattonville vor (wir berichteten). Auf Ludwigsburger Gemarkung und bis nach Markgröningen, Schwieberdingen und Kornwestheim bleiben sie jedoch aller Voraussicht nach ausgesperrt. Hier sollen bekanntlich Trassen mit Niederflurzügen aufgebaut werden.