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Weinbau

In tiefen Lagen erfrieren die Reben

Seit Dienstag mag Martin Fischer, Chef vom Weingut Sonnenhof in Vaihingen-Gündelbach, am liebsten gar nicht mehr in seine Weinberge gehen, um das Elend nicht sehen zu müssen. So wie ihm geht es den meisten seiner Kollegen. Denn in der Nacht von Montag auf Dienstag hat der Frost großen Schaden angerichtet. Für seriöse Schätzungen ist es aber noch zu früh.

Ein trauriges Bild aus Gündelbach: Die Blätter der Reben sind erfroren, die Gescheine genannten Fruchtansätze wohl auch.Foto:privat
Ein trauriges Bild aus Gündelbach: Die Blätter der Reben sind erfroren, die Gescheine genannten Fruchtansätze wohl auch. Foto: privat

Kreis Ludwigsburg. Klarer Himmel, klirrende Kälte, minus zwei Grad: Das ist eine Wetterlage, die Wengerter und Gärtner auch während der berüchtigten Eisheiligen Mitte Mai fürchten – zumal, wenn die Vegetation schon so weit ist wie in diesem Jahr nach den warmen Tagen im Februar und März.

„Wir sind zwei Wochen vornedran“, sagt Immanuel Gröninger von den Bottwartaler Winzern. Die typischen Frostlagen habe es stark erwischt. Nur da, wo der Nebel frühzeitig eingesetzt hat, seien die Reben verschont geblieben. Stark betroffen im Bottwartal sind deshalb die Lagen am Wunnenstein und in Kleinbottwar am Wehrbachsee. Gröninger: „Da staut sich die Kälte, und wenn dann noch Wind dazukommt, gibt ihnen das den Rest.“ Im Gebiet der Bottwartaler Winzer waren die Höhenlagen weniger betroffen, weil Kälte nach unten fällt. „20 Höhenmeter können entscheidend sein“, sagt Gröninger, „am Benning und am Harzberg ist alles noch grün.“

Das traurige Ergebnis in den Frostgebieten jedoch: Welke Blätter, die braun werden, weil die Zellen durch den Frost aufgeplatzt sind, und Gescheine, die traurig nach unten hängen, statt Richtung Sonne zu streben, wie sie sollten. Wie sehr dieser Traubenansatz, Geschein genannt, geschädigt ist, könne man allerdings erst in zwei bis drei Wochen sagen, meint Gröninger.

Massive Schäden hat auch Martin Fischer vom Weingut Sonnenhof in Gündelbach nach einer unruhigen Nacht festgestellt. Minus 2,7 Grad zeigte das Thermometer, „die Blätter hatten einen richtigen Eispanzer“, berichtet er. Normalerweise ist der Austrieb der Reben um die Zeit der Eisheiligen herum 15 Zentimeter lang – in diesem Jahr sind es 20 bis 30 Zentimeter und die zarten Triebspitzen frieren sofort durch.

Zum ersten Mal will Fischer jetzt die vom Land Baden-Württemberg geförderte Frostversicherung in Anspruch nehmen. „Aber die deckt natürlich nicht alles ab“, sagt er, „im Weinbau ist man immer wieder von solchen Ereignissen gebeutelt, da sind keine so Megarücklagen da.“ Nach Corona hätte der Frost nicht auch noch sein müssen, seufzt der Sonnenhof-Chef, dessen Weingut seine Erzeugnisse zur Hälfte an die Gastronomie verkauft – die ja ebenfalls unter Corona leidet.

Und kann man die Reben nicht vor Frost schützen? Im Sonnenhof hat man schon Turbinen getestet, die wärmere Luftschichten nach unten verwirbeln, oder Hubschrauber, die das Gleiche tun; vor einigen Jahren habe das gut funktioniert. In diesem Jahr hätte der Hubschrauber erst bei Sonnenaufgang um 5.45 Uhr aufsteigen können – aber um 5.30 Uhr war bereits alles komplett gefroren.

Felix Adelmann vom Weingut Graf Adelmann in Kleinbottwar hat Frostkerzen aufgestellt, kleine Eimer, gefüllt mit Paraffin – eine teure Lösung. Eine Kerze kostet zehn Euro, pro Hektar braucht man 200, besser 250 Stück. „Aber besser als nichts“, findet Adelmann, „sie verhindern das Schlimmste, und wir hatten gerade welche da.“ Trotzdem, sagt er, habe es seine Reben quer durch alle Adelmann’schen Weinberge „kräftig erwischt“, eine Lage am Forstberg sogar zu 100 Prozent; sogar die höheren Lagen seien nicht verschont geblieben: „Das hat richtig fett reingehauen!“ Mit seinen Mitarbeitern hat er sich die Nacht um die Ohren geschlagen, war von ein bis sieben Uhr im Weinberg. „Um sechs Uhr waren die Regentropfen an den Stahldrähten gefroren.“

Wie endgültig die Schäden sind, könne man jetzt noch nicht sagen, weiß Adelmann. Es könne sein, dass aus den Blattachseln Geiztriebe wachsen und neue Gescheine, aus denen Trauben werden. Aber, meint er philosophisch: „Die Natur macht, was sie will, da ist man mehr oder minder machtlos.“

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