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Interview

„Keine Entscheidung gegen Mundelsheim“

Der Mundelsheimer Bürgermeister Holger Haist verzichtet nach 16 Jahren auf eine erneute Kandidatur. Mit unserer Zeitung hat er sich über die Gründe für seinen Abschied aus der Kommunalpolitik und seine Tätigkeit als Bürgermeister unterhalten.

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Auf den idyllischen Blick auf den Käsberg muss Holger Haist künftig verzichten: Nach 16 Jahren als Bürgermeister verlässt er das Mundelsheimer Rathaus.Foto: Oliver Bürkle

Mundelsheim. Herr Haist, Mundelsheim ist doch eine schöne Gemeinde. Gefällt es Ihnen nicht mehr in der Neckarschleife?

Holger Haist: Sie haben recht: Mundelsheim ist eine besonders schöne Gemeinde, und sie gefällt mir immer noch ausgesprochen gut. Ich bin dankbar, dass ich hier in den vergangenen 16 Jahren Bürgermeister sein durfte.

Warum verzichten Sie dann auf eine dritte Kandidatur?

Da muss ich ein bisschen weiter ausholen. Als ich 2002 zum ersten Mal kandidierte, war ich einer von 15 Kandidaten, ein so großes Interesse bei einer Bürgermeisterwahl war außergewöhnlich. Schon damals wurde ich gefragt, wie lange ich in Mundelsheim bleiben will. Und meine Antwort lautete: Für einen Bürgermeister ist es wichtig, in längeren Zeiträumen zu denken. Viele Projekte haben einen langen Vorlauf. Als Bürgermeister muss man Dinge einfädeln, Regie führen und die Fäden ziehen, oft auch hinter den Kulissen. Man muss Kontakte mit Behörden, Institutionen und Partnern aufbauen und pflegen. Da braucht es oft eine gewisse Zeit bis zur Umsetzung, bis der Bürger auch etwas sieht. Deshalb wären acht Jahre zu kurz gewesen. Nach 16 Jahren kann ich jetzt mit ruhigem Gewissen sagen: Diese Zeit war passend, sowohl für die Gemeinde als auch für mich selbst.

Und warum versuchen Sie jetzt nicht, aus den 16 Jahren 24 zu machen?

Das hat mit meiner persönlichen Lebenssituation zu tun. Ich werde noch in diesem Monat 51, meine beiden Töchter sind bald mit ihrem Studium fertig. Ich war 16 Jahre Förster und bald 16 Jahre Bürgermeister. Jetzt habe ich die Möglichkeit, mich in den nächsten 16 Jahren noch einmal einer anderen Aufgabe zu widmen (lacht). Das ist keine Entscheidung gegen Mundelsheim, sondern das Beenden eines Lebensabschnittes, damit ein neuer folgen kann.

War es für Sie nie eine Option, nach Ihrer ersten Amtsperiode zu einer anderen Kommune zu wechseln?

Ich hätte die Möglichkeit gehabt, mich zu verändern und zu einer größeren Gemeinde oder Stadt zu gehen. Diese Überlegung gab es. Wenn ich woanders hin gewollt hätte, wäre ich längst weg. Aber ich bin Mundelsheim treu geblieben – weil ich mich hier wohlgefühlt habe und immer den Eindruck hatte, dass ich hier etwas zum Positiven bewegen kann. Als Bürgermeister ist Mundelsheim für mich meine Herzensgemeinde.

Wie fällt Ihre Bilanz nach 16 Jahren als Bürgermeister aus?

Sehr positiv und erfreulich. In dieser Zeit ist in Mundelsheim enorm viel entstanden und es hat sich einiges verbessert. Ich bin selbst immer wieder erstaunt, was in der Zeit alles möglich war. Manches gerät schnell in Vergessenheit oder wird zur Selbstverständlichkeit. Doch auch wenn Bürger das Mundelsheim von heute mit damals vergleichen, zeigen sie sich sehr zufrieden und dankbar.

Welche in Ihrer Amtszeit umgesetzten Vorhaben waren besonders wichtig für die Gemeinde?

Der größte Wunsch der Mundelsheimer war ein größerer Lebensmittelmarkt. Er ging mit der Ansiedlung des Netto-Markts in Erfüllung. Der Grunderwerb und die Genehmigung waren damals Riesenhürden. Die Ansiedlung war nur möglich, weil Mundelsheimer Bürger bereit waren, ihre Grundstücke am Ortsrand zu verkaufen – das macht nicht jeder gerne. Und weil das Landratsamt uns ganz toll unterstützt hat. Das zeigt, wie wichtig ein guter Draht des Bürgermeisters zu seinen Bürgern und zu Behörden ist. Alle haben an einem Strang in die gleiche Richtung gezogen, weil das Allgemeinwohl im Vordergrund stand. Das ist typisch für Mundelsheim. Der Netto-Markt läuft laut Betreiber hervorragend und stellt einen großen Gewinn für das Gemeindeleben dar. Früher mussten die Mundelsheimer in andere Orte fahren, um einzukaufen. Heutzutage kommen Leute von außerhalb hierher, weil der Supermarkt attraktiv ist, verkehrsgünstig liegt und genug Parkplätze zur Verfügung stehen. Doch auch andere gelungene Vorhaben wie das Pflegeheim sind eine Bereicherung für Mundelsheim.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie, als Sie Ihr Amt angetreten haben?

Bereits bei der Bürgermeisterwahl 2002 wurde gerade aufgrund der Bewerberlage in der Bürgerschaft darüber diskutiert, welche Voraussetzungen ein Bürgermeister mitbringen sollte. Die Bürger waren der Ansicht, dass in einer kleinen Gemeinde wie Mundelsheim vor allem zwei Dinge wichtig sind: Fachwissen auf Verwaltungsebene und der menschliche Aspekt. Ein Bürgermeister in einer kleinen Gemeinde muss sich auch in der Verwaltung auskennen und einbringen. Und menschlich muss es passen. Die Fähigkeit, ein funktionierendes Miteinander zu gestalten und zu moderieren. Bürgermeisterwahlen sind ja auch Persönlichkeitswahlen. Ich kann diese Einschätzung bestätigen. Und ich glaube, dass ich diesen Anforderungen auch gerecht geworden bin. Als Forstbeamter des Landwirtschaftsministeriums brachte ich die Verwaltungskompetenz mit. Und die Mundelsheimer sind umgänglich und herzlich.

Seit geraumer Zeit wird allerdings immer wieder eine Überlastung der Verwaltung kritisiert, auch im Gemeinderat. Wie sind Sie mit diesem Personalengpass im Rathaus umgegangen?

Es ist zutreffend, dass wir im Rathaus seit zu langer Zeit unterbesetzt sind. Und das bei – wie andere Kommunen auch – immer mehr zusätzlichen Aufgaben. Zum Beispiel in der Kinderbetreuung oder in der Flüchtlingsunterbringung. Wir hatten zuletzt gleich mehrere große Themen zu schultern, Belegschaft und Gemeinderat waren stark gefordert. Ich gebe zu: Wegen der Unterbesetzung im Rathaus ist nicht immer alles so gelaufen, wie ich es mir gewünscht hätte. Einen Bürgermeister kann man da ein bisschen mit einem Fußballtrainer vergleichen: Er hat normalerweise elf Spieler zur Verfügung. Wenn jedoch nicht nur zehn, sondern sogar nur neun Spieler zur Verfügung stehen – Mundelsheim hat eine Personallücke von über zwei Stellen –, dann ist es besonders schwer, den Ball rund laufenzulassen und den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Umso dankbarer bin ich für den so großen Einsatz meiner Spieler beziehungsweise Mitarbeiter.

Sollte ein Fußballtrainer nicht beim Vereinsmanagement darauf drängen, neues Personal einzustellen?

Das habe ich mit immer mehr Nachdruck getan. So hat der Gemeinderat eine neue Stelle bewilligt, die ganz aktuell seit Juni in der Kämmerei für Entlastung sorgt. Ich bin froh, dass es uns trotz der angespannten Personalsituation gelungen ist, die anstehenden Aufgaben zu meistern. Und ich denke, dass dies auch zum Wohl der Einwohner geschehen ist. Ein Beispiel ist die Flüchtlingsunterbringung. Als wir vom Ludwigsburger Landratsamt erfahren haben, dass wir im laufenden Jahr 25 bis 30 Personen zusätzlich unterbringen müssen, schien eine zentrale Unterkunft in Wohncontainern erforderlich zu werden. Als diese Lösung auf Kritik stieß, konnten wir durch unsere Bemühungen weitere Unterbringungsmöglichkeiten auf dem privaten Markt organisieren. Dezentral, das passt auch besser in eine Gemeinde wie Mundelsheim. Ich finde, auch das ist ein schönes Beispiel, dass man Probleme hier gemeinsam löst – und nicht gegeneinander.

Welche Aufgaben als Bürgermeister waren für Sie besonders reizvoll?

Es war eine schöne, auch eine extrem vielseitige Aufgabe, Bürgermeister von Mundelsheim zu sein. In der alltäglichen Arbeit ist man sehr nah an den Menschen dran. Es ergeben sich viele Kontakte, meist erfreulich, manchmal weniger erfreulich, und gelegentlich auch traurig. Man wird zum Beispiel regelmäßig mit Familienschicksalen konfrontiert, das geht nicht immer spurlos an einem vorbei. Wie gesagt: Das Bürgermeisteramt ist eine schöne, aber gleichzeitig auch eine sehr intensive und anspruchsvolle Herausforderung.

Gibt es auch Aspekte, die ihnen nicht so gut gefallen haben?

Neben den fachlichen und den menschlichen Seiten spielt natürlich auch das Geld eine wesentliche Rolle. Und in Mundelsheim heißt das: Als Bürgermeister muss man aus relativ wenig Geld relativ viel machen. Denn in finanzieller Hinsicht war die Kommune ja schon immer ziemlich bescheiden aufgestellt. Besonders problematisch wurde dieser Umstand 2007 und in den Folgejahren, als sich die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise auch in Mundelsheim bemerkbar machte. Damals mussten wir den Haushalt mühsam nach 100-Euro-Beträgen durchforsten, um überhaupt einen genehmigungsfähigen Etat aufstellen zu können – das macht die Arbeit für Gemeinderat, Verwaltung und auch den Bürgermeister nicht gerade angenehmer.

Mittlerweile ist der Sparstrumpf aber wieder ein bisschen besser gefüllt, oder?

Das ist richtig. Die Steuereinnahmen sind in den vergangenen Jahren wieder spürbar gestiegen, und darüber freuen wir uns auch. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Ausgaben der Gemeinde in der gleichen Zeit ebenfalls massiv angestiegen sind. Als ein Beispiel habe ich ja schon die Kinderbetreuung erwähnt, die wir auch in Mundelsheim ausgebaut haben. Eine wichtige Pflichtaufgabe der Kommune – aber verbesserte Angebote mit mehr Personal bedeuten eben auch, dass die Ausgaben ansteigen.

Müssen die Mundelsheimer den Gürtel trotz guter Konjunktur also enger schnallen?

Es gibt immer etwas, was in einer Gemeinde noch getan werden kann oder sollte. Vieles davon ist wünschenswert, lässt sich aber zumindest derzeit nicht finanzieren. In Mundelsheim haben wir die glückliche Situation, dass der Gemeinderat das Verhältnis von anstehenden Investitionen und den dafür erforderlichen Krediten immer sorgfältig abgewogen hat. Es wurde stets mit Augenmaß entschieden und das hat sich all die Jahre bewährt. Neben Investitionen ist auch die Schuldentilgung wichtig. In den vergangenen 16 Jahren hat das gut geklappt, wir konnten den Schuldenstand seit 2002 von 2,5 auf derzeit rund 1,2 Millionen Euro halbieren. Übertreiben darf man es natürlich auch nicht. Sonst hat man vielleicht keine Schulden mehr, aber die Infrastruktur der Gemeinde verfällt – das kann nicht Sinn der Sache sein.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat in den vergangenen 16 Jahren?

Jeder Gemeinderat ist eine bunt zusammengewählte Gruppe, in diesem Gremium treffen zwangsläufig teils sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander. Es hängt von den einzelnen Personen ab, ob sie ihren Teil dazu beitragen, dass diese Gemeinschaft auch funktioniert. In einem Gemeinderat gibt es immer wieder verschiedene Standpunkte und Meinungen, das ist in Mundelsheim nicht anders. Wir haben häufig miteinander diskutiert, haben uns immer wieder frei die Meinung gesagt. Es ist aber ein Phänomen in Mundelsheim, dass am Ende in einem gemeinschaftlichen Sinn entschieden wird – und dass die Mehrheitsmeinung auch von den Gemeinderäten akzeptiert wird, die andere Positionen vertreten haben. Das finde ich sehr wichtig, geht es dabei doch um die Interessen der Gemeinde und der Bürgerschaft.

Wenn wir schon bei der Zukunft sind: Was erhoffen Sie sich denn für Mundelsheim?

Natürlich hoffe ich, dass bei der Bürgermeisterwahl am 14. Oktober kompetente Kandidatinnen oder Kandidaten antreten und sich eine gute Nachfolge findet. Neben Landschaft, Neckar und Weinbau wird der Charakter der Gemeinde durch den Sinn für das Miteinander geprägt. Die Gemeinschaft hat hier einen hohen Stellenwert, das zeigt sich auch im breiten ehrenamtlichen Engagement. Ich wünsche allen Mundelsheimern, dass dieser Charakter auch in Zukunft erhalten bleibt.

Und wie geht es für Sie selbst weiter?

Es ist noch nichts entschieden. Vielleicht werde ich als Berater arbeiten, meine Frau hat eine eigene Praxis für Verwaltungen und Privatpersonen in Ludwigsburg. In meiner Freizeit habe ich die Ausbildung für Fitness und Ernährung gemacht, vielleicht werde ich als Trainer und Ernährungsberater tätig. Ich bin auch offen für Angebote, habe ich mit meiner Berufs-und Lebenserfahrung ja auch einiges zu bieten. Nur eines ist sicher: Ich werde nicht mehr in Mundelsheim als Bürgermeister kandidieren (lacht).