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OB-Wahlkampf

Kessings Gegner laufen sich warm

Während Stephan Muck seine erste Kandidatenvorstellung im Kleinkunstkeller vorbereitete und dabei die Zuhörer überraschte, ging im Rathaus eine dritte Bewerbung für die Wahl am 8. März ein. Auch Günther Kirchknopf will OB werden.

Stephan Muck stellt sich nicht mit einer großen Rede vor, sondern kommt zu den Besuchern an die Tische.Foto: Ramona Theiss
Stephan Muck stellt sich nicht mit einer großen Rede vor, sondern kommt zu den Besuchern an die Tische. Foto: Ramona Theiss
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Foto: privat

Bietigheim-Bissingen. Lange Zeit sah es so aus, als würde der Stimmzettel für die Oberbürgermeisterwahl am 8. März relativ leer sein und nur der Name des Amtsinhabers Jürgen Kessing (SPD) darauf stehen, der seit 16 Jahren regiert. Doch dann meldete sich vergangene Woche zunächst Stephan Muck, seit 1999 Stadtrat, erst für die GAL, dann für die Freien Wähler – und am Montag wurde es schließlich richtig voll. Vor allem im Kleinkunstkeller, wo der Herausforderer zum ersten Vorstellungstermin geladen hatte, aber auch auf dem Stimmzettel, der um einen Namen gewachsen ist.

Kurz vor Bewerbungsschluss am Abend hatte der in Bietigheim wohnende Günther Kirchknopf seine Unterlagen abgegeben, auf seinen Wunsch hin gab die Stadt am Dienstag dann auch seine Kontaktdaten weiter – denn großartig Wahlkampf machen wie Muck will der 66-Jährige nicht. Einige Termine in der Fußgängerzone, die Vorstellungen aller drei Kandidaten, seine Unabhängigkeit als einziger Parteiloser, dazu ein paar Infos über seinen Beruf als Geschäftsführer eines kleinen Medizintechnik-Unternehmens, das mit den Kliniken im Kreis zusammenarbeitet und mit seinem Know-how teils auch kostenlos das Hospiz unterstützt („Das liegt uns sehr am Herzen“) – das reicht dem ausgebildeten Elektrotechniker. Auch OB Jürgen Kessing, der sein Profil angesichts der Konkurrenz schärfen könne, wie er sagt, setzt auf seinen Amtsbonus und Gespräche mit Interessensgruppen – für eigene Extratermine bleibe gar keine Zeit.

Gesprächsrunden statt Bewerbungsrede

Muck hingegen hat nun einen vollen Terminplan. Für den Auftakt hatte er ein ungewöhnliches Format gewählt. Denn seine Vorstellung war kurz und knackig, wenngleich ihm während seiner rund zehnminütigen Rede die Nervosität anzumerken war – deutlich sicherer dann die Gespräche in kleinen Runden an den Tischen. „Mehr Demokratie wagen“, dieses Zitat von Willy Brandt stellte der 49-jährige Stadtrat der Freien Wähler an den Anfang seiner Präsentation. Denn das sei auch der Auslöser für seine Kandidatur gewesen: zu wenig Auswahl am 8. März, hatten ihm manche Bürger geklagt, die offenbar auch kein „Weiter so“ mehr wollten.

Themen, die es anzupacken gilt, gebe es schließlich genug, so Muck. Allen voran der Verkehr. „Wir leben in einer Infrastruktur von 1978“, sagte er mit Blick auf die Auto- und Lkw-Massen, die sich täglich durch die Stadt quälen, und auch beim ÖPNV habe sich seit der Einführung der Ringlinie nichts getan. Stillstand machte er auch bei der Digitalisierung aus und zog als Beispiel die Stempeluhren in den Rathäusern heran. Und schließlich wolle er das Thema Kinderbetreuung mit den zu geringen Kapazitäten der Einrichtungen samt Personalengpässen und hohen Krankenständen bei seiner Wahl zur Chefsache machen, sagte er. Ebenso sei Bissingen für ihn „eine Herzensangelegenheit“. Viele Bürger hätten sich an ihn gewandt, die die Schließung des Hallenbads kritisierten und sich abgehängt fühlen. Zudem dürfe es nicht sein, dass das Bürgerbüro kaum besetzt sei und gerade Ältere mit dem Bus 40 Minuten nach Bietigheim fahren müssten, sagte er. Als Alternative für das sanierungsbedürftige Bad – ein Neubau ist am Bietigheimer Viadukt vorgesehen – schlägt er statt der geplanten Häuser ein Kulturzentrum vor. „Die Stadt müsste eben auf die einkalkulierte eine Million Euro durch den Grundstücksverkauf an die Wohnbau verzichten“, so Muck. Denn ein Platz für die Begegnung sei nötig, bislang gebe es nur einige Kneipen.

Und Begegnung, Zusammensein ist ihm wichtig. Das machte er nicht nur deutlich, indem er nur von „Bietigheim und Bissingen“ sprach und auf seine Prägung durch die Winzertätigkeit und den Lokalbetrieb verwies, sondern auch mit dem zweiten Teil der Veranstaltung. Nach der Rede waren die rund 70 Besucher aufgefordert, sich um die Tische zu gruppieren, Muck kam dann zu jedem einzelnen, um in kleiner Runde das Gespräch zu suchen.

„Er nimmt sich Zeit für die Menschen“, freute sich eine Zuhörerin, die nur kurz später dann mit ihren Nebensitzern ins Gespräch kam. Ob das aber auch für Gäste galt, die alleine zu der Veranstaltung gekommen waren? „Wer nicht lange warten will, kann doch auch an den Tisch gehen, an dem er gerade sitzt“, so ihre Einschätzung. Und auch Stephan Muck berichtet anderntags, dass kaum jemand vorzeitig gegangen sei. Denn schließlich könne es auch bei klassischen Vorstellungsreden sein, dass man warten müsse, bis das „eigene“ Thema drankomme. „Stattdessen habe ich mir für alle Anliegen drei Stunden Zeit genommen“, sagte er. Hauptthemen seien die gewesen, die er in der Rede angerissen habe: „Verkehr war Number One“ sagte er, ebenso das Bissinger Hallenbad – und interessierte Kommentare zu seiner Kulturzentrum-Idee.

Stärkung des lokalen Handels und der Vereine

Günther Kirchknopf, Vater eines erwachsenen Sohnes, setzt dagegen auf andere Schwerpunkte. Die Stadt kümmere sich zu sehr um die großen Unternehmen, die kleinen fielen herunter, sagt er. Man müsse Maßnahmen gegen das Fachhandelssterben schaffen, sagt er, und bessere Einkaufs- und Parkmöglichkeiten schaffen, ebenso für mehr Leben in der Innenstadt nach Geschäftsschluss sorgen, sei es durch Gastronomie oder Angebote zur Freizeitgestaltung. Zudem sollten Vereine besser ausgestattet werden, vor allem wenn sie regelmäßig Veranstaltungen stemmen wie das „Team Blau“, in dem er aktiv ist, findet er – denn die Stadt sei schuldenfrei und könne sich das leisten. Ziel müsse es sein, im Kleinen etwas zu bewirken, um der konstatierten bundesweiten Unzufriedenheit etwas entgegenzusetzen, damit sich vielleicht auch im Größeren etwas verändere.

Info: Alle drei Kandidaten treten unter anderem bei einer gemeinsamen Vorstellung auf am Montag um 19.30 Uhr im Kronenzentrum.

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