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Corona
Kinder impfen oder lieber nicht? Das sagen Ärzte aus dem Kreis Ludwigsburg

Auf die Frage, ob man sein Kind gegen Covid-19 impfen lassen soll, gibt es keine einfache Antwort. Foto: Jan Woitas/dpa
Auf die Frage, ob man sein Kind gegen Covid-19 impfen lassen soll, gibt es keine einfache Antwort. Foto: Jan Woitas/dpa
Noch ist fraglich, ob Kinderimpfungen den Durchbruch im Kampf gegen die Coronapandemie bedeuten würden. Ab kommender Woche soll in der Europäischen Union Impfstoff für Kinder verfügbar sein. Wir haben mit zwei Kinderärzten gesprochen, warum sie perspektivisch (nicht) impfen werden.

Kreis Ludwigsburg. Dass die Nachfrage nach Impfungen gegen das Coronavirus die Anzahl der verfügbaren Dosen derzeit bei Weitem übersteigt, wirkt sich auch auf den Impffortschritt bei Jugendlichen ab zwölf Jahren aus. Denn diese erhalten die gleichen Impfstoffdosen wie die Erwachsenen.

„Wir bekommen teilweise nur die Hälfte von dem, was wir bestellt haben“, berichtet der Ludwigsburger Kinderarzt Dr. Thomas Kauth. Wenn die Kinder- und Jugendärztliche Gemeinschaftspraxis deshalb Termine absagen müsse, fielen die Reaktionen von Eltern schon mal „echt grässlich“ aus. Gespannt sei er schon, wie sich die Situation künftig bei den Fünf- bis Elfjährigen gestaltet. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat diese Impfung nun für Kinder dieser Altersgruppe empfohlen, die Vorerkrankungen oder Kontakt zu Risikopatienten haben. Doch auch gesunde Kinder sollen geimpft werden können.

In der Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizin in Marbach haben sich Christoph Stolzenburg und seine Kollegen hingegen entschieden, überhaupt keine Covid-19-Impfungen anzubieten. „Wir wollen als Kinderärzte nicht gegen unser Gewissen handeln“, heißt es auf der Webseite der Praxis, auf der die Kinderärzte unter „Gedanken zur Impfung“ ausführlich die Gründe darlegen. Noch vor einem halben Jahr hätten die pädiatrischen Fachverbände diese Impfung abgelehnt, so Christoph Stolzenburg. Zu dem Statement auf der Webseite erhalte er inzwischen Anfragen aus ganz Deutschland.

Datenlage

„Die Datenlage bei Kindern und Jugendlichen ist wirklich dürftig“, sagt Christoph Stolzenburg und kritisiert, dass das für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) Daten zu den gemeldeten Nebenwirkungen und Impfkomplikationen, darunter auch die bei Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren, bislang nur bis Ende September veröffentlicht hat. Eine generelle Empfehlung für diese Altersgruppe und daher mehr Impfungen gibt es erst seit Mitte August.

Die Zulassung des Impfstoffs für Jüngere basiert auf einer Zulassungsstudie der Firma Biontech, bei der dieser 1517 Kindern zwischen fünf und elf Jahren verabreicht wurde. „Das ist wirklich wenig für eine Zulassungsstudie“, sagt Thomas Kauth. „Seltene Nebenwirkungen, die eins zu eine Million mal vorkommen, werden so nicht erfasst.“ Deshalb sei es der Stiko wichtig, auch noch Daten aus Ländern wie den USA oder Israel zu erhalten, in denen bereits viele Kinder geimpft wurden: „Das wäre dann deutlich mehr als in der Zulassungsstudie.“

Medizinische Gründe

„Wenn wir Impfstoff geliefert bekommen, würden wir primär die impfen, die chronisch krank sind oder in deren Haushalt Personen leben, die besonders durch Covid-19 gefährdet sind, darüber hinaus diejenigen, die es aus anderen Gründen dringend wollen“, sagt Thomas Kauth weiter. „Das Ganze unter dem Vorbehalt, dass wir ausreichend Impfstoff bekommen.“

„Es gibt wenige Gründe gegen eine Covid-Impfung“, so Thomas Kauth. Bei einer akuten fieberhaften Erkrankung etwa solle diese zunächst abgewartet werden. Gegen eine Impfung könne sprechen, wenn ein Kind etwa eine immunsuppressive Therapie wie eine Chemotherapie erhält und eventuell keine Antikörper bilden kann. Die Impfung solle daher möglichst vor einer solchen Therapie erfolgen. Es gebe zudem seltene Allergien gegen Bestandteile der Impfstoffe. Auch in diesem Fall rät Thomas Kauth von einer Impfung ab.

„Ich möchte Kinder nicht der Gefahr einer Impfung aussetzen, wenn die Krankheit in der Regel harmlos ist“, betont Christoph Stolzenburg. Natürlich könne es Gründe geben, die für eine Covid-19-Impfung sprechen. Doch für diese wenigen Fälle lohne es sich nicht, dass ihre Praxis impft. „Mir geht es darum, dass nicht alle geimpft werden sollen“, so der Marbacher Kinderarzt. Bei den Erwachsenen sei das eine ganz andere Sache.

Sozialer Druck

„Wir sind mit vielen Eltern konfrontiert, die in einer furchtbaren Zwangsmühle sind“, erzählt Christoph Stolzenburg aus dem Praxisalltag. „Die Jugendlichen wollen sich aus sozialem Druck impfen lassen, die Eltern sind dagegen, fühlen sich aber von den Kindern genötigt.“ Denn nach Angaben des Landes erfordert die Impfung von Kindern unter 16 Jahren die Einwilligung der Eltern. Bei Kindern unter zwölf wird der Arzt besonders deutlich: „Ich würde Eltern raten, sie nicht impfen zu lassen.“

„Die 2G-Regeln haben dem Impfen starken Rückenwind verliehen“, hat Thomas Kauth beobachtet. Bei seinen Patienten sei das gar die Hauptmotivation. Aufdrängen wolle er die Impfung niemandem: „Man muss den Leuten auch ein bisschen Zeit lassen.“ Denn: „Je jünger das Kind, desto geringer ist möglicherweise der Nutzen der Impfung“, so der Ludwigsburger Kinderarzt. Doch auch ungeimpfte Kinder hielten das Virus in der Bevölkerung.

Impfungen vorab

An sich sollen Kinder künftig den gleichen Impfstoff wie Erwachsene bekommen, allerdings nur ein Drittel der Menge. Bereits in den vergangenen Wochen haben einige Ärzte in Deutschland Kinder geimpft, indem sie Dosen für Erwachsene portionierten. Eine solche Anwendung eines Arzneimittels außerhalb des zugelassenen Gebrauchs nennt man Off-Label-Use. „Davon rate ich dringend ab“, sagt Thomas Kauth. Zum einen sei das mit Gefahren verbunden, zum anderen trage in diesem Fall der impfende Arzt das volle Haftungsrisiko und nicht etwa der Staat. „Es gibt so viele, die man davor noch impfen sollte. Und die ein, zwei Wochen kann man auch noch warten.“