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„Knast ist für alle eine Ausnahmesituation“

„Tatort“-Schauspieler und Gefängnisarzt Joe Bausch liest und diskutiert mit Therapeutin vom Hohenasperg

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Joe Bausch .Foto: Andreas Essig

Asperg. Im Kölner „Tatort“ ist Dr. Joseph Roth ein mürrischer Gerichtsmediziner im grünen Kittel. Im wirklichen Leben heißt er Joe Bausch und hat viel Humor. Fiktion und Realität: Er ist tatsächlich Arzt. In einem Knast. So auch der Titel seines Buches, das er in Asperg vorstellte.

„Beeindruckende Kulisse.“ Bausch kehrt den etwa 100 Zuhörern im Keltensaal kurz den Rücken und schaut auf den Hohenasperg. Eigentlich hätte er den Hof des Vaters im Westerwald übernehmen oder Pfarrer werden sollen. Stattdessen studierte er an den Unis Köln und Marburg einmal querbeet: Theaterwissenschaft, Politik, Germanistik und Rechtswissenschaften. Es folgte schließlich ein Studium der Medizin in Bochum, das er 1985 abschloss.

Seit Bausch Student war, hat ihn die Schauspielerei nicht losgelassen. Seine ersten Rollenerfahrungen sammelte er in der Theatergruppe um Roland Rebers Theaterpathologisches Institut, das in den 1980er Jahren im Ruhrgebiet für Furore sorgte.

Seit 30 Jahren ist Bausch Klinikarzt in Werl. Mit 1050 Insassen eine der größten Haftanstalten Deutschlands. Obwohl seine erste Bewerbung als Gefängnisarzt wegen der äußerlichen und mentalen Nähe zu seinen künftigen Patienten scheiterte, ist er inzwischen Leitender Regierungsmedizinaldirektor. Mit zwei Kollegen kümmert er sich – neben Husten, Schnupfen, Heiserkeit – um 400 chronisch kranke Schwerstverbrecher.

Das Schauspiel helfe ihm, die Empathie im Alltag nicht zu verlieren. Egal ob für den Eierdieb oder den Kinderschänder. Es gelte, die Würde der Häftlinge zu akzeptieren und den Humor zu bewahren. Als „approbierter Beichtvater mit Schweigepflicht“ erfahre er mehr als jeder Jurist, betont der 64-Jährige bei der Veranstaltung des Hauses der Geschichte.

„Kaum jemand kennt einen Knast von innen“, erklärt Bausch, warum er sein Buch geschrieben hat. Seit seinem Erscheinen 2012 hat es sich fast eine viertel Million Mal verkauft. Weder Talkshows noch Fachliteratur seien das geeignete Format, das Alltagsleben im normalen Knastbetrieb darzustellen.

Er hat es auch mit den ganz harten Jungs zu tun: Mörder, Totschläger, Vergewaltiger, Kinderschänder. 150 Sicherungsverwahrte, deren Chancen schlecht stehen, wieder auf freien Fuß zu kommen. Trotzdem sei es wichtig, früh mit einer Therapie zu beginnen, kritisiert er den trägen Vollzug. Silvia Müller, Psychotherapeutin auf dem Hohenasperg, stimmt zu, kontert aber, dass es wenig sinnvoll sei, drei Jahre zu therapieren und zehn Jahre bis zur Entlassung zu warten. Bis dahin sei der Effekt verflogen.

15 Prozent der psychisch Kranken seien unerkannt im Regelvollzug, verlangt Bausch, nicht unnötig Zeit zu verlieren. Die Hälfte der Häftlinge könne später problemlos entlassen werden. „Wir wissen nur nicht, welche.“ Deshalb müssten therapeutische Angebote generell gemacht werden.

Besonders schwer sei, einen Zellennachbarn zugeteilt zu bekommen, von dem man nicht weiß, was er ausgefressen hat. Vor allem für ältere Insassen, die sich nicht mehr zu wehren wüssten. Diese Ungewissheit sei die Hölle. Dazu die Monotonie: 23 Stunden täglich in der Zelle. „Gefängnis ist selbst für Schwerverbrecher eine Ausnahmesituation.“ Es müsste vor der Entlassung so etwas geben wie einen Übergangsvollzug, fordert Bausch. Eine Zeit, in der die Häftlinge, die bereits zwischen 20 und 50 Jahre auf dem Buckel haben, lernen mit Hartz IV auszukommen. Statt im nächsten Augenblick, rückfällig zu werden. Das biete die Sozialtherapie auf dem Hohenasperg, so Silvia Müller, die seit neun Jahren hier arbeitet. Die meisten der 60 Häftlinge seien hoch motiviert. Sie wüssten: Auf ihren Platz warten Hunderte andere. Und es brauche nicht viel, um aus dem Programm zu fliegen.