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Kollektionen mit inneren Werten

Die Designerin Sanna Schubert hat die besten Modeakademien Europas besucht. Jetzt ist sie zurück in der Heimat und hat eine Botschaft.

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Es vergeht kaum ein Tag, an dem Schubert nicht einen Stift in die Hand nimmt, um zu zeichnen.
Es vergeht kaum ein Tag, an dem Schubert nicht einen Stift in die Hand nimmt, um zu zeichnen.
Model Glendys Milanes trägt einen preisgekrönten Schubert-Entwurf. Foto: privat
Model Glendys Milanes trägt einen preisgekrönten Schubert-Entwurf. Foto: privat
In Antwerpen wälzt die Designerin Werke über Modegeschichte und Philosophie.
In Antwerpen wälzt die Designerin Werke über Modegeschichte und Philosophie.

Ludwigsburg. Ein Atelier an der Asperger Straße. Hier entwirft die Designerin Sanna Schubert, 30, die Mode der Zukunft. Models, die für sie auf den Laufstegen posieren, umhüllt sie am liebsten mit organischen Stoffen. Tabu sind Lederimitate, für die tonnenweise Erdöl und Chemie verbraucht werden, und T-Shirts für zwei Euro, die nach fünfmal waschen in der Tonne landen. „Die Modeindustrie gehört heute zu den größten Müllproduzenten der Welt“, sagt Schubert, eine ansonsten unaufgeregte Frau mit dunkler Hornbrille, schwarzem Rollkragenpullover, Rock und pinkfarbenen Chucks. Von Händlern und Konsumenten verlangt sie die Bereitschaft, umzudenken und sich für die grüne Avantgarde auf dem Catwalk zu öffnen.

Auf der Fashion Week in Berlin präsentiert die Modestudentin Schubert im Sommer 2018 eine Frauenkollektion in kräftigen Farben: rot, blau, gelb und pink. Das Motto: „Girls are hunters“, Mädchen sind Jägerinnen. Dafür geht sie auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert, als Männer Highheels, Rüschen und Strumpfhosen tragen und Pink als männliche Farbe gilt, die für Macht und Energie steht. „Girls are hunters“ spielt mit den klassischen Geschlechterrollen. Mit der Kollektion will Schubert ausdrücken, dass im 21. Jahrhundert auch Frauen längst nach Erfolg, Einfluss und Anerkennung streben – ohne ihre Weiblichkeit aufgeben zu müssen. Für die Entwürfe bekommt die Jungdesignerin, die in Asperg aufgewachsen ist und am Helene-Lange-Gymnasium in Markgröningen Abitur gemacht hat, auf der Berliner Fashion Week den europäischen Rebelpin Fashion Award in der Kategorie Studenten.

Schubert sieht sich auf dem richtigen Weg. Anfangs entwirft sie noch Hosen, die einen freien Blick auf den Hintern bieten. Sie stellt Models Rücken an Rücken und hüllt sie in Kleider aus unzähligen Ärmeln. Damit ist es jetzt vorbei. „Ich will Mode erschaffen, die anwendbar ist“, sagt die Designerin, „sonst wäre es ja Kunst.“ Diese Erkenntnis reift auf einer langen Reise, die Schubert und ihre Familie, zu der ein Ehemann und drei Kinder gehören, quer durch Europa führt. Angenehmer Nebeneffekt: Ihr Englisch wird verhandlungssicher, italienisch, französisch und niederländisch spricht sie gut.

Reutlingen. An der Hochschule zu Füßen der Alb macht Schubert den ersten Schritt. Ihre Dozenten legen Wert auf die Grundlagen – wie man Stoffe näht und Schnitte erstellt. Auf dem Campus gibt es Webereien, Strickereien und Druckereien. „Die Ausstattung ist fantastisch“, sagt die Designerin. 2012 zieht sie nach drei Jahren mit einem Bachelor of Arts in Mode- und Textildesign weiter nach Belgien.

Damals ahnt Schubert noch nicht, dass sie 2018 für anderthalb Jahre in die Nachbarschaft zurückkehrt. Bei Hugo Boss in Metzingen arbeitet sie in einem Team mit, das T-Shirts, Polohemden und Sweatshirts entwirft. Ihre Produktgruppe steht für große Verkaufszahlen. Beim Branchenriesen Boss erlebt Schubert, wie aus vielen einzelnen Teilen ein Gesamtbild entsteht.

Antwerpen. Ein Altbau im Zentrum der belgischen Hafenstadt. Hier ist die Königliche Akademie der Schönen Künste untergebracht. Sie gehört zu den ältesten und besten Modeschulen der Welt. Wer hier studiert, muss sich durchbeißen, nur die wenigsten verlassen Antwerpen mit einem Master of Arts in Fashiondesign. „Die Branche ist hart“, sagt Schubert. „An der Akademie wird man gut darauf vorbereitet. Diese Einstellung beruht nicht auf Boshaftigkeit.“

Antwerpen wird für fast vier Jahre zu ihrer Heimat – wie vorher schon für Dries van Noten, Dirk Bikkembergs oder Martin Margiela, allesamt Koryphäen der Branche. Als Ausgangspunkt für Kollektionen dienen den Dozenten an der Akademie gerne mal holländische Leibgardisten von vor 400 Jahren, und wie man sie untenherum bekleiden könnte. Oder Gemälde des französischen Malers Francois Boucher der Madame de Pompadour aus dem 18. Jahrhundert.

An der Akademie schärft Schubert ihre zeichnerischen und künstlerischen Fähigkeiten und wälzt Werke über Modegeschichte und Philosophie für den theoretischen Überbau. Die Studentin fällt auf, dafür sorgen auch ihre drei Kinder, zwei Mädchen, ein Junge. So etwas hat es vorher noch nicht geben.

Dann wird das kleine, avantgardistische Modelabel A.F. Vandevorst auf Schubert aufmerksam. Sie designt eine Frauenkollektion mit, ihr wird Verantwortung übertragen. Die Antwerpener Zeit bewertet sie in der Rückschau als „sehr wichtig“. Das größte Problem in der Stadt, sagt Schubert schmunzelnd: „Es gab nicht einen guten Kaffee.“

Florenz. An der privaten Modeschule Polimoda wird den Absolventen verklickert, dass es nicht nur auf das Design ankommt, sondern die Kleidung auch an den Mann oder die Frau gebracht werden muss. „Manche Entwürfe funktionieren vielleicht auf dem roten Teppich“, sagt Schubert, „aber nicht im Restaurant.“ In der Toskana hat sie das Gefühl, dass sie nun einen kompletten Blick auf die Branche werfen kann und sich ihre Überzeugungen verfestigen. Schubert legt den Fokus auf (nachhaltiges) Material und Farben.

In Florenz lebt sie im Zentrum, besucht Museen und bekommt endlich guten Kaffee serviert. Manchmal ist das Leben auch anstrengend, wenn sie mit Koffern und Kleidern bepackt zur Uni muss und von Touristen angerempelt wird. Doch im Herbst 2017 ist sie am Ziel und nimmt ihren Master of Arts in Collectiondesign entgegen. Als Freelancerin folgen Entwürfe für Kinderkollektionen. Ihre Auftraggeber sind Fila und Crocs, bis Hugo Boss aus Metzingen ruft.

Ludwigsburg. Im Winter 2020 ist Schubert mit ihrer Familie am Ausgangspunkt ihrer Europareise angekommen. Die Kinder sind mittlerweile zwölf, sieben und fünf Jahre alt. In Asperg wohnen die Eltern. Im Atelier des Vaters, eines Grafikdesigners, hat Schubert früher gespielt. Ihre Mutter brachte ihr das Nähen bei. In Kornwestheim leben die Schwiegereltern. Das macht es leichter, Beruf und Privates unter einen Hut zu bekommen. Für Polimoda organisiert Schubert Events, um den Namen der Modeschule in die Welt zu tragen. Aber in erster Linie bereitet sie sich auf die Selbstständigkeit vor. Die klassischen Modemetropolen sieht sie als gesättigt an. Über Deutschland sagt Schubert, was auch für sie selbst gilt: „In den vergangenen Jahren ist viel passiert, hier kann noch etwas entstehen.“