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Ukraine-Flüchtlinge
Kreis zu Flüchtlingsaufnahme aus Ukraine: „Wir werden auch das schaffen“

Aaron Müller zeigt den Politikern Siegfried Lorek, Dietmar Allgaier und Michael Makurath (von links) eines der Hotelzimmer, die für die Flüchtlinge vorbereitet worden sind. Fotos: Holm Wolschendorf
Aaron Müller zeigt den Politikern Siegfried Lorek, Dietmar Allgaier und Michael Makurath (von links) eines der Hotelzimmer, die für die Flüchtlinge vorbereitet worden sind. Fotos: Holm Wolschendorf
Viele Kleiderspenden sind bereits im Hotel eingegangen und warten nun auf neue Besitzer.
Viele Kleiderspenden sind bereits im Hotel eingegangen und warten nun auf neue Besitzer.
Erste deutsche Worte können die Ukrainer auch beim Einsortieren des dreckigen Geschirrs lernen.
Erste deutsche Worte können die Ukrainer auch beim Einsortieren des dreckigen Geschirrs lernen.
Einer der beiden Gebäudeteile ist derzeit für die Flüchtlinge reserviert, der andere für „normale“ Hotelgäste.
Einer der beiden Gebäudeteile ist derzeit für die Flüchtlinge reserviert, der andere für „normale“ Hotelgäste.
Die ersten vom Land zugeteilten Ukrainer sind in der Jugendherberge Ludwigsburg und einem Hotel untergekommen. Reichen wird das aber nicht, machte Landrat Dietmar Allgaier bei einer Besichtigung in Ditzingen klar. Die Hilfsbereitschaft macht die Verantwortlichen aber auch optimistisch.

Ditzingen. Es herrscht wieder Betrieb in jenem Hotel am Rand der Ditzinger Kernstadt, fast wie vor Corona, als sich die Zimmer vor allem dank großer Veranstaltungen gefüllt haben. Doch die Mitarbeiter des Vier-Sterne-Hauses der Heilbronner Plaza-Group, von denen viele nach langer Kurzarbeit wieder „von Null auf 100 starten konnten“, so Betriebsleiter Aaron Müller, kümmern sich nicht (nur) um dieselben Gäste wie früher. Sichtbar ist das schon an den vielen, teils handgeschriebenen Zetteln auf Kyrillisch: Denn seit 18. März leben Flüchtlinge aus der Ukraine hier in einem von zwei Gebäudeteilen.

102 waren es am Mittwoch, so Müller, während er Migrationsstaatssekretär Siegfried Lorek, Landrat Dietmar Allgaier, Dezernent Jürgen Vogt, OB Michael Makurath sowie Vertreter von Kreis und Stadt durch das Haus führte. Und schon diese Zahl macht deutlich, wie schnell sich alles entwickelt – denn in einer Presseinfo war mit Stand 29. März von 73 Menschen die Rede, die dem Kreis zugeteilt und nach Ditzingen gebracht wurden (20 in die Jugendherberge). Eine Zahl aber, die mutmaßlich dem entsprechen wird, was täglich erwartet wird, wenn man die Zuweisungen herunterrechnet, was bislang aber noch nicht so eintraf. Wie viele Ukrainer schon hier sind, ist nicht bekannt, ein Großteil der über 1500 Menschen – eine Schätzung ausgehend von 600 Anträgen (oft für mehrere Personen einer Familie) auf Asyl-Leistungen – kam privat unter.

Weitere Plätze im Marbacher Klinikgebäude, einer Gewerbehalle und vielleicht auch in Sporthallen

Doch klar ist: Es werden mehr. Der Kreis schafft deshalb weitere Kapazitäten. In dem von ihm angemieteten Gebäudeteil im Plaza Hotel in Ditzingen könnte man bis zu 270 Menschen beherbergen, schon jetzt sind ohnehin viele der zur Verfügung gestellten Doppelzimmer um ein kleines Bett für Kinder ergänzt worden, heißt es bei der Besichtigung. Zudem soll noch in dieser Woche das ehemalige Krankenhaus in Marbach bezugsfertig sein und 100 Plätze bieten. Weitere Notunterkünfte sind in Vorbereitung, etwa die ehemalige, aber schon mal für Flüchtlinge genutzte Gewerbehalle in Freiberg sowie die Sporthallen der Beruflichen Schulen.

Dabei hatte – zumindest in Ditzingen – alles mit nur einer Person begonnen: einem Arbeiter auf einer Baustelle der Plaza-Group in Timmendorf. Am Tag nach Kriegsausbruch traf er auf die Geschäftsführerin Yonca Yalaz, die die Sorge des Mannes um seine Familie in der Heimat sah und anbot, diese in einem ihrer Hotels kostenfrei unterzubringen. Mittlerweile leben die Angehörigen in Mannheim, die Geschichte sprach sich herum. „Holt alle, die ihr holen könnt!“, habe sie zu den Bauarbeitern gesagt, so Yalaz, das gelte auch für diejenigen, die Russland verlassen wollten. Bislang hat die Plaza-Group elf Familien mit 47 Menschen untergebracht. Damit war auch die Idee geboren, die Kommunen anzuschreiben und die Hotels anzubieten. Denn zu Beginn sei nichts wichtiger als ein Dach über dem Kopf und das Gefühl von Sicherheit, so Hotelleiter Müller, der dazu die Geschichte eines Ukrainers schilderte, der nach seiner Ankunft 48 Stunden geschlafen habe, weil er hier erstmals zur Ruhe kam.

Sozial- und medizinische Angebote geschaffen

Doch es ist noch viel mehr nötig, weiß auch Yalaz, deren Eltern aus der Türkei stammen, aus eigener Erfahrung. Doch auch dafür ist in Ditzingen gesorgt. Zum einen gibt es einen extra Raum für das Landratsamt, das Sprechstunden anbietet, in einem anderen werden die Flüchtlinge registriert – ohnehin funktioniere die Zusammenarbeit mit den Behörden hier so gut wie kaum wo sonst, wird gelobt. Wichtigste Räume für Yonca Yalaz sind aber einer für den Aufenthalt, mit Spielsachen und Kleidung („Die Spendenbereitschaft ist enorm“). Nebenan können die Flüchtlinge essen, auf dem Flur stehen den ganzen Tag Warmhaltebehälter mit Speisen, ebenso Kaffeeautomat und Co. Denn beim ersten Projekt, wie Yalaz es nennt, in Hamburg habe es nicht funktioniert, den Zeitraum fürs Frühstück zu nennen – alle seien dann Punkt sieben dagestanden, der Raum übervoll. Ungünstig in Coronazeiten.

Apropos: Auch für die medizinische Betreuung ist gesorgt, ein ehemaliger Impfbus fungiert seit Dienstag in Kooperation mit dem MVZ Ludwigsburg als rollende Praxis – zudem ist eine Ärztin unter den Flüchtlingen –, fährt wöchentlich alle Unterkünfte an und bietet unter anderem bald Masernimpftermine an, Thema für diejenigen, die nicht weiter per Handy am Online-Unterricht von zu Hause teilnehmen. „Schule“ kann es aber auch im Hotel geben, in einem weiteren Sozialraum. Dort könnte man viele zusammenrufen und informieren, auch das ist wichtig, so Yalaz. Oder Sprachunterricht anbieten. Und da kommt ein weiterer Akteur ins Spiel: das Ehrenamt, bei der Besichtigung vertreten durch Herbert Kühn, stellvertretenden Sprecher des AK Asyl. Der erzählt von einem syrischen Apotheker, der selbst als Flüchtling nach Ditzingen kam, und dank seines Studienorts nun beim Übersetzen half, weil auch ihm geholfen worden sei – „das zeigt, dass hier bei der Integration nicht viel falsch gelaufen ist“.

Die einen im Hotel, die anderen „nur in Baracken“?

Doch was sagen nun die „anderen Flüchtlinge“, die noch heute teils in heruntergekommenen Häusern mit nur einer Dusche und WC für alle leben? Es habe zwar auch schon bislang unterschiedliche Standards bei der Unterbringung gegeben, aber er habe da noch nicht so argumentieren müssen wie wohl jetzt, sagt Herbert Kühn, auch mit Blick auf deutsche Obdachlose. Aber das müsse man aushalten, heißt es, auch von OB Makurath, wenngleich er auch darauf verweist, dass in der Stadt noch 350 Flüchtlinge aus der großen Welle seit 2015 lebten und integriert werden mussten.

Ohnehin werde die deutsche Gesellschaft in nächster Zeit sehr gefordert, machen alle Beteiligten klar. Sei es, weil nach langer Coronapause nun weiter in manchen Hallen kein Sport möglich ist oder manche Kommunalverwaltung überlastet sein wird. Aber für die Unterbringung von Menschen, denen Bomben auf den Kopf fielen, müsse das selbstverständlich sein, so Lorek. Und alle sind sich auch sicher, wie es Makurath sagt: „Das wird kein Kurzstreckenlauf, sondern ein Marathon. Aber auch wenn es sich abgeledert anhört: Wir werden auch das schaffen.“