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Interview mit Ludwigsburger Landrat über Kernkraftwerke, Stadtbahn und die RKH-Kliniken
Landrat Dietmar Allgaier fordert längere Laufzeiten für Atomkraftwerke

Das GKN 2 soll spätestens Ende 2022 vom Netz gehen. Landrat Dietmar Allgaier befürwortet jedoch eine Verlängerung der Laufzeit. Archivfoto: Alfred Drossel
Das GKN 2 soll spätestens Ende 2022 vom Netz gehen. Landrat Dietmar Allgaier befürwortet jedoch eine Verlängerung der Laufzeit. Archivfoto: Alfred Drossel
„Wir müssen im schlimmsten Fall auch ganze Gebäudeteile schließen, wenn es nicht mehr genug Gas gibt“, sagt Dietmar Allgaier. Foto: Andreas Becker
„Wir müssen im schlimmsten Fall auch ganze Gebäudeteile schließen, wenn es nicht mehr genug Gas gibt“, sagt Dietmar Allgaier. Foto: Andreas Becker
Landrat Dietmar Allgaier plädiert in der aktuellen Diskussion über eine Laufzeitverlängerung der noch aktiven Atomkraftwerke dafür, auch das GKN 2 in Neckarwestheim am Netz zu belassen. „Es kann ja nicht sein, dass wir unsere Kernkraftwerke in dieser Notlage abschalten und dann Atomstrom von außen einkaufen“, sagt Allgaier im LKZ-Interview.
Kreis Ludwigsburg.

Herr Landrat, wie heizen Sie zu Hause in Kornwestheim?

Dietmar Allgaier: Noch mit Gas. Aber wir haben uns schon vor einiger Zeit entschlossen, auf Photovoltaik und Pelletheizung umzustellen.

Wie rüstet sich der Kreis Ludwigsburg gegen die Gasknappheit?

Wir haben verwaltungsintern zahlreiche Vorgaben zum Strom- und Energiesparen in den Gebäuden des Kreises gemacht. Wir haben E-Ladesäulen eingerichtet, wir nutzen Photovoltaik in vielen Bereichen, wir haben die Glühbirnen auf LED-Technik und Bewegungsmelder umgerüstet, Heizungen dürfen nicht mehr mit Möbeln oder Vorhängen zugestellt werden. Ich habe alle Mitarbeiter direkt zum Energiesparen aufgerufen, die Schulen haben eine Checkliste erhalten. Das sind viele kleine Maßnahmen.

Wie reagiert der Kreis, wenn immer weniger Gas zur Verfügung steht?

Ich habe ein Ampelsystem entwickeln lassen. Je nachdem, wie die Lage ist, können wir dann reagieren. Grün tut niemanden weh. Bei Gelb wird die Temperatur in den Räumen gesenkt. Bei Rot werden ganze Gebäudeteile abgehängt und geschlossen. Es ist ein Bündel an Maßnahmen.

Ist damit zu rechnen, dass im Herbst/Winter die Temperaturen in öffentlichen Gebäuden gesenkt werden?

Wenn wir in eine komplette Energiekrise geraten, dann schließe ich nicht aus, dass auch Gebäude nicht genutzt werden. Vielleicht müssen wir in den Ferien die Verwaltung auch komplett oder zumindest an einzelnen Tagen dichtmachen.

Sind davon dann auch Kitas und Schulen betroffen?

Wenn die Kita geöffnet ist, dann muss sie auch beheizt sein. Wir tauschen uns gerade mit den Kommunen aus, um ein einheitliches Vorgehen festzulegen. Nicht nur bei den Kitas und Schulen.

Was heißt das?

Wir haben einen Runden Tisch, an dem auch die Netzbetreiber sitzen. Wir wollen von ihnen wissen, wen sie als versorgungsrelevant ansehen. Aber wir müssen auch Lösungen für die Menschen finden, die dann ihre Strom- oder Gasrechnung nicht mehr bezahlen können. Es darf nicht passieren, dass ganze Wohneinheiten abgehängt werden.

Der Notfallplan sieht unter anderem Wärmehallen für maximal 5000 Menschen vor. Aber wenn der Gashahn ganz abgedreht wird, könnte der Bedarf ja deutlich schneller steigen. Wie wollen Sie dem begegnen?

Wir haben Notfallpläne erstellt, die nicht nur bei der Gaskrise greifen. Wir wollen die Möglichkeit haben, Menschen kurzfristig unterzubringen und zu versorgen. Im schlimmsten Fall müssen wir uns auf die Menschen konzentrieren, die die Hilfe am nötigsten haben.

Könnte eine Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke in dieser Situation helfen?

Absolut. Die Kernkraftwerke, die noch am Netz sind, sollten weiterlaufen. Vor dem Hintergrund der Gefahren der jetzigen Energiekrise für unsere Gesellschaft und unsere Industrie können wir uns eine Abschaltung zum jetzigen Zeitpunkt meines Erachtens nicht leisten.

Das gilt dann auch für Neckarwestheim.

Ja, auch Neckarwestheim sollte weiter betrieben werden. Wir sollten uns die Kapazitäten für drei bis fünf Jahre sichern. Das wäre laut der Betreiber von Neckarwestheim durchaus machbar. Es kann ja nicht sein, dass wir unsere Kernkraftwerke in dieser Notlage abschalten und dann Atomstrom von außen einkaufen und uns damit auch wieder in Abhängigkeiten Dritter begeben.

Stellen Sie den Ausstieg grundsätzlich infrage?

Nein. Aber angesichts der jetzigen Situation müssen wir auf alle Möglichkeiten zurückgreifen, die tragfähig und sicher sind.

Ist Neckarwestheim trotz aller Meldungen über Risse in den Leitungen sicher?

Ja, ich habe keine schlaflosen Nächte wegen Neckarwestheim. Das Problem ist nicht die Sicherheit. Fraglich ist eher, ob man noch Brennstäbe, die nötige Technik und Personal findet, wenn man noch lange diskutiert. Die Politik muss jetzt entscheiden.

In Ihrem Whatsapp-Statusbild sieht man Sie als Lokführer der Strohgäubahn. Stehen Sie 2028 bei der Jungfernfahrt der Stadtbahn auch hinter dem Steuer?

Da würde ich gerne mitfahren. Das Steuer überlasse ich aber lieber den Profis. Wir wollen ja nicht gleich die neue Stadtbahn entgleisen lassen. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir Ende 2028 fahren werden.

Der Gordische Knoten ist bei der Stadtbahn durchschlagen. Die Stadt Ludwigsburg hat der Planung zugestimmt. Wie ist der weitere Zeitplan?

Das war ein historisches Ereignis – zumindest für die Stadtbahn. Jetzt können wir in die Vorplanungen gehen. Wir schreiben die ingenieurtechnischen Leistungen EU-weit aus. Dann werden wir ein Anwohnerbeteiligungsverfahren durchführen, bei dem die Bürger auf der Stammstrecke zwischen Ludwigsburg, Möglingen und Markgröningen breit über die Stadtbahn informiert werden.

Befürchten Sie, dass sich dabei noch mal Widerstand bildet?

Es gibt Skeptiker. Aufgabe der Bürgerinformation ist, diese Skeptiker durch Fakten zu überzeugen.

Kann es in den Kommunen auch zu einem Bürgerentscheid kommen?

Das schließe ich nicht aus. Aber wir spüren viel Zustimmung.

Könnten die in jeder betroffenen Kommune stattfinden – also in Ludwigsburg, Möglingen und Markgröningen?

Das ist grundsätzlich möglich. Die Kommunen haben die Planungshoheit.

Angenommen, Möglingen und Markgröningen stimmen bei einem Bürgerentscheid zu, Ludwigsburg aber nicht. Was passiert dann?

Das wollen wir mit unseren Informationsveranstaltungen ja gerade verhindern. Am Ende benötigen wir den Konsens aller Beteiligten. Ein negatives Votum aus einer Kommune würde uns in unserer Zeitplanung stark zurückwerfen. Wir wollen ja mit der Gesamtplanung 2025 durch sein.

Wo sehen Sie jetzt die wesentlichen Knackpunkte?

Die großen Hürden sind mit dem positiven Votum aus Ludwigsburg beiseite geräumt worden. Die politischen Probleme sind jedenfalls gelöst. Aber es kann natürlich noch Schwierigkeiten bei der Planung und der Durchführung geben. Es ist immens schwierig, Dienstleister, ausführende Unternehmen zu bekommen, keiner weiß, wie sich die Lieferketten in den nächsten Jahren entwickeln. Da sind noch einige Fragezeichen. Aber die Stadtbahn ist aufs Gleis gesetzt. Wir müssen sie jetzt nur noch zum Fahren bringen.

Können Sie etwas zu den zu erwartenden Kosten sagen? Zuletzt ist man von rund 250 Millionen Euro ausgegangen.

Das ist die Planungssumme aus dem Jahr 2015. Diese ist aber sicher nicht mehr aktuell. Wir müssen mit einer Kostensteigerung rechnen. Wir werden auf Grundlage der Vorplanung eine detaillierte Kostenuntersuchung vorlegen.

Ab wann würden Sie bei dem Projekt kalte Füße kriegen? Wenn sich die Kosten verdoppeln?

Ich bekomme erst dann kalte Füße, wenn wir die Fördermittel nicht mehr in der geplanten Höhe erhielten. Wir brauchen die Förderung vom Bund und wir möchten uns die zusätzlichen Gelder vom Land für den Betrieb sichern. Baden-Württemberg zahlt für die ersten 100 Kilometer reaktivierter Stammstrecken auch einen Zuschuss für den laufenden Betrieb.

Allerdings nach dem Windhundprinzip.

Ja, aber wenn alles wie geplant läuft, bin ich zuversichtlich, dass wir unter den ersten „Windhunden“ sein werden.

Nach langem Tauziehen konnten Sie Ihren Kompromiss im Aufsichtsrat durchsetzen, dass Prof. Jörg Martin noch zwei Jahre Chef der RKH-Kliniken bleibt. Mit Option auf Verlängerung um ein Jahr. Von außen hat man das Gezerre als recht unwürdig für Prof. Martin erlebt. Wie beurteilen Sie dieses Ringen im Aufsichtsrat und was lernen Sie daraus für die Zukunft?

Ich empfand es nicht als unwürdig, sondern eher als unglücklich. Die Personaldiskussion sollte nicht in aller Öffentlichkeit stattfinden. Es gab den Konsens, dass wir den Vertrag von Prof. Martin verlängern. Offen war die Frage des Verlängerungszeitraums. Die Struktur mit mehreren Aufsichtsräten innerhalb der Kliniken-Holding macht es manchmal etwas schwierig.

Der Aufsichtsrat soll die zukünftige Führungsstruktur erarbeiten. Würde sich dafür ein Blick auf die Kreissparkasse lohnen? Also ein Triumvirat mit einem Finanzvorstand, einem technischen Vorstand und einer Führungspersönlichkeit, die als Sprecher im Fall der RKH-Kliniken vor allem den medizinischen Bereich im Blick hat?

Ja. Einen Alleingeschäftsführer wird es in der heutigen Form künftig so eher nicht mehr geben. Dafür ist die Holding zu groß. Die Verantwortung muss geteilt werden. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass es in Zukunft eine Dreierspitze gibt, mit einem Sprecher der Geschäftsführung, der möglichst aus dem medizinischen Bereich kommt. Wir benötigen dann aber noch einen kaufmännischen Geschäftsführer und einen Verantwortlichen für den Bereich Recht und Personal. Diese Bereiche agieren für die gesamte Holding.

Wie sehen die nächsten Schritte bei der Suche aus?

Wir werden uns in dem Prozess beraten lassen. Wir wollen uns die Führungsmodelle anschauen, die es in Deutschland und Europa im Klinikenbereich bei vergleichbaren Häusern unserer Größe gibt. Diese Modelle werden wir mit dem Aufsichtsrat diskutieren und uns dann auch auf eines festlegen.

Kenner der Szene sagen, dass die Auswahl für die Nachfolge von Professor Martin gar nicht so groß sei – vor allem nicht, wenn man nur in Baden-Württemberg sucht.

Ja, man kennt sich. Wir werden am Anfang sicher selbst auf die Suche gehen und dann entscheiden, ob wir noch eine Personalagentur einsetzen.

Der Fall Tabitha, die schreckliche Tötung des 17-jährigen Mädchens aus Asperg, hat nicht nur deutschlandweit Schlagzeilen gemacht. Es hat auch Rechtsradikale auf den Plan gerufen, die den Fall ausnutzen wollen. Dabei wurde Aspergs Bürgermeister Christian Eiberger schwer angefeindet. Wie kann man Bürgermeister, die ja auch in der Coronapandemie oft hart angegangen wurden, unterstützen?

Wir brauchen einen gesellschaftlichen Zusammenhalt der Vernunft und der Vernünftigen. Es ist schrecklich, dass im Fall Tabitha auch von manchen Personen nicht einmal auf die Familie und den Schmerz der Angehörigen Rücksicht genommen wurde. Diese Menschen haben versucht, aus diesem Fall politisch Kapital zu schlagen – das ist widerwärtig. Wir müssen den Rechtsextremisten Einhalt gebieten. Auch um Angehörige, Mandatsträger und unsere Bürgermeister zu schützen. Bürgermeister Eiberger hat sehr mutig gehandelt und hat unsere volle Unterstützung verdient.