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„Leder ist ein Naturprodukt“

Christian Wiesner (links) und Volker Nagel im 2000 Quadratmeter großen Lager: 70 000 Quadratmeter Leder in vier Programmen und in 196 Farben sind auf Böcken aufgeschichtet. Das verhindert ungewollte Faltenbildung. Foto: Gmelich und Söhne
Christian Wiesner (links) und Volker Nagel im 2000 Quadratmeter großen Lager: 70 000 Quadratmeter Leder in vier Programmen und in 196 Farben sind auf Böcken aufgeschichtet. Das verhindert ungewollte Faltenbildung. Foto: Gmelich und Söhne

Großbottwar. „Wer in einem ICE der Deutschen Bahn in der ersten Klasse fährt, sitzt auf Gmelich-Leder“, sagt Christian Wiesner. Das wird kaum einem Bahnreisenden bewusst sein. Und wenn man das Lenkrad eines Lamborghini Gallardo umfasst, hat man ebenfalls Kontakt mit dem Luxusmaterial von Gmelich+Söhne aus dem Bottwartal – aber auch bei Flugzeugsesseln in Privatjets. Das Unternehmen aus Großbottwar hat prominente Kunden aus verschiedenen Branchen, produziert und vertreibt mit seinen 170 Mitarbeitern weltweit hochwertige Leder für Möbelproduzenten, für Schienen- und Straßenfahrzeuge, die Luftfahrtindustrie sowie den internationalen Handel. „Wir beliefern alle Premium-Möbelhersteller in Deutschland und Europa, betont Wiesner, der Anfang Juni die Leitung der Gmelich+Söhne GmbH von Volker Nagel übernommen hat. Nagel geht nach 23 Jahren zum Jahresende in den Ruhestand und bleibt bis dahin in beratender Funktion für das Unternehmen tätig. Vor der Coronakrise hat es große Projekte gegeben – in Luxushotels in Abu Dhabi oder auf Sitzen auf allen Pariser Flughäfen. Der Exportanteil liegt bei 50 Prozent. Gmelich führt in die europäischen Staaten, Australien, Kanada und nach China aus. „Wir liefern auch viel in die USA“, sagt der Diplombetriebswirt.

„Wir sind eine der wenigen vollstufigen Gerbereien, die es noch in Deutschland gibt“, betont der Geschäftsführer, dazu auch eine der modernsten und umweltfreundlichsten. Gmelich-Möbel-Leder wird nach dem Umweltzeichen Blauer Engel hergestellt. Das seit 40 Jahren existierende Umweltzeichen ist zudem für Verbraucher die Orientierung für nachhaltigen Einkauf. „Leder ist ein Naturprodukt, besonders langlebig und strapazierfähig“, betont Wiesner. „Da kommt kein Kunstleder heran.“ Der „Produktlebenszyklus“ spiele auch bei der Kohlendioxid-Bilanz eine entscheidende Rolle. Die herausragenden Ledereigenschaften wissen auch Motorradfahrer zu schätzen, die zum Beispiel die Lederbekleidung von BMW tragen. „Hier sind wir derzeit mit hydrophobiertem Leder in einem großen Projekt.“

Die Rohhäute erhalten Gmelich + Söhne direkt vom Schlachthof oder von Händlern geliefert – vor allem aus Baden-Württemberg, Bayern und Österreich. Die Häute stammen hauptsächlich vom Simmentaler Rind – vorwiegend von Kühen aus der Milchproduktion, aber auch von Bullen, die zur Fleischproduktion gehalten und im Alter von zwei Jahren geschlachtet werden. Die Häute fallen somit quasi als Abfallprodukt der Fleisch- und Milchproduktion an. Dieses „Kuppelprodukt“ müsse entsorgt werden, falls es nicht verarbeitet werde. Zudem mache der Preis für die Haut gerade mal drei Prozent des Gesamtertrages einer Simmentaler Kuh aus.

„Gmelich ist weltweit eine der ganz wenigen Gerbereien, die ihre Lieferkette bis zum Schlachthof, ja quasi bis zum Kuhstall des Bauern nachvollziehen kann“, betont Christian Wiesner nicht ohne Stolz. In bis zu 35 Arbeitsschritten wird aus den rohen Häuten im eigenen Betrieb das edle Leder hergestellt – vom Gerben über das Spalten und Färben. Bis zu 3500 Häute werden in der Woche auf den 7000 Quadratmeter großen Produktionsflächen verarbeitet. Etwa 5,5 Quadratmeter Leder kommen auf eine Kuhhaut.

Es gibt auch nicht viel Abfall, denn die Reste werden in der Lebensmittelindustrie zu Gelatine verarbeitet oder kommen in die Biogasanlage. „Wir haben in der Nachbarschaft einen Landwirt, der einen Teil unserer Hautabfälle hier direkt vor Ort in seiner Biogasanlage verwertet“, sagt Wiesner. „Im Gegenzug erhalten wir Wärmeenergie, mit der wir 90 Prozent unseres Warmwasserbedarfs decken.“

Im September 2020 hatte ein Corona-Ausbruch mit 15 Fällen das Unternehmen in einen zweiwöchigen Lockdown gezwungen. „Glücklicherweise haben wir während der Coronakrise aber keine Kurzarbeit gehabt“, sagt Wiesner. Die derzeit stattfindende Corona-Impfkamagne der Firma finde großen Anklang. „Sie hilft, insbesondere nach der Rückkehr aus dem Betriebsurlaub Ende August, die Ansteckungsgefahr für die Belegschaft zu minimieren und sie von der Testpflicht zu befreien“, betont der Geschäftsführer.

Die Geschäfte laufen gut, dennoch hat sich die Coronakrise auch bei Gmelich + Söhnen mit einem Umsatzeinbruch bemerkbar gemacht. „In diesem Jahr erwarten wir einen Umsatz von 21 Millionen Euro“, sagt Wiesner. Möglichst bald will der Betrieb wieder die Umsatzhöhe von 25 Millionen Euro erreichen – wie vor Ausbruch der Coronapandemie. „Wir sind in der Luxussituation, randvolle Auftragsbücher zu haben.“ Wiesner spricht von „massiven Auftragszuwächsen in den vergangenen Monaten“ und davon, dass man bei der Belieferung von Kunden bereits „Kompromisse“ machen müsse. Der Grund: Gmelich + Söhne kämpft wie viele Unternehmen in anderen Branchen mit Lieferengpässen und Preisanstiegen bei Chemikalien und Materialien. Auch die Rohware in der benötigten Qualität sei extrem teuer geworden – weil die Schlachtkapazitäten in der Krise zeitweise verringert werden mussten.

„Wir haben uns frühzeitig mit den Chemikalien eingedeckt“, sagt Wiesner. „Unsere Produktion ist bis in den September hinein gesichert.“

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