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Gottesdienst

Lichthupe begleitet das Amen

Evangelische Kirchengemeinden bieten einen Autogottesdienst auf dem Parken- und Mitnehmen-Platz an

Die beiden Pfarrer Samuel Hartmann und Daniel Renz predigen vom Pritschenwagen aus. Foto: Holm Wolschendorf
Die beiden Pfarrer Samuel Hartmann und Daniel Renz predigen vom Pritschenwagen aus. Foto: Holm Wolschendorf

Pleidelsheim/Murr. „Der blaue Himmel strahlte über uns, das Gemeinschaftsgefühl war da trotz der Distanz im Auto. Ich habe mich an das Lied „Hinter dem Horizont“ geht es weiter von Udo Lindenberg erinnert, gemeinsam sind wir stark. Gemeinsam überwinden wir diesen bösen Virus.“ Brunhilde Jäger wird schon fast philosophisch. Das Gemeinschaftsgefühl fehlt vielen, haben auch die beiden Pfarrer, Daniel Renz aus Murr und Samuel Hartmann aus Pleidelsheim, festgestellt. Die Leute sehnten sich nach Gesellschaft. Die Idee eines Autogottesdienstes auf dem Parken- und Mitfahren-Platz in Pleidelsheim an der Autobahn an Himmelfahrt kam an: Rund 50 Autos standen in Reih’und Glied.

Schon vor Gottesdienstbeginn waren Brunhilde Jäger und ihr Mann Michael hochgespannt. „Es ist etwas Außergewöhnliches. Man ist in der Natur und unter freiem Himmel“, sagen die beiden. Und im Auto könne man nach Herzenslust mitsingen, was für die beiden Großbottwarer besonders wichtig ist. Seither feierten sie die Gottesdienste in der Telefonkonferenz, jetzt könne man die Leute wenigstens wieder von weitem sehen. „Wir wollen wieder ein Stück Normalität“, sagen auch Andrea und Dirk Maisenhölder. „Wir haben uns gefreut, dass etwas angeboten wird. Es ist schön, sich zu treffen“, finden sie. Die Gemeinschaft sei spürbar, man könne sich wenigstens von weitem sehen. Zur Sicherheit haben sie für ihre zwei Kinder Bücher dabei und etwas zu trinken.

Auch die Mitglieder der beiden Posaunenchöre waren gespannt, wie das Zusammenspiel klappen würde, da man sich aufgrund des Abstandes doch nicht so gut hören könne. Pianist Martin Lutz übte ebenfalls fleißig. Seit acht Uhr morgens waren die Mitglieder des CVJM mit dem Aufbau der Lautsprecher beschäftigt, hatten ein Holzkreuz und einen kleinen Altar auf einem Biergarniturtisch auf einem Pritschenwagen aufgestellt.

Der besondere Gottesdienst beginnt dann auch ganz besonders. Statt Kirchenglocken läuten ihn die Autohupen ein – und zwar so lange, bis Daniel Renz sein Talar angezogen hat. Gott sei Dank ist er fix, 50 Autohupen können selbst bei nur einem geöffneten Fenster ziemlich laut sein. Die Lage des Platzes zwischen Pleidelsheim und Murr, Autobahn und Landstraße, Wald und Stadt nutzt Daniel Renz auch für seine Predigt. Die Menschen befänden sich gerade ebenfalls „dazwischen“: in einer Zeit vor und nach Corona, voller Hoffnung und voller Zweifel. Ähnlich sei es den Aposteln ergangen in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, auch sie wussten nicht, wie das Leben ohne Jesus werden würde. Auch dieser verriet nichts und ordnete eine Quarantäne in Jerusalem an. Die Apostel lebten also ihren Alltag weiter, darauf vertrauend, dass etwas Neues kommt. „Also leben wir auch unseren Alltag, wie er jetzt ist. Anders als die Apostel wissen wir aber, dass in zehn Tagen Pfingsten ist“, gab Renz mit auf den Weg. „Schicke uns Kraft, durchzuhalten, gib uns Hoffnung und schenke uns Geduld und Aufmerksamkeit“, bittet er Gott im Himmel. Sein „Amen“ wird wie vorher verabredet von eifrig blinkenden Lichthupen begleitet. Als Applaus für den gelungenen Autogottesdienst winken die Scheibenwischer und zum Abschluss tönen nochmals die Hupen.

Ob das mit dem Singen klappt, weiß man nicht so genau. Während aus einigen Autos doch ein Brummen zu hören ist, bleibt es in einigen auch ruhig. Der text- und tonsichere Pfarrer und der Chor der Kirchengemeinde fehlen doch einigen. Während Brunhilde und Michael Jäger lauthals mitsangen, tat sich Andrea Maisenhölder schwer: „Es war schwierig, mit meinem Mann gemeinsam den Ton zu finden“, sagt sie lachend. Der Autogottesdienst sei aber toll gewesen, auch dass die Autotechnik miteinbezogen wurde. Und für die Kinder sei es schön gewesen, da sie nicht wie im Gottesdienst still sitzen mussten, sondern im Auto herum krabbeln konnten. Auch Daniel Renz ist zufrieden. Die Technik habe gut funktioniert, das Wetter war super. „Das verrückte Format hat es geschafft, die Leute zu verbinden“, freut er sich.

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